Die Inserate ähneln einander, vor allem die Betitelung: "Lovely" oder "nice" sind die Spitzenreiter, gefolgt von "zentral" und "ruhig", denn so wohnen wir in Zürich ja glücklicherweise alle. Mein Angebot hebt sich von manchen anderen dadurch ab, dass man meine 1,5-Zimmer-Wohnung als Ganzes mieten kann, also ohne mich als Inventar.

80 Franken kostet meine komplette Wohnung für eine Person pro Nacht, jeder zusätzliche Gast muss nochmals 20 Franken drauflegen. Mit diesem Preis befinde ich mich im unteren Preissegment. Das tut meinem Selbstbild gut, weil es mir bestätigt, noch einen Rest an Idealismus zu besitzen.

Denn als ich einer Freundin erzählte, meine Wohnung zeitweise an Reisende weitervermitteln zu wollen, verwies sie mich begeistert auf das Couchsurfing-Portal. Darüber hatte sie selbst jahrelang Fremde gratis zu sich nach Hause eingeladen, schlicht aus der Freude, Menschen aus unterschiedlichen Ländern kennenzulernen und ihnen einen günstigen Aufenthalt im teuren Zürich ermöglichen zu können. Meine Motivation dagegen war hauptsächlich die Verlockung, auf einfache Art und Weise noch etwas Geld hinzuzuverdienen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Meinen geschäftlichen Spürsinn stelle ich schon beim Aufsetzen des Inserats unter Beweis. Als im grauen Winter endlich etwas Sonnenlicht durch mein Zuhause flutet, zücke ich die Kamera. Zartes Licht vor hellen Tapeten und schön arrangierten Möbeln – die Räumlichkeiten wirken weitläufig und komfortabel. Gleich lade ich die gelungensten Fotos auf mein Airbnb-Profil und füge eine kleine Beschreibung bei: Lovely cozy place in the heart of Zurich for one or two, fully furnitured, king size bed, fully equipped kitchen, grocery shop close by. Tram station two minutes walking distance. Dann klicke ich auf "freigeben". Ab sofort steht meine Wohnung anderen zur Verfügung.

Nach zehn Stunden trudeln die ersten Anfragen ein, ich durchforste mit frischem Unternehmergeist die Mails. Wer kommt infrage? Wie lassen sich die einzelnen Untermiet-Termine am besten koordinieren? Geht die Aufwand-Ertrags-Rechnung auf?

In der Airbnb-Agenda kann ich Sperrdaten eingeben, an denen meine Wohnung nicht zur Verfügung steht. An diesen Tagen will ich mir mein Zuhause selbst gönnen – weil ich zu diesem Zeitpunkt Besuch oder Stress in der Arbeit erwarte oder am Folgetag selbst auf Reisen gehe und daher Zugang zu meinem Schrank brauche.

Mit einem deutschen Paar mache ich den Anfang. Julia und Marco sind laut eigenen Angaben Künstler und kommen für ein langes Wochenende. Am besagten Tag beziehe ich mein Bett neu und staubsauge an Orten, die ich sonst ignoriere – hinter dem Küchenschrank oder zwischen den Heizkörperritzen. Als alles geputzt ist, schaue ich mich um wie eine Fremde: Was gibt zu viel über mich preis?

Shades of Grey, ein Geschenk (wirklich!), verberge ich hinter Duden-Bänden, ich nehme ein paar Fotos von der Kühlschranktür und lasse eine angebrochene Tranquilizer-Packung verschwinden. Kurz bevor die Mieter eintrudeln, verstecke ich noch einen Ordner mit Bankangaben, Codes und Krankenkassenbelegen im kleinen verschließbaren Essensschrank.

Dann ist es so weit, es läutet an der Tür. Sekunden später schwärmen meine Gäste mit Rucksäcken wie Invasoren in Hippiekleidern in meine Wohnung aus. Ich bekomme ein mulmiges Gefühl, führe das Paar aber trotzdem mit der Professionalität einer Hoteldirektorin durch meine bescheidenen Gemächer. Marco freut sich über die Badewanne, die er in der eigenen Wohnung vermisse, seine Freundin Julia inspiziert neugierig den Balkon, der momentan eher wie eine kleine Mülldeponie ausschaut. Das mildert ihre Begeisterung aber in keiner Weise, sie zieht auch gleich ihre Schuhe aus, als wolle sie deutlich machen, dass sie wirklich zu bleiben beabsichtige.

Als ich den beiden ein paar Einheimischen-Tipps über Bars und Restaurants geben will, winken sie dankend ab. Nicht nötig – dies sei ihr erstes gemeinsames Wochenende ohne Kind seit einem Jahr. Sie lächeln sich an. Sie wollen die Zweisamkeit genießen.

Heimweh nach dem eigenen Bett © marshi / photocase.de

Ich schlucke leer und versuche, aufkommende Bilder aus meinem Kopf zu verscheuchen. Das Teewasser kocht gerade, als ich in den Regen hinausstapfe und die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Selbst bei meinem Freund, der mir während meiner Selbstverbannung jeweils Asyl gewähren will, lassen mich die Gedanken nicht los: Nun fabrizieren also zwei Fremde in meiner Küche herum, planschen in meiner Badewanne und machen sich mein Bett zunutze. Wie fühlt sich meine Wohnung dabei? Habe ich sie überrumpelt? Fühlt sie sich zweckentfremdet?

Als ich am dritten Tag meines Ausquartiertseins nostalgisch der 13er-Tram hinterherschaue, die zu meiner Wohnung fährt, fällt mich ein seltsames Gefühl an: Ich habe Heimweh! Das hatte ich schon lange nicht mehr, nicht mal auf Reisen in weiter Ferne. Man sagt, am einsamsten könne man sich unter Menschen fühlen. Ich stelle fest, dass ich mir selten so verlassen vorgekommen bin wie in der eigenen Heimat ohne Wohnung. Ich unterrichte zwar weiterhin an derselben Schule, fahre Tram und Velo, sehe in Cafés altbekannte Gesichter, kaufe die üblichen Lebensmittel, kann aber trotz all dieser Routine nicht in mein Zuhause zurück.

Meine sentimentalen Bedenken sind aber stets schnell verflogen, wenn ich nach Abreise der Gäste den Bankauszug betrachte. Ein kleiner Geldsegen – nur weil ich kurz mal weg war. Fantastisch. Vergessen sind die psychischen Strapazen, und so klicke ich immerfort weitere Gäste in meine Wohnung. Sie sind zu zweit oder allein, mit Rucksack oder Koffer unterwegs, kommen aus dem nahen oder weiteren Ausland. Und wer sind mir die liebsten? Leute wie Annette, eine Baslerin, die aus geschäftlichen Gründen nach Zürich kommt.

Annette punktet bereits damit, dass sie allein kommt. Ihre SMS-Nachrichten lassen auf eine gestandene, zuverlässige Frau schließen: Sie schreibt in ganzen Sätzen und geizt auch nicht mit Begrüßungs- und Abschiedsformeln. Auf Annette warten lange Arbeitstage in Zürich, und sie will sich das Pendeln nach Basel ersparen. Die vier Abende seien für Restaurantbesuche und Networking vorgesehen, was mich sehr freut. Die Wohnungsübergabe geschieht wie bei einem Stafettenlauf, kaum habe ich Annette die Schlüssel in die Hand gedrückt, muss sie auch schon wieder los. Als wir die Wohnung verlassen, frohlocke ich innerlich: Annette wird weder in meinem Bett ausschlafen noch groß in meinen Pfannen rühren, keine Gäste empfangen und wohl auch kaum Energie haben, in meinen Sachen herumzustöbern.