In drei Jahren wird wieder auffallen, wie harmlos, still und leise das wilde Jahr 1968 an Österreich vorbeigegangen ist. Kein Wirbel, nirgends. Ein wenig Getümmel am 1. Mai in Wien, sonst Ruhe. Randale war woanders. Wieso? Viel spricht dafür, dass die kulturelle Revolution in der kleinen Republik schon vorbei war. "68" hatte drei Jahre zuvor stattgefunden. Anfang Mai 1965, als die Studenten in Wien die Universität drei Tage lang überfüllten. Anderes Denken erlebten. Nach neuen Ideen suchten. Und damit einen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft leisteten. Rückblickend urteilte der Historiker Ernst Hanisch gut zwei Jahrzehnte später, jene drei Tage im Mai seien "die intellektuelle Wasserscheide" der Zweiten Republik gewesen.

Was war passiert? Angefangen hat es eher harmlos, im kleinen Café Passecker im 1. Bezirk, nicht weit von der Uni entfernt. Es existiert nicht mehr. Hier traf sich fast täglich der entsprechend so genannte Passecker-Kreis, eine informelle kleine Runde von Studenten unterschiedlicher Studienrichtungen. Bei einem dieser Treffen sprachen sie über den Pomp, mit dem das Rektorat im Mai 1965 gedachte, den 600. Jahrestag der Gründung der Alma Mater Rudolphina zu begehen: in Talaren und mit Festreden. Die Studenten waren eingeladen: zum Festzug durchs Viertel und zu heißen Würsteln.

Komisch, ja. Aber sollte man sich so etwas einfach gefallen lassen? Nein! Aber was tun? So begann die Suche nach dem Gegenmodell, das alles enthalten sollte, was man im Belehrungsalltag der Universität und in der Stillstandsverwaltung des Staates vermisste: anderes Denken, offener Diskurs. Geprägt wurde diese Suchbewegung im Wesentlichen von drei Personen, die im politischen Milieu Wiens schon damals einen gewissen Ruf als Routinestörer hatten und im öffentlichen Leben der Republik bis heute mitmischen: der Medizinstudent Werner Vogt, der als Arzt und Publizist später mit der Aktionsgruppe Kritische Medizin wichtige Veränderungen im Gesundheitswesen anstieß, der Historiker und Universitätsassistent Michael Mitterauer, der gemeinsam mit Vogt und anderen bereits in der Hochulreformdebatte aktiv war, und als informeller Kopf des Kreises der Philosophiestudent Heribert Steinbauer, der später im Nationalrat dem ÖVP-Klub angehörte und nunmehr als Verleger mit einem Programm für anspruchsvolle Minderheiten an die alten Zeiten anknüpft. Die drei schufen das Ereignis, das als Symposion 600 zu einem intellektuellen Mega-Event werden sollte.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ungewöhnlich war der politisch-kulturelle Hintergrund dieser kleinen Kaffeehaus-Bewegung: Anders, als man aus ihrem widerständischen Treiben hätte schließen können, kam die Passecker-Gruppe nicht aus dem Post-Austromarxismus oder aus der Neuen Linken. Eher im Gegenteil. Diese katholischen Aktivisten stammten, lagertheoretisch besehen, aus dem eher rechten Teil der Gesellschaft. Sie waren Mitglieder der CV-Verbindung Austria (die im Cartellverband seinerzeit freilich einen linken Ruf hatte), gehörten somit offiziell zu dem berüchtigten konservativen Protektionsverein des Bildungsbürgertums. Außerdem fand die Operation Symposion, als es ernst wurde, unter der Regie der ÖVP-nahen Studentenpartei Wahlblock (der späteren ÖSU) statt. Finanziert und moralisch gegenüber dem erzkonservativen Rektor unterstützt wurde das Unternehmen obendrein vom liberalkonservativen Unterrichtsminister Theodor Piffl-Perčević, der die Symposionsplaner Vogt und Mitterauer als Berater bei der Hochschulreform gut kannte. Die Wiener Kulturkorrespondentin der FAZ, Hilde Spiel, beschäftigte sich denn auch in ihrem Bericht über das Symposion (Die fruchtbare Kontroverse) eingehend mit diesem etwas verwirrenden Kontrast, bei dem die Rechten mit linken Projekten den Betrieb aufmischten und die konservative Regierungspartei die Unruhestifter gegen die notorischen Reformblockierer unterstützte (während das SPÖ-Establishment in Deckung blieb). Schon irgendwie kurios, dieses Österreich, vor fünfzig Jahren.

Über den Erfolg des Symposions staunten die österreichischen Medien noch mehr als die ausländischen Beobachter. Der Zulauf zu den stets überfüllten Veranstaltungen wurde teils mit intellektueller Schaulust erklärt, aber auch damit, dass die Jungen nach solchen Impulsen womöglich "ausgehungert" wären. Da war was dran. Vor allem aber hatte die Idee vermutlich deshalb so breite Wirkung, weil ihre Zeit gekommen war. Das Land, nicht nur die Uni, war insgesamt reif für Neues. Die Aufbauarbeit nach dem Krieg war getan, der Staatsvertrag von 1955, der damit verbundene Abzug der Besatzungsmächte und die volle Souveränität der Zweiten Republik waren ein Einschnitt. Danach gab es die erste große Sendepause. Rückblickend sagt Symposion-Moderator Steinbauer heute: "Was auf 1955 folgte, war ein verlorenes Jahrzehnt." Stillstand, Lähmung, Blockade. Die Zeit, in der die große Koalition zur Gefahr für die Demokratie wurde.