DIE ZEIT: Ist es Zeit für die erste Trainerin in der Fußballbundesliga, Frau Kraus?

Katja Kraus: Mir fällt kein überzeugendes Argument ein, warum das nicht möglich sein sollte. In vielen Sportarten werden Frauen von Männern und in mancher auch Männer von Frauen trainiert. In der Wirtschaft und der Politik ist der Wert von Frauen in Führungspositionen längst Konsens. Die Bundesliga hat also unbedingt Frauen verdient.

ZEIT: Weshalb scheint eine solche Entwicklung in naher Zukunft trotzdem sehr unwahrscheinlich?

Kraus: Manchmal habe ich das Gefühl, der Fußball wird als Geheimwissenschaft mystifiziert, die sich nur Männern erschließt. Insbesondere solchen, die selbst Fußballprofis gewesen sind. Das ist ein selbstreferenzielles System, das lange von den handelnden Personen getragen wurde. Inzwischen ist es an mancher Stelle aufgebrochen. Zum Beispiel sind die Trainertypen andere. Aber es gibt eben noch immer sehr archaische Elemente, es gilt das Gesetz der Stärke.

ZEIT: Hatten Sie selbst in Ihrer aktiven Laufbahn männliche Trainer?

Kraus: Wechselnd, aber häufiger waren es Männer, ja.

ZEIT: Haben Sie das jemals in irgendeiner Weise als übergriffig erlebt oder empfunden?

Kraus: Nein. Es gab diese Ebene nicht, ich habe den Trainer oder die Trainerin rund um das Training oder das Spiel als Autorität ganz und gar funktional wahrgenommen.

ZEIT: Man kann sich das, so wie Sie die Männer im Fußball beschreiben, kaum vorstellen.

Kraus: Bestimmt gibt es eine Anziehung, die aus der Situation heraus entsteht. So, wie sich Aufmerksamkeit häufig Autoritäten zuwendet. Vielleicht kennen Sie das aus dem Schwärmen für eine Lehrerin, oder vermutlich ist es auch in Ihrer Branche nicht selten, dass Chefredakteure beschwärmt werden. Das wird womöglich verstärkt, wenn Körperlichkeit eine so große Rolle spielt wie im Sport und das hohe Einverständnis mit dem eigenen Körper auch zu einer gewissen Selbstsicherheit führt. Aber in der Regel gab es ein klares gemeinsames Verständnis der jeweiligen Rollen. Ich glaube, für Frauen ist das ganz selbstverständlich. Wie es für Männer ist, wissen Sie vermutlich besser.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Könnte das auch daran liegen, dass die Herausstellung des Körpers bei Frauen im Sport nicht die gleiche, dominierende Rolle spielt?

Kraus: Muss man das überhaupt in dieser Weise problematisieren, wenn man darüber spricht, ob eine Frau in der Lage wäre, einen Bundesligaverein zu trainieren?

ZEIT: Muss man nicht, aber wir suchen ja nach Gründen, warum es bisher nicht dazu kam.

Kraus: Dass es bislang keine Frau gibt, liegt daran, dass niemand ernsthaft die Glaubenssätze infrage stellt, die lange gelernt sind. Fußball ist Männersache. Frauen haben nicht die Härte für die Anforderungen dieses Geschäfts. Verstehen das Spiel nicht. Dazu kommen erotische Gedankenspiele. Wenn es um Kompetenz ginge, um das Verständnis des Spiels und der Branche, um Führungsqualitäten oder um Kommunikationsfähigkeit, könnten Frauen nicht außerhalb der Diskussion sein.