In der Hochzeitsnacht sprachen sie das erste Mal miteinander, der Mann und die Frau hatten das zuvor noch nie getan.

"Ich mochte sie nicht", sagt er.

"Ich hatte Angst", sagt sie.

Sie lagen auf dem harten Boden einer hölzernen Hütte, die errichtet war auf mannshohen Stelen. Zwischen den Stelen standen Soldaten.

"Wir sprachen über Bäume", sagt er.

"Und über Arbeit", sagt sie.

Die Soldaten lugten von unten durch die Ritzen im Bretterboden des Hauses. Sie überwachten den ordnungsgemäßen Vollzug der Hochzeitsnacht und dass der Mann und die Frau dabei nicht schlecht über sie und ihre Befehlshaber redeten.

"Es waren drei kleine Soldatinnen", sagt sie.

"Nein, es waren drei kleine Soldaten", sagt er.

Alle trugen Gewehre, da sind sich der Mann und die Frau einig. Die beiden schliefen dann miteinander.

"Ich hatte die Älteren gefragt, wie es geht", sagt sie.

So sei es auch bei ihm gewesen, sagt er, und dass er Todesangst hatte.

Es gab ja viele Gerüchte damals über Paare, die nach ihrer Verheiratung nicht miteinander schliefen und auf einmal verschwanden. Sie seien, so hieß es, zu von den Soldaten einberufenen "Sitzungen" gegangen oder "in den Wald" und nicht zurückgekommen. Das war nicht unwahrscheinlich. Es kamen ja viele Menschen nicht zurück von Sitzungen oder aus dem Wald, damals in Kambodscha.

Andere gingen zu Sitzungen und kamen verheiratet zurück, so wie der Mann und die Frau, die Herr Sok Hut und Frau In Lorn heißen. Sie war damals 18 Jahre alt, er 20.

Die beiden haben rote Plastikstühle in den Sand gestellt. Darauf hocken sie nun neben einer Hütte aus Holz und verwittertem Stroh in der Einöde, zwei Autostunden nordwestlich von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Die Hütte ähnelt jener, in der sie vor 38 Jahren ihre Hochzeitsnacht über den Mündungen von Gewehrläufen verbrachten.

Das Paar blickt von seinen Stühlen aus auf das Nachbarhaus. Dessen Holzwände sind grün angestrichen, und es hat blaue Fenster. In dem Haus lebt eine Tochter der beiden, zusammen mit ihrem Ehemann und den Kindern.

So haben sich die Soldaten das einst sicher nicht vorgestellt mit dem Familienleben von Sok Hut, In Lorn und deren Nachwuchs. Sok Hut und In Lorn, das kann man so sagen, haben am Ende gegen die Soldaten und deren großen Plan gewonnen, auch wenn sie damals nichts wussten von einem großen Plan. Sie bangten bloß ums Überleben.

Die Soldaten waren eines Tages Anfang der siebziger Jahre in schwarzen pyjamaartigen Anzügen aus dem Nichts gekommen, wie Wesen, die vom Himmel gefallen – oder vielleicht sollte man eher sagen: aus der Hölle emporgekrochen – waren.

Ihr Anführer, das wissen wir heute, war ein Mann namens Pol Pot. Er trat zu jener Zeit noch nicht öffentlich in Erscheinung. Es gab nur diese Kämpfer, die laufend von einer Organisation sprachen: Angkar. Mit deren Existenz begründeten sie, was auch immer sie taten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Angkar befahl Morde. Angkar erzwang Ehen. Angkar schaffte im ganzen Land das Geld ab. Angkar vertrieb Menschen. Angkar riss die Nahrung an sich und verteilte sie neu. Ein jeder Mensch in Kambodscha musste Angkar dankbar sein. Wer seine Dankbarkeit nicht bekundete, hat das oftmals nicht überlebt.

Pol Pots Plan war, aus Kambodscha einen kommunistischen Staat zu machen, in dem Angkar wichtiger sein würde als jede Familie. Die Organisation sollte den Kindern des Landes Vater und Mutter sein.

Die Herrschaft des Regimes dauerte von 1975 bis 1979, drei Jahre, acht Monate und 20 Tage. Am Ende hatte sie jeden achten Kambodschaner das Leben gekostet, etwa 1,1 Millionen Menschen insgesamt. Soldaten hatten sie erschossen, erschlagen, zu Tode gefoltert, und noch mehr Kambodschaner verhungerten oder starben an Erschöpfung.

Viele, die mit dem Leben davongekommen waren, blieben dennoch Opfer und sind es bis heute, als Kinder umgekommener Eltern, als Eltern umgekommener Kinder, als Veteranen ohne Kindheit. In fast jeder Familie Kambodschas gibt es leere Stellen, die Pol Pots Schergen gerissen haben. Täter von einst leben heute Tür an Tür mit den Opfern, wobei oft schwer zu sagen ist, wer Opfer war, wer Täter und wer beides.

Und dann gibt es noch jene Familien, die es ohne die Roten Khmer – so wurde Pol Pots Armee bald weltweit genannt – gar nicht gäbe: Männer, Frauen und Kinder, die zu Zwangsgemeinschaften wurden.