In den Archiven der berühmten Harvard-Universität liegt ein – bislang unbeachtetes – Schreiben des US-Senators Henry Cabot Lodge an einen befreundeten Geschäftsmann in Boston. Lodge war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Anführer der republikanischen Mehrheit im Senat in Washington und plädierte schon früh für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Unermüdlich attackierte er die heimischen Pazifisten, zu denen er auch Präsident Woodrow Wilson zählte, als unpatriotisch und unamerikanisch. Am 23. Februar 1915 schrieb Lodge an seinen Freund: "Falls ein amerikanisches Passagierschiff versenkt werden sollte oder ein englisches, wie die Lusitania, mit drei- oder vierhundert amerikanischen Passagieren an Bord, dann würde das einen gewaltigen Sturm der Entrüstung auslösen." Lodges Gedankenspiel wäre nicht weiter von Bedeutung – wenn das von ihm skizzierte Szenario sich nicht zweieinhalb Monate später fast genauso abgespielt hätte.

Vor exakt 100 Jahren, am 7. Mai 1915, bog ein britischer Dampfer in den St. George’s Channel zwischen Irland und Wales ein. Der Luxusliner hatte sechs Tage zuvor den Hafen von New York verlassen und Kurs auf England, auf Liverpool genommen. Etwa 2.000 Menschen befanden sich an Bord, 1.200 Passagiere, darunter 128 Amerikaner. Das Schiff gehörte zur Cunard-Linie; es galt als besonders schnell und besonders sicher, als "perfectly safe". Sein Name: Lusitania.

Sicherheit war ein wichtiges Argument in jenen Zeiten. England und Deutschland befanden sich seit über neun Monaten im Krieg. Im Februar 1915 hatte Deutschland, in Reaktion auf die britische Seeblockade, die Gewässer um die Britischen Inseln zur Kriegszone erklärt, in der alle Schiffe – ganz gleich, ob neutral, ob bewaffnet oder unbewaffnet – von deutschen U-Booten angegriffen werden konnten. Mehr noch, trotz ihres zivilen Status war die Lusitania ein hochgradig gefährdetes Schiff. Denn es gehörte zu einem Kontingent von Passagierdampfern, das die britische Regierung in Kooperation mit der Cunard-Linie konstruiert hatte. Diese Schiffe konnten bis zu 24 Knoten schnell fahren, feindlichen Angriffen besser standhalten als gewöhnliche Dampfer, bis zu zwölf schwere Seegeschütze mit an Bord nehmen und aktivieren – und zudem zu jeder Zeit von der britischen Marine auch für Kriegszwecke verwendet werden.

Die deutsche Botschaft in Washington hatte noch in den Morgenzeitungen des 1. Mai neben den Cunard-Anzeigen eine Warnung geschaltet, dass alle Schiffe unter britischer Flagge, die durch eine Kriegszone fahren, von deutschen U-Booten zerstört werden könnten. Wer auf diesen Dampfern reise, tue das "auf eigenes Risiko".

Eine Handvoll Passagiere hatte sich nach diesem Hinweis dazu entschieden, auf ein anderes, amerikanisches Schiff umzubuchen, die sehr viel schlichtere New York. Die meisten aber begnügten sich mit der offiziellen Versicherung von Cunard, die Lusitania sei "zu schnell" für U-Boote: "No German war vessel can get her or near her."

Lusitania-Kapitän Leutnant William T. Turner hatte von der Admiralität in London die Order erhalten, vor der irischen Küste einen Zickzackkurs zu verfolgen und in der Mitte des St. George’s Channel zu fahren, um jeden Zusammenstoß mit deutschen U-Booten zu vermeiden. Als sich das Schiff der Küste nähert, wird Turner aus dem Marinezentrum im nahen Queenstown zudem vor U-Booten an der Südspitze Irlands gewarnt. Wegen dichten Nebels entscheidet sich Turner anders: Er wählt einen küstennahen geraden Kurs und fährt mit stark gedrosselter Leistung.

Mittags, kurz nach 13 Uhr, erspäht ein deutsches U-Boot das Schiff. Die U 20 hat am Vortag zwei britische Schiffe torpediert und schon den Befehl zur Rückkehr nach Wilhelmshaven erhalten. Wie Turner widersetzt sich der junge Kommandant des U-Boots, Leutnant Walther Schwieger, den Befehlen seiner Vorgesetzten und nimmt die Verfolgung auf.

Eine Stunde später, kurz nach 14 Uhr, schießt ein Torpedo durchs Wasser und trifft den Rumpf der Lusitania aus einer Entfernung von 700 Metern. Kapitän Turner kann kein Wendemanöver mehr einleiten. Die kaum trainierte Mannschaft ist auf diesen Fall nicht vorbereitet. Schwimmwesten werden nicht rechtzeitig verteilt, viele Passagiere finden die Notausgänge nicht. Panik bricht aus, nur die Hälfte der Rettungsboote wird zu Wasser gelassen, viele davon kentern sofort. Zwar versucht der Kapitän noch, das Schiff in seichtere Gewässer zu retten, doch vergeblich. Innerhalb von 18 Minuten sinkt der Luxusliner auf den Meeresboden. Etwa 1.200 Menschen kommen ums Leben, darunter alle 128 Amerikaner an Bord.

Seit jenem Unglückstag im Mai 1915 hat die Lusitania Zeitgenossen, politische Beobachter, Historiker und Autoren beschäftigt, vor allen Dingen mit zwei Fragen. Die erste betrifft das Schiff: War es mit Waffen und Munition beladen, und wenn ja, mit wie viel davon und wofür? Der britische Historiker Colin Simpson hat 1972 für eine hochkontroverse Studie Geheimabkommen zwischen der Royal Navy und der Cunard-Reederei aufgestöbert, dazu gefälschte Ladepapiere, Pläne zur Bewaffnung des Schiffes, unterdrückte Zeugenaussagen und die Spuren einer exakt "geplanten Katastrophe". Die Lusitania, so lautete Simpsons Fazit, war bereit zum Kriegseinsatz; sie führte Geschütze sowie über vier Millionen Patronen für Remington-Gewehre und knapp 1.250 Kisten Granaten mit sich. Andere Autoren wie Thomas Bailey und Paul Ryan haben diese Thesen bezweifelt: Wie konnten Geschütze, Waffen und Munition an Bord gelangen, wenn sie nicht auf den Ladepapieren aufgeführt waren und keiner sie später bezeugen wollte?