Man hatte sich ja an vieles gewöhnt. An die orthografisch falschen Zeichenknäuel in Kurznachrichten und E-Mails. Die Klammern, Punkte und Kommas, die sich am Satzende zusammenballten, sodass sie aussahen wie auf die Seite gelegte Gesichter. Aber dann.

Dann tauchte Anfang des Jahrzehnts plötzlich ein Haufen mit Gesicht (💩) auf deutschen Handys und Computern auf. Und dazu 🌈 , 💰💰 , 🍔 🍔 🍔 , ein 🍺 . Auf einigen Displays wurden gar blühende Landschaften Wirklichkeit, allerdings dank Kirsche und Hibiskus (🌸 🌺 ) mit einem leicht asiatischen Touch.

Emojis heißen sie und gehören für viele längst zur Alltagskommunikation – sei es in SMS-Nachrichten oder Schnipseldialogen bei Diensten wie WhatsApp. Gerade Anfang Mai hat das Soziale Netzwerk Instagram die Möglichkeit eingeführt, Emojis in Hashtags zu benutzen. Anstelle von Wörtern kann man dort nun auch Symbole mit einem # versehen, sozusagen verschlagworten. Im April erweiterte Apple das Emoji-Repertoire auf seinen Geräten: Viele Gesichter und Figuren gibt es jetzt in unterschiedlichen Hautfarben. Offenbar will man sich gegen den Vorwurf des Piktogramm-Rassismus immunisieren – für die digitalen Hieroglyphen ein Ausweis von Relevanz.

In drei von fünf Texten finnischer Nutzer tauchen Emojis auf, hat Instagram ausgezählt. In Deutschland immerhin in knapp jedem zweiten. Zugegeben, die Nutzer des Fototeildienstes sind weit jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Aber im Frühjahr hat selbst der Mainstream-Möbelhändler Ikea eine eigene Emoji-Tastatur für das iPhone entwickelt – als Teil einer zeitgeistigen Werbekampagne.

Buchstabierst du noch, oder symbolisierst du schon? Inzwischen sind auch Sprachforscher aufmerksam geworden – und fühlen sich hin- und hergerissen. Die einen sprechen den Emojis das Potenzial zur Weltsprache zu, die anderen befürchten das Ende der kultivierten Schriftsprache 📖.

Wer als Erster auf die Idee kam, Bildchen ins Schriftbild einzufügen, ist nicht einfach zu sagen. Schon die alten Ägypter verbanden Bild und Schrift in ihren Hieroglyphen miteinander. Auf einer bescheideneren Zeitskala sind es wohl zwei Informatiker, die den Schriftzeichen das Zwinkern und das Malen beibrachten: der US-Amerikaner Scott Fahlman und der Japaner Shigetaka Kurita.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Fahlman leistete seinen Beitrag dafür bereits im Jahr 1982 und eher aus der Not heraus. Er und seine Kollegen schrieben einander auf einem Bulletin-Board, einer Vorgängerversion von heutigen Chatrooms. Eines Tages begann dort die abstruse Diskussion darüber, wie sich wohl ein Quecksilbertropfen in einem abstürzenden Aufzug bewegen würde. Kurz darauf witzelte einer der Beteiligten, ein Aufzug des Instituts sei aufgrund eines Quecksilberunfalls gesperrt. Doch nicht jeder erkannte den Witz als solchen. Einige Stunden lang herrschte Verwirrung in der digitalen und analogen Welt des Instituts. Danach war klar: Ein Zeichen muss her, um Ironie zu kennzeichnen.

Nachdem Lösungen mit % und * wenig Anklang fanden, hatte Fahlman den entscheidenden Einfall. "Ich schlage folgende Zeichenfolge als Witzmarkierung vor: :-) Lest es seitlich." Punkte, Klammer, Bindestrich – fertig war das Schriftgesicht, das sogenannte Emoticon.

Gut 15 Jahre später folgten auf die Emoticons die ersten Emojis. Sie waren kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat wirtschaftlichen Kalküls. NTT Docomo, einer der führenden Mobilfunkanbieter Japans, suchte 1998 nach einer Möglichkeit, seinen Pager-Service bei Jugendlichen besser zu vermarkten. Der Entwickler Shigetaka Kurita kam auf die Idee, "Bilderbuchstaben" einzuführen. Nichts anderes bedeutet Emoji auf Japanisch. Inspiriert von der fernöstlichen Manga-Welt und vielleicht auch ein wenig von der Kunst der Kalligrafie, entwickelten Kurita und seine Kollegen einen ersten Satz von 176 Pixelsymbolen. Sie beinhalteten unter anderem einen 💋 und eine 💡.

Über die Jahre folgten ✈️ 🌻 🍕 🌜und andere Objekte des Alltags. Aber während die Emoticons beinahe mühelos weltweite Verbreitung fanden, da jede Tastatur über Satzzeichen verfügt, hatten es die Emojis schwerer. Lange blieben sie ein weitgehend fernöstliches Phänomen, auch weil die Vielfalt der Bildchen keine Ordnung kannte und jedes Gerät, jedes Chatprogramm eine andere Bildsprache beherrschte. Erst 2010 sorgte das sogenannte Unicode-Consortium, eine Art Internet-Schriftkommission, für eine erste Enzyklopädie der Emojis und nahm 722 der Symbole in ihren Zeichensatz (eben den "Unicode") auf – und so begann ihr Siegeszug. Seit 2011 verfügen iPhones über eine Emoji-Tastatur, seit 2013 auch Android-Smartphones.

"Heute sind diese Zeichen gewissermaßen die Lingua franca von amerikanischen Teenagern", sagt Lisa Lebduska, Professorin für englische Linguistik am amerikanischen Wheaton College in Norton. Die Forscherin hat sich mit den kleinen Pixelhaufen beschäftigt und festgestellt, dass sie kaum das tun, wofür sie eigentlich erfunden wurden. "Emojis waren so designt, dass sie möglichst wenige Daten verbrauchen. Sie wären damit eigentlich ideal, um die Kommunikation zu vereinfachen", sagt sie. Nur: Genau das tun sie nicht.