"Vor dem Sterben habe ich keine Angst", sagt Jan Dijk*. Aber selbst schlucken will er das tödliche Medikament lieber nicht, sein Hausarzt soll es ihm spritzen. Wenn er die Schmerzen nicht mehr ertragen könne, dann solle sein Hausarzt ihm mit einer tödlichen Injektion helfen. Einen Ausweg sieht Jan Dijk darin. Er weiß aber auch, dass man im Ausland befremdet auf diese Form der Sterbehilfe blickt. Seine Schwester lebt in Kanada und hat ihm berichtet, dort erzähle man sich: Niederländische Ärzte brächten Menschen um.

Dijk lebt mit seiner Frau im zweiten Stock eines schlichten Wohnkomplexes in Zaandam, nördlich von Amsterdam. Bis vor Kurzem unternahmen die beiden noch kleine Reisen an den Rhein, doch dann erhielt Jan Dijk eine fatale Diagnose: Leberkrebs, unheilbar. Jetzt macht sich das Ehepaar Gedanken über ein würdevolles Lebensende. Natürlich würde Jan Dijk am liebsten auf natürliche Weise sterben – einfach morgens nicht mehr aufwachen. "Aber wenn ich nur noch auf dem Sofa liege und nichts mehr tun kann, was soll das noch?", fragt er. "Dann möchte ich gehen." Und sein Hausarzt soll ihm dabei helfen.

Jahrzehntelang duldeten die Strafverfolgungsbehörden in den Niederlanden, dass manche Ärzte ihren Patienten das Sterben erleichterten. Nach spektakulären Prozessen und hitzigen Debatten beseitigte der Gesetzgeber 2002 auch noch das letzte rechtliche Risiko für die Mediziner und ebnete den Weg für eine ärztlich assistierte Sterbehilfe. "Euthanasie" nennen es die Niederländer, wenn ein Arzt die tödlichen Medikamente spritzt. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zahl dieser ärztlich assistierten Suizide auf nunmehr 5.000 Fälle jährlich verdoppelt.

In der deutschen Debatte um eine Liberalisierung – oder Verschärfung – der Rechtslage beim assistierten Suizid ist das Beispiel der Niederlande allgegenwärtig. Und oft dient die Praxis dort auch als Beleg dafür, wie eine gut gemeinte Idee auf Abwege führen kann. Aber regiert in dem Nachbarland die Unmenschlichkeit? Ist das Leben bei schwerer Krankheit oder im hohen Alter dort nichts mehr wert? Sind die Niederländer gar auf dem Weg zu einer Sterbehilfe, für die der Patientenwille nicht mehr das einzige Kriterium ist?

Jan Dijk sollte wegen eines Herzklappenfehlers operiert werden. Doch dann entdeckten die Ärzte in seiner Leber den bösartigen Tumor. Die Risiken einer Operation waren nicht mehr tragbar, und eine Chemotherapie kam wegen seines schwachen Herzens nicht infrage. Also schickten die Klinikärzte ihn unverrichteter Dinge nach Hause. Dijk war schockiert. "Ich habe nie gewusst, dass es so schlecht um meine Leber steht", sagt der ehemalige Buchhalter, tief in das Sofa versunken. Plötzlich mit existenziellen Fragen konfrontiert, erinnerte er sich an die zwiespältigen Erfahrungen mit dem Tod in seiner Familie. Eine Nichte seiner Frau ist Krankenschwester und kennt das anonyme Sterben im Hospital. Einer seiner Söhne ist Bestatter, der die Überreste "ungeregelter" Suizide beseitigen muss. "Er hat viele grausam verstümmelte Selbstmordopfer gesehen", sagt Dijks Frau.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Wie viel friedlicher kann es doch zugehen, wenn ein Mensch freiwillig und mit ärztlicher Unterstützung aus dem Leben scheidet. Jan Dijk selbst war anwesend, als sich sein 94 Jahre alter lungenkranker Schwiegervater vom Arzt einen tödlichen Trank geben ließ. Damals hatten die Ärzte gefragt, ob der Patient noch einen letzten Wunsch habe. "Ich möchte eine Zigarre rauchen", habe dieser atemlos geantwortet. Einen letzten Zug, dann den Todestrank, und zehn Minuten später sei er fort gewesen. "Es war ruhig und friedvoll", erinnert sich Jan Dijk lächelnd – so solle es auch bei ihm sein. Der Familienhausarzt Gerrit Kimsma empfahl, den Sterbewunsch in eigenen Worten zu Papier zu bringen. Werde die Situation unerträglich und erstelle ein zweiter Arzt ein positives Gutachten, wolle der Hausarzt ihm die tödliche Injektion verabreichen.