Veit Dengler, CEO der NZZ-Mediengruppe, im Dezember 2014 in Zürich © Arnd Wiegmann/Reuters

Gut, das kann Zufall sein. Im Empfang an der Zürcher Falkenstraße 11 ging es zu und her wie im Wiener Flughafen Schwechat. Überall standen und saßen Manager mit Rollkoffern herum, alle dynamisch, alle smart und alle Österreicher wie der Boss der Neuen Zürcher Zeitung. Was viele befürchtet hatten, jetzt schien es eingetroffen: Zwei Jahre nach Veit Denglers Antritt als CEO haben die Österreicher die Macht im Schweizer Leitmedium übernommen.

Mit den Sitten und Gebräuchen des Hauses noch unvertraut, hatte er sich forsch als "early peaker" vorgestellt – einer, der stets früh am Ziel ist. Der Name blieb an ihm hängen. Auch seine Vorstellungstour durch die Schweizer Presse wirkte auf die soignierte NZZ befremdend. "Es kannte mich ja niemand", verteidigt Veit Dengler die ungewöhnliche Medienpräsenz. Die meisten Artikel fielen durchaus positiv aus. Die Journalisten mochten den verwöhnten NZZ-Kollegen einen wie Dengler gönnen. Genussvoll rapportierten sie, wie er mitten in der Konferenz aufstand: "We have a problem, fix it." Oder auf dem Display herumwischte, wenn ihm einer zu lange redete. Und "Quatsch!" rief, wenn er hinter einer Rechtfertigung eine Ausrede vermutete.

Jetzt liegt Veit Dengler, gleichsam hingeworfen, auf dem schwarzen Ledersofa seines Büros; der offene Hemdkragen spiegelt Offenheit wider. Auf seinem jungenhaften Gesicht hat das Leben keine Spuren hinterlassen. Wie sollte es auch. Bis jetzt lief alles nach Plan. "Die Arbeit hier macht Spaß", sagt er. "Ich mag das Produkt wirklich gern." Mit Produkt meint er die 235 Jahre alte Zeitung, die für viele konservative Wirtschaftsliberale die Bibel schlechthin ist.

Anderen im Haus dagegen ist der Spaß inzwischen vergangen. Denn so sauber, wie Veit Dengler aussieht, so sauber schlug er zu. Aus der Druckerei mit 125 Angestellten machte er Kleinholz. Das betuliche Stammblatt wird aufgepeppt, die Redaktion mit einem Newsroom umgekrempelt, über zwanzig neue Projekte warten in der Pipeline. "Jedes Quartal ein neues Produkt!", so schreckte er die alte Garde in ihren stillen Redaktionsstübchen auf.

Diese stört nicht nur sein Tempo, es ist auch seine Marschrichtung. Denn Denglers Zukunft ist digital. "Es gibt keinen Weg zurück in die frühere, heile Welt. Die Brücken brennen!", rief er in einem Haus, in dem noch immer viele lieber einen Artikel in der Schublade vermodern lassen, als ihn online zu veröffentlichen.

Dieser Artikel erschien in der Österreich- und Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Gegensätzlichere Welten hätte der NZZ-Verwaltungsrat kaum paaren können. Hier der manische Twitterer Dengler, dem nichts schnell genug geht. Dort eine Redaktion, die mit kultivierter Verspätung Hintergrund statt News liefert. Hier ein Manager der McKinsey-Generation, für den jede Branche gleich tickt, egal ob Waschpulver, Computer oder Medien. Dort die Redakteure, die ihr Fachgebiet ebenso beherrschen wie der Experte, den sie interviewen. Unerschütterlich ihre Überzeugung, die beste Zeitung der Welt zu machen. Und provokant ihr Understatement, ihre Artikel mit den kleingeschriebenen Initialen ihres Namens zu zeichnen. Die Leserschaft weiß ohnehin, wer ihnen die Welt erklärt.

Die krasse Paarung war gewollt. Nur ein Branchenfremder konnte das schwächelnde Leibblatt des Zürcher Freisinns, der im 19. Jahrhundert die moderne Schweiz maßgeblich formte, wieder auf Trab bringen. Ein Manager mit unverstelltem Blick, der sich über die Zicken und Empfindlichkeiten der "alten Tante" hinwegsetzt, wie die NZZ mit widerwilligem Respekt genannt wird. Veit Dengler überraschte seine Wahl nicht: "Ich hatte oft das Glück, Leute zu finden, die mir etwas zutrauten." Das liegt auch an seinem Auftreten. Er entert den Raum mit dem festen Schritt eines Siegers, der noch nie im Leben etwas teuer erkaufen musste.

Seine Liebe zu Wien entgeht den Zürchern nicht. Sie fühlen sich benachteiligt

Seine beiden ehrgeizigsten Projekte laufen eben an. In Zürich erschien gerade die erste Ausgabe des Magazins NZZ Geschichte. In Wien startete vor ein paar Monaten das neue Onlineportal NZZ.at. Vom Wiener Versuchslabor aus soll der gesamte deutschsprachige Markt mit potenziellen 100 Millionen zahlenden E-Lesern aufgerollt werden. Als Chefredakteur der 25-köpfigen Crew installierte Dengler einen Mann, dessen Person Programm ist. Michael Fleischhackers Pamphlet Die Zeitung. Ein Nachruf droht damit, dass bald kein Verlag mehr das teure Hobby eitler Journalisten finanzieren wird, die ihre Artikel auf zermanschten Baumstämmen gedruckt sehen wollen. Ebenfalls aus Wien stammt die 35-jährige Anita Zielina, bislang Online-Chefin beim stern, die demnächst Denglers Zürcher Online-Seilschaft verstärken wird. Denn in Wien spürt Dengler jene Begeisterung für die Zukunft, die er in Zürich oft vermisst: "Energie, geboren aus Spaß an der Arbeit."

"Ich lasse in Zürich alles Politische ruhen"

Seine Liebe zu Wien entgeht den Zürchern nicht. Sie fühlen sich benachteiligt. Und ärgern sich über seine Kommandos, die im Land der zutraulichen Diminutive besonders ruppig klingen. Fragen nach seinem Führungsstil stören Veit Dengler keineswegs. "Ich bin schnell, direkt und sicher manchmal ungeduldig." Auch beim Thema Time zeigt er keinerlei Unbehagen. Nur ein Missverständnis, dass er im Lebenslauf seine Praktikantenstelle beim amerikanischen Magazin ein bisschen aufhübschte. Ein kleiner Bluff, typisch Österreich halt, mokierte sich die Konkurrenz.

Fragen zu seinem Privatleben dagegen belegt Veit Dengler mit einem Tabu. Knappe Hinweise müssen genügen. Ja, er lebt mit seiner Frau, einer Griechin, und vier Kindern in Küsnacht. Ja, Mutter und Schwester sind Berufsmusikerinnen. Er selbst spielte ebenfalls Violine. Bis er erkannte: "Mein Talent reicht höchstens für die vierte Geige." So studierte er Wirtschaft und Politik in Wien und Harvard. "Das passt immer."

Der neue Chef erschien als Letzter zu einer Sitzung. Schallendes Gelächter begrüßte ihn

Bis er zehn war wuchs er mit Mutter und Geschwistern in der Steiermark auf. Dann zog er nach Budapest zu seinem Vater, einem österreichischen Diplomaten. "Plötzlich war ich wieder Einzelkind und wohnte in einer Villa." Dort, auf einem Salontisch, sah er erstmals eine NZZ liegen. Die Zeitung gehörte damals zum Leben aller Entscheidungsträger wie der Smoking oder die Zigarre. Für Veit Dengler tut sie dies noch immer. Behauptet er wenigstens. Und zählt mechanisch, wie jemand, der das schon allzu oft tun musste, die Qualitäten der Zeitung auf: Einordnung, Analyse, Wertung. Doch Glanz und Bedeutung des Blattes haben verloren. Selbst Wirtschaftsaffine orientieren sich heute lieber in anderen Zeitungen; die internationale Auflage beträgt gerade noch 11.000 Exemplare. Die Stammleserschaft stirbt weg, und neue, junge Abonnenten bleiben aus, trotz versuchtem Trend zu leichter konsumierbaren Texten. Letztes Jahr machte das Verlagshaus ein Defizit von 30 Millionen Franken.

Gut möglich, dass Veit Dengler auch aus persönlichen Gründen am alten Ruhm des Blattes festhält. Denn die NZZ sorgt für ein bisschen seriösen Glanz in der Karriere des ehemaligen Dell-Computerverkäufers, McKinsey-Experten und Vizepräsidenten beim Schnäppchenportal Groupon. Zudem lässt sich im historischen Gebäude mit Erkersicht auf den Zürichsee angenehm das Jahr 2018 abwarten. Dann wird in Österreich gewählt. Sollten es die von ihm mitgegründeten liberalen Neos wie erhofft in eine Regierungskoalition schaffen, hat Dengler beste Chancen auf den Posten des Wirtschaftsministers. Den Verdacht der Karriereplanung bestreitet er vehement: "Ich habe das noch nie gemacht. Ich ergreife Chancen."

Zudem gefällt’s der Familie Dengler in der Schweiz. Alles funktioniert reibungslos, die Schweizer haben ihren Staat im Griff: "Anders als die Österreicher, die einen Moloch durchfüttern." Groß auch der Unterschied zwischen der "wirklich unabhängigen Schweizer Presse" und den österreichischen Medien. Letztere lebten von den Inseraten der Parteien und würden sich hüten, sich mit kritischen Artikeln den Zugang zum Trog "der jährlich 200 Millionen Euro Werbeeinnahmen" zu verscherzen. Dazu kommt die Schweizer Pünktlichkeit. Gern zitiert Dengler sein Rundmail an die Mitarbeitenden. Es schloss mit der Mahnung: "Und lasst uns bitte pünktlich sein." Als er um 9.03 Uhr das Sitzungszimmer betrat, empfing ihn schallendes Gelächter: Er war der Letzte.

"Er wird sich schon anpassen", hatte Denglers Vorgänger Albert P. Stäheli prophezeit. "Gegen den Stallgeruch der NZZ kann sich niemand wehren." Tatsächlich haben zwei der drei McKinsey-Gefolgsleute, die Dengler brachte, das Haus wieder verlassen. Auch ist sein Ton moderater geworden: "Man sagte mir, ich solle Kritik besser unter vier Augen äußern." Und die Kadenz seiner Twitter-Gewitter und seiner Business-Breakfasts hat deutlich nachgelassen. In seiner Online-Strategie freilich bleibt er hart: "Ich mache weiter, bis ich gewinne." Das werde, schätzt er, 2017 sein.

Vor den Fenstern seines Büros werfen heitere Abendwölkchen einen rosa Widerschein auf den Zürichsee. Im Parterre warten die NZZ- Aktionäre auf eine Standortbestimmung. Dengler wirft mit elegantem Schwung die Krawatte um den Hals, im Nu ist ein Knoten daran, und schon wirkt er wie ein Schauspieler bei der Oscar-Verleihung. Seine untadelige Haltung kommt vom Reiten.

Die Aktionäre im Saal gleichen dem Publikum im benachbarten Opernhaus: graues Haar und eine Kleidung, die teurer denn chic ist. Viele verfolgen mit Misstrauen, was Dengler so treibt. Die neue Unternehmensleitung: ein Wasserkopf. Der NZZ- Ableger in Wien: ein zu teures Experiment. Welcher Österreicher wartet schon auf News aus der Schweiz, und seien sie noch so seriös? Ungut auch, dass ein NZZ- Boss aktiv in der Politik eines Nachbarlandes mitmischt. Besonders, weil seine Partei ausgesprochen EU-freundlich ist. "Ich lasse in Zürich alles Politische ruhen", macht Veit Dengler klar.

Auf dem Podium zügelt er seine rasante Sprechweise: "Wir haben den Abwärtstrend gestoppt!" Zwar ging 2014 die gedruckte Auflage weiter zurück, dafür wuchs der Online-Markt. Ein bisschen wenigstens. Beim anschließenden Apéro macht er artig Konversation. Und hört höflich zu wie ein wohlerzogener Enkel auf Besuch bei anstrengenden und anspruchsvollen Großeltern. "Doch, doch", beteuert er, "es ist gut, dass sich die Aktionäre derart um das Wohlergehen ihrer Zeitung sorgen." Für den Rest des Abends verharrt er in jener gesteigerten Aufmerksamkeitspose, die verrät, dass die Gedanken längst woanders sind.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels war der Vorname von Herrn Stäheli versehentlich falsch geschrieben. Wir haben das online korrigiert. Der Name lautet richtig: Albert P. Stäheli. Die Redaktion