Wie oft habe ich im Café Prückel am Stubenring gesessen oder im Landtmann neben dem Burgtheater? Und habe nie eine Ahnung gehabt von der Familie Gallia, den Sippen der Auspitz und Lieben, den jüdischen Erbauern der Palais, in denen sich bis heute die berühmten Kaffeehäuser gehalten haben? So wenig wie von all den anderen jüdischen Großbürgern, die den imperialen Glanz der Wiener Ringstraße erst ermöglichten.

Mit großem Aplomb feiert Wien dieses Jahr das 150-jährige Bestehen dieser überbreiten Prachtchaussee rund um die Innere Stadt, für die ich, wie viele Einheimische, lange gemischte Gefühle hegte. Ach Gott, der Ring. Meistens quert man ihn ja möglichst zügig. Rauschender Verkehr, scheppernde Straßenbahnen, Touristen-Fiaker und böse bimmelnde Radfahrer. Die bombastische Architektur des Rings hat schon Egon Friedell verhöhnt. Ihm kam diese Ballung aus Imponierbauten wie ein "Riesenspielzeug aus Zuckerguss" vor. Kein Baustil der Geschichte, der nicht imitiert wurde. Antike Tempelarchitektur beim Parlament, flämische Gotik beim Rathaus, die Neorenaissance von Neuer Hofburg, Universität und Museen, das Neubarock des Burgtheaters.

Dass diese kaiserliche via triumphalis einst wesentlich mit jüdischem Geld erbaut wurde, war lange in Vergessenheit geraten. Mit der Ausstellung Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard erinnert das Jüdische Museum nun erstmals daran – und eröffnet einen ganz anderen Blick auf die kakanische Avenue.

Als der österreichische Staat im Auftrag von Kaiser Franz Joseph die Parzellen rund um die Innenstadt teuer zum Kauf anbot, war es vor allem die jüdische Elite, die entschlossen zugriff. Mit dem neu verliehenen Recht auf Grunderwerb bekamen die Kohle- und Textilmagnaten, die Stahlindustriellen und Bankiers ihre Chance zur angemessenen Repräsentation ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Und der Kaiser bekam das Geld, das er zur Verwirklichung seiner Imponierbauten brauchte.

Der alte Adel? Blieb in seinen patinierten, schlecht heizbaren Barockhäusern der Altstadt und blickte scheel hinüber nach "Neu-Wien", das sich am Ring entfaltete, mit pseudogriechischen Pilastern, goldglänzenden Balkonen, farbigen Friesen – und mit hochmodernen Heizungen, Sanitärräumen, bald auch Elektrizität, dem "Licht der Reichen".

Doch die Zeit, in der sich das assimilierte Judentum geschützt und "angekommen" fühlen konnte, währte gerade mal ein Menschenalter. Nicht eine jüdische Familie wisse sie, sagt Danielle Spera, die Leiterin des Jüdischen Museums, die heute ein Ringstraßenpalais bewohne. Vom "goldenen Zeitalter der Sicherheit", so Stefan Zweig, sind nur die steinernen Hüllen geblieben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Ich stehe vor dem neubarocken Kuppelpalais am Stubenring Nummer 24, einem späten Ringstraßenbau von 1903. Hinter den hohen Fenstern des populären Cafés Prückel im Parterre herrscht lässige Nachmittagsruhe: leises Tassenklappern, ein paar Zeitungsleser, eine tuschelnde Schülerinnengruppe. Der rückwärtige Teil mit seinem goldberankten Jugendstilplafond erinnert noch an die Zeit, als das Kaffeehaus Café Lurion hieß. An die Erbauer des Hauses gemahnen einzig die verschlungenen Messingbuchstaben "AG" an einem Seiteneingang: Adolf Gallia und seine Frau Ida.

Die Gallias waren eine Großfamilie aus Mähren und Schlesien, wohlhabend geworden als Direktoren und Anwälte der Österreichischen Gas-Glühlicht-Aktiengesellschaft, kunstsinnig und kultiviert. Die Verwandtschaft ließ sich von Klimt porträtieren und lebte in Wiener-Werkstätten-Interieurs, die "Dolfis" am Stubenring hatten einen konventionelleren Geschmack. Der spektakulärste Raum der Wohnung muss Idas ovales Boudoir gewesen sein, das man sich im klassischen Damenzimmer-Stil vorstellen kann: Sesselchen und Puffs, orientalisch verhängte Diwane, Draperien und Bric-à-brac allenthalben.

Von ihrer Balkonbrüstung aus hatte Ida von 1916 an einen Feind im Blick. Auf der Grünanlage stand – und steht noch – das Denkmal des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger, Vorreiter eines hetzerischen Radau-Antisemitismus, der Wien ein "Groß-Jerusalem" in Händen eines "Gottesmördervolkes" nannte und schwor, der Antisemitismus werde erst zugrunde gehen, "wenn der letzte Jude zugrunde gegangen sein wird".