Die Dax-Kurve in der Frankfurter Börse (Archivbild) © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Bert Flossbach ist ein Star unter Deutschlands Geldvermehrern. Seit Jahren belegen seine Fonds in den Vergleichsrankings der Geldbranche immer wieder Spitzenplätze. Die Folge ist, dass Anleger dem 53-Jährigen und seinem Partner Kurt von Storch mittlerweile rund 20 Milliarden Euro anvertrauen, eine Irrsinnssumme. Flossbach von Storch gilt damit, obwohl erst 1999 gegründet, als größter unabhängiger deutscher Vermögensverwalter.

Seinen jüngsten Coup hat Flossbach mit seinem Gespür für griffige Slogans gelandet. "Dividenden sind die neuen Zinsen", sagte der Kölner im vergangenen August in einem Interview mit dem Handelsblatt. Dividenden die neuen Zinsen? Das hatte man noch nicht gehört. Und es klang irgendwie schräg. Doch das Sprüchlein verlor sich nicht etwa im Strom der Nachrichten. Es begann sich zu verselbstständigen.

Zunächst war es das Handelsblatt selbst, das die Formel recycelte. "Dividenden sind die neuen Zinsen", stand in einem Kommentar gut zwei Monate nach dem Interview, und einen Monat später war dann schon zu lesen: "Dividenden sind die neuen Zinsen, heißt es derzeit oft." Bald entdeckten andere die Losung, wenn auch häufig im Singular statt im Plural. "Die Dividende ist der neue Zins", schrieb Mitte Januar die FAZ, "Dividende ist der neue Zins", echote Mitte März die Süddeutsche Zeitung. Anfang April zog das Manager Magazin nach: "Dividenden sind die neuen Zinsen." Auch der Deutschlandfunk klinkte sich ein.

Natürlich ließ sich die Finanzindustrie nicht zweimal bitten. Sie griff das neue Motto gern auf, denn mit ihm lassen sich Aktienfonds hervorragend bewerben, gerade solche, die vor allem dividendenstarke Titel umfassen. Manchmal wird der Slogan variiert, aber verwendet wird er immer wieder. Bis heute, bis in die aktuell gerade laufende Saison der Hauptversammlungen hinein.

So sagte die Chefin des Deutschen Aktieninstituts, Christine Bortenlänger, am 20. Februar: "Dividenden sind durchaus mit Zinsen vergleichbar."

Der oberste Anlagestratege der Deutschen Bank, Asoka Wöhrmann, folgte am 7. April: "Die Dividende ersetzt in den nächsten Jahren den sicheren Zins."

Das Schwerpunktthema der Deka, des Fondsanbieters der Sparkassen, lautet aktuell: "Dividenden sind die neuen Zinsen."

Und der Titel einer aktuellen Studie von Allianz Global Investors, dem Fondsdienstleister des Münchner Versicherers Allianz, ist: Dividenden statt Niedrigzinsen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Bis in die Wirtschaftsseiten der Lokalblätter und viele Internetforen ist der Spruch von den Dividenden inzwischen vorgedrungen. Der Satz von Bert Flossbach hat kein Dreivierteljahr gebraucht, um durch x-fache Wiederholung zu einer scheinbar unumstößlichen Wahrheit zu mutieren. Bloß: Stimmt er – dieser Satz?

Eine Dividende ist eine Gewinnbeteiligung für die Anteilseigner eines Unternehmens. Das bedeutet, dass Aktionäre in guten Zeiten doppelt verdienen, zum einen in Form eines steigenden Aktienkurses, zum anderen in Form einer Gewinnausschüttung. Viele Börsenprofis legen ihr Geld darum gezielt in Unternehmen an, die, gemessen an ihrer Größe, eine hohe Dividende zahlen – der berühmteste unter ihnen ist der amerikanische Starinvestor Warren Buffett.