Didier Burkhalter träumt von der Welt. Von den ganz großen Problemen. Der Schweizer Außenminister hält Reden über die Menschenrechte (in Genf), über das freie Internet (in Den Haag), über Katastrophenvorsorge (in Japan), über den Kampf gegen Extremismus (in Washington). Er tourt um den Globus und macht Werbung – für sich. Die Kandidatur für die Nachfolge des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon und eine mögliche Nominierung für den Friedensnobelpreis wurden aus seinem engsten Umfeld lanciert – und vom Boulevard gnädig aufgenommen. Ein Schweizer als höchster Weltenbürger, ein Schweizer als Träger des Friedensnobelpreises? Grandios!

Nur in seiner Partei, der FDP, die heuer nach jahrelangem Darben einen Wahlerfolg nach dem anderen einfährt, da mag man nicht wirklich jubeln. Die Freisinnigen mögen Burkhalter, solange er auf internationalen Bühnen eine elegante Figur abgibt. Sie mögen ihn etwas weniger, wenn er tatsächlich Politik macht. Und sie fürchten den Außenminister, wenn er über Europa spricht. Wenn er die Bilateralen mit neuen institutionellen Abkommen retten will, mit einem "großen Wurf".

Europa – ja, davor hat die FDP Angst. Angst vor der Frage, wie groß die Zugeständnisse an die EU sein dürfen; Angst vor einer Konfrontation mit der SVP, wenn es – vermutlich im kommenden Jahr – um die Zukunft der Personenfreizügigkeit geht.

Der Grund dafür ist in der Vergangenheit zu suchen, wie wir in unserem Buch Der Fall FDP zeigen. Die FDP verbindet mit Europa eine langjährige und leidige Trauergeschichte. Es ist die Europa-Frage, die maßgeblich dafür sorgte, dass die FDP in den vergangenen zwanzig Jahren die Vorherrschaft im bürgerlichen Block an die SVP verloren hat. Und bis heute verunmöglicht die für die Schweiz entscheidende Frage nach Abschottung oder Öffnung einen echten "bürgerlichen Schulterschluss".

"Wir wurden als Landesverräter hingestellt", klagt Franz Steinegger

Wenn man ein Datum bestimmen müsste, an dem die FDP ihre außenpolitische Orientierung endgültig verlor, dann wäre dies der 21. April 1995. Die Szene, ein verschatteter Parkplatz in Interlaken, die Protagonisten, der damalige FDP-Präsident Franz Steinegger und Esther Girsberger, Journalistin beim Tages-Anzeiger . "Das kostet uns drei Prozent. Mindestens", sagte Steinegger zu Girsberger und wusste in diesem Moment: Die Wahlen sind verloren. Hinter den beiden lag ein denkwürdiger Parteitag. Die Freisinnigen hatten das EU-Beitrittsziel in ihrem Programm verankert.

Zwanzig Jahre danach erinnert sich Steinegger noch an jedes Detail. Alles sei perfekt vorbereitet gewesen, die Fraktion auf Kurs, aber dann: der Aufstand. "Ich habe etwas gschmöckt, aber ich konnte es nicht mehr verhindern", sagt Steinegger heute.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nach der desaströsen Niederlage bei der EWR-Abstimmung von 1992 wollte sich die Partei in Interlaken außenpolitisch neu ausrichten, es allen recht machen. Das freisinnige Schwergewicht Ernst Mühlemann präsentierte das neue, vage Positionspapier, Esther Girsberger leitete die wenig kontroverse Podiumsdiskussion dazu. Die Sache schien gelaufen. Doch dann verlangte Pierre-Louis Bornet das Wort, der Präsident der Waadtländer Radikalen, und stellte den Antrag, die EU-Beitrittsinitiative offiziell zu unterstützen. Fünf europafreundliche Organisationen hatten dieses Volksbegehren im Dezember 1994 lanciert, als Antwort auf das EWR-Nein, als "wirksamstes Mittel, um der immer stärker in Erscheinung tretenden Provinzialisierung des geistigen Klimas entgegenzutreten", wie es die federführende Aktion Europa Dialog formulierte.

Das ging selbst vielen Romands im Freisinn zu weit. Johnny Hamel aus Genf sprach sich gegen die Idee von Bornet aus und schlug stattdessen vor, die Beitrittsoption stärker in den Vordergrund zu rücken. Am besten im Parteiprogramm. Bornet zog seinen Antrag zurück, die Versammlung verhandelte stattdessen die Idee aus Genf.