"Der Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein verdient es, von den Juden gehängt zu werden. Alle Insassen des Lagers Theresienstadt, die ich gesprochen habe, bestätigen dies."

Das ist der berüchtigte Satz, den der jüdische Religionswissenschaftler Gershom Scholem 1963 an die Philosophin Hannah Arendt schrieb. Scholem war empört über ihr Buch Eichmann in Jerusalem, er war fassungslos über Arendts Vorwurf, die Juden hätten sich der Beihilfe an ihrer Ermordung schuldig gemacht – ohne ihre Feigheit, ohne ihre willige Zusammenarbeit mit den NS-Behörden wären niemals so viele von ihnen umgekommen. Allerdings, in einem Fall gab Scholem der Anklägerin recht: "Gewiss, Murmelstein verdient es, gehängt zu werden".

Diesen Satz ist der Wiener Rabbiner nie mehr losgeworden. Murmelstein, der "Judenälteste" im Ghetto Theresienstadt, war als Kollaborateur verschrien, man beschimpfte ihn als gefügigen Handlanger und Verräter, nach 1945 wurde er von Häftlingen verklagt – und von einem tschechischen Gericht freigesprochen.

Dem Regisseur Claude Lanzmann war das Urteil über Murmelstein nicht geheuer. Denn worin besteht moralische Schuld im Angesicht von Tod und Terror? Wenn es ohne Freiheit keine moralische Entscheidung gibt – was wirft man ihm dann vor? Für seinen Film Shoah (1985) hat er Murmelstein in Rom elf Stunden lang befragt, aber die Länge und Komplexität des Interviews sprengte den Rahmen seiner Dokumentation. Lanzmann bewahrte das Material auf und machte einen eigenen Film daraus, der ersichtlich nur ein Ziel verfolgt: Der letzte der Ungerechten will Murmelstein rehabilitieren. Für Lanzmann war Murmelstein nämlich kein Verräter. Er war ein Retter.

Die "Judenältesten" – das ist übrigens reines Nazideutsch – waren Teil eines perfiden Plans, wonach die Juden durch "Selbstverwaltung" an ihrer bürokratischen Vernichtung mitwirken und die "Endlösung" reibungslos exekutieren sollten. Die Opfer sollten zu Tätern gemacht werden; "Judenräte", so der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, seien "voll verantwortlich für die exakte und termingemäße Durchführung aller ergangenen Weisungen", selbst die Kosten für ihren Abtransport mussten sie eintreiben. Im Ausland sollte es dann so aussehen, als hätten sich die Juden selbst deportiert.

"Die Häftlinge waren tot. Aber sie wussten es nur noch nicht"

Benjamin Murmelstein wird im September 1944 im Ghetto Theresienstadt zum "Judenältesten" bestimmt, nachdem seine beiden Vorgänger Jacob Edelstein und Paul Eppstein ermordet worden sind; Edelstein hatte zuvor mitansehen müssen, wie seine Frau und sein Sohn erschossen wurden. Mit seinen fast neunzig Jahren hat Lanzmann sich noch einmal nach Theresienstadt aufgemacht, er steht neben dem Ortsschild, auch physisch scheint er die ganze Last der Erinnerung zu tragen. Das Ghetto, erklärt er dem Zuschauer, sei von der NS-Propaganda als Musterlager "beworben" worden, als eine Art Thermalbad, in dem verdiente Juden gegen die Übereignung ihres Besitzes einen angenehmen Lebensabend verbringen konnten. "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt."

In Wirklichkeit waren die Zustände in der angeblichen "Altenkolonie" unerträglich. Die Garnison Theresienstadt, 80 Kilometer von Prag entfernt, war 1780 für 7000 Soldaten errichtet worden; unter dem Kommando der SS wurden hier bis zu 40.000 Juden zusammengepfercht. Die hygienischen Bedingungen waren furchtbar, Seuchen brachen aus, in einem einzigen Monat starben bis zu 2300 Menschen. "Die Herrin des Lagers", sagt Murmelstein, "war die Angst", schon geringste "Vergehen", zum Beispiel die Weitergabe eines Briefes, wurden mit dem Tod bestraft, und wenn der "Judenälteste" nicht rasch einen Henker herbeischaffte, wurde er selbst gehängt. "Die Häftlinge führten ein Leben als Tote. Sie waren tot, aber sie wussten es nur noch nicht." Wer nicht im Ghetto zugrunde ging, der starb später in den Vernichtungslagern im Osten. Insgesamt waren 141.000 Juden in Theresienstadt interniert, überlebt haben weniger als 20.000.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Freimütig erzählt Murmelstein seinem Interviewer, dass er im Ghetto als "böser Mann" berüchtigt gewesen sei, als herrschsüchtig, grob und gefühlskalt. "Mir ging der Ruf voraus, dass ich ein Schreier war und autoritär." Es klingt wie eine Entschuldigung. Nur weil er hart auftrat, habe er die Korruption bei der Aufstellung von Deportationslisten unterbinden können. "Wer einen herausnimmt, der geht als Ersatz selbst. Du darfst einen herausnehmen, aber dann musst du selbst einsteigen. Doch so weit ging die Nächstenliebe dann doch nicht."

Murmelstein rühmt sich, der Erfinder der Siebzigstundenwoche zu sein. Er ließ die Ghettobewohner schuften, sie mussten Dachstühle ausbauen und das Lager auf Vordermann bringen. Und warum die Plackerei? Zum einen, so erklärt er, weil die Häftlinge allen Lebenswillen verloren hatten und in ihrer Verzweiflung verrückt wurden. Zum anderen habe er "die Liquidation des Ghettos verhindern" müssen. Wäre Theresienstadt aufgelöst worden, dann hätte man die Juden nach Osten deportiert. Auch wenn Murmelstein erst Ende 1944 von den Vernichtungslagern erfahren haben will, eines ahnte er doch: "Im Osten ist alles noch viel schlimmer."