Heiß und gleichmäßig läuft er aus Siebträgern in kleine Tassen. In der Altstadt von Triest käme niemand auf die Idee, einen Espresso in Mini-Pappbecher zu füllen. Das wäre geradezu ein Verbrechen an einem Kulturgut. Hier in der Altstadt zumindest. Im Industriegebiet, das einige Kilometer südlich beginnt, geht es weniger sentimental zu und mehr um die praktischen Seiten des Espressos.

Andrea Illy nähert sich einem dreigeschossigen Bau, dessen Fassade an alte Terrassenfliesen aus Waschbeton erinnert. Hinten auf dem Firmengelände überwuchert Unkraut ein paar alte Bahngleise, eine auf Betonstelzen hochgebockte Ausfallstraße wirft Schatten. Immerhin regnet es nicht.

Der Mann ist bester Laune. Der Fünfzigjährige, dessen hellgraue Haare den Blick anziehen, ist hier Presidente und amministratore delegato. Also Chef. Sein Unternehmen heißt wie er, und sein Produkt heißt auch wie er: Illy. Das ist ein feiner und an Tradition reicher Espresso, der für vergleichsweise viel Geld in diesen silbernen Metalldosen mit Schraubdeckel verkauft wird, in denen sich später hervorragend überzählige Möbelschrauben oder anderer Kleinkram aufbewahren lassen.

Was Fairness ist, will er sich nicht vorschreiben lassen

Andrea Illy selbst ist eher an den ganz großen Themen interessiert. So ist er davon überzeugt, dass Kaffee den Zustand der Welt verbessern könne. Man müsse Produktion und Vermarktung nur etwas cleverer angehen als heute.

Dass Illy vom Kaffee schwärmt, ist keine Überraschung. Er lebt ja davon. Gleichwohl lohnt sich die Auseinandersetzung mit seinen Argumenten. Illy kann seine Positionen begründen, auch wenn er damit nicht in jedem Fall überzeugt. Stets bleibt er konzentriert und offen, ein aufmerksamer und angenehmer Gesprächspartner. Ein Mensch mit einem ausgeprägten Wertesystem, das auch sein Handeln beeinflusst, und der mit beneidenswerter Unerschütterlichkeit daran glaubt, dass sich alles zum Guten wendet. Ein wahrer Optimist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Illy geht an die Kaffeetheke direkt hinter dem Empfangstresen. Er zapft etwas Wasser aus einem kleinen Hahn, trinkt und richtet das Revers seiner Anzugjacke. Eben erst sei er mit dem Hubschrauber aus Mailand gekommen, er bitte um Verständnis. Triest sei leider schlecht angebunden. Und nach Mailand reise er in diesen Tagen häufig. Wegen der Weltausstellung Expo. Die läuft seit Anfang Mai, und Illycaffè ist einer der Partner. Illy sagt, Kaffee passe zum Leitmotto der Messe: "Den Planeten ernähren."

Kurz nachdenken. Kaffee?

Offiziellen Zahlen zufolge leben heute gut 800 Millionen Menschen auf der Welt, die nicht genug zu essen und zu trinken haben. Plagen sie womöglich andere Sorgen als den Espresso schlürfenden Europäer, dessen Schlaf allenfalls durch zu viel Koffein, nicht aber durch die Frage gefährdet ist, wie er seine Familie satt bekommt?

"Die Frage zielt genau ins Herz dessen, von dem ich träume", sagt Illy. Seine Antwort wird etwas Zeit in Anspruch nehmen. Deswegen bittet er nach oben in sein Büro, in einen wohnlich wirkenden Raum mit hellem Teppichboden, holzverkleideten Wänden und einer großen Weltkarte, auf die Illy gern deutet, wenn es um globale Dinge geht.

Seine Antwort beginnt bei den Menschen. Bei denen, die Kaffee trinken. Sie sollten zunächst wissen, sagt Illy, dass ein paar Tassen hier und da nicht schaden. "Mehr als 25.000 wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Kaffee und Gesundheit haben keine Hinweise darauf ergeben, dass moderater Konsum negative Folgen hat", sagt er. "Er kann sogar den Ausbruch von Krankheiten wie Diabetes oder Alzheimer verzögern."

Mag ja so sein. Ähnliche Studien gibt es für Tee, Schokolade und Rotwein. Ihr Aussagewert ist begrenzt, auch weil sich niemand ausschließlich davon ernährt und die Wechselwirkungen verschiedener Lebensmittel im Labortest oft ausgeblendet werden. Unterstellt man jedoch, dass Kaffee Genuss und Freude bereitet, was er zweifellos tut, und dass beides positiv ist, was ebenfalls zutrifft, dann sei’s drum.