Zwei buddhistische Priester haben das Kanji-Schriftzeichen für Steuer auf ein Plakat geschrieben. Im vergangenen Jahr war dies eine Referenz an Japans Schuldenkrise. © Jiji Press/AFP/Getty Images

"Wie gut bin ich wirklich?", fragte sich eine Dreiviertelmillion Japaner, als im März die Ergebnisse des berühmten kanji kentei veröffentlicht wurden. Die Antwort war schonungslos. Dreimal jährlich ernüchtert der "Kanji-Test" auch die größten Sprachenthusiasten. Aus 15.000 Zeichen besteht die Kanji, Japans kompliziertes Schriftsystem. Und niemand kennt sie alle, nicht einmal annähernd. Um die höchste Stufe des kanji kentei zu erklimmen, müsste man 6.000 Symbole auswendig wissen – das gelingt im Durchschnitt nur einem von zehntausend Teilnehmern. In diesem Frühjahr waren es nur 85 von insgesamt 741.377.

Das nordamerikanische Foreign Service Institute, das US-Bürger auf Auslandsaufenthalte vorbereitet, listet Japanisch unter allen Sprachen als die komplizierteste für englische Muttersprachler. Das dürfte für Deutschsprachige ganz ähnlich sein – aus drei Gründen. Erstens folgen die Satzkonstruktionen einer ganz anderen Logik, als man es etwa im Deutschen kennt. Zweitens hängen die umfassenden Höflichkeitsformen ganz von der sozialen Stellung des Gesprächspartners ab. Das dritte und wohl größte Problem aber ist das überwältigend umfangreiche Schriftsystem. Der vielleicht einzige Trost dabei: Es lässt nicht nur Ausländer, sondern auch Japaner verzweifeln.

Etwa die zwölfjährige Miri Akechi. Jeden Tag muss sie zusätzlich zu ihren Hausaufgaben eine halbe Stunde lang pauken, als lerne sie die Vokabeln einer Fremdsprache. Abends sitzt sie in ihrem Kinderzimmer in Tokio, draußen ist es schon dunkel, und korrigiert ihre Fehler aus dem letzten Kanji-Test. "Von 50 neuen Zeichen wusste ich 48. Nur ein Mitschüler war besser", murmelt sie. Beide Fehler hat ihr das Wort "ausleihen" eingebrockt, für das es im Japanischen zwei unterschiedliche Verben gibt – eines für die gebende und eines für die empfangende Perspektive. Miri hat sie im Test vertauscht. "Das wäre mir in einer mündlichen Prüfung nicht passiert." Denn die Wörter klingen unterschiedlich.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass sich aus den Zeichen alleine die Aussprache kaum herleiten lässt. Meist muss man die Schreib- und Sprechweise separat auswendig lernen. Eine ganze Schulkarriere lang pauken Japaner, um als junge Erwachsene zumindest eine Zeitung und offizielle Dokumente einwandfrei verstehen zu können.

Die japanische Sprache hat zwar ihren ganz eigenen Ursprung, sie ist mit keiner anderen direkt verwandt. Aber als chinesische Gelehrte vor anderthalb Jahrtausenden ihre Schrift nach Japan brachten, verwoben sich deren Zeichen mit der dem Chinesischen fremden Aussprache und Grammatik des Japanischen. Doch schon vorher waren die Kanjis kompliziert. Im Prinzip sind sie Piktogramme: Das Symbol für "Berg" ähnelt einem Berg, das für "Baum" einem Baum. Für Verben und Adjektive aber wurden Kombinationen aus bis zu sieben verschiedenen Kanji-Elementen üblich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Damit nicht genug: Weil im Chinesischen keine Verben konjugiert werden, im Japanischen aber schon, erfanden japanische Gelehrte ein zusätzliches Schriftsystem, das Hiragana. Mit ihm werden die richtigen Endungen für Nomen, Verben und Adjektive an die entsprechenden Kanjis angehängt. Immerhin ist das Hiragana- ebenso wie Katakana-System (zur Umschreibung von Fremdwörtern) im Vergleich zu Kanji ein Kinderspiel: nur je knapp 50 Zeichen! Und Lautschrift! Auch mit ihnen lässt sich jedes japanische Wort ausdrücken. Warum nur quälen sich die Japaner dann mit den komplizierten Kanjis?

Yasuhiro Takeda wühlt auf der Suche nach einer Erklärung in seinem Regal. Er arbeitet für die Sprachabteilung des nationalen Bildungsministeriums. Seine Aufgabe ist es, Dialekte und neue Ausdrucksweisen zu beobachten und einzuordnen. "Natürlich könnten wir alles ohne Kanjis schreiben", sagt er. "Aber die alten Zeichen werden ja überall benutzt, also muss man sie auch lernen" – eher ein Zirkelschluss als eine Erklärung. Takeda versucht sich an einer zweiten Erklärung: Viele Wörter klingen gleich und unterscheiden sich nur in ihrer Kanji-Schreibweise. So heißen "Brücke", "Essensstäbchen" und "Schnabel" allesamt hashi. Erst durch ihre Kanjis werden sie unterscheidbar.

Selbst Muttersprachler halten ihre Japanischkenntnisse in der Regel für mangelhaft, und Yasuhiro Takeda betont: "Niemand beherrscht alle 15.000 Kanjis." Takeda selbst, der sich täglich mit den Zeichen beschäftigt, schätzt seinen schriftlichen Wortschatz beschwichtigend auf "weniger als 5.000".

Wer viele Kanjis kennt, kann sich schriftlich gewählt ausdrücken und versteht die an Wortspielen reiche Sprache auf einer weiteren Ebene. Man könnte sagen: Ohne Kanji wäre Japanisch nicht mehr Japanisch.

Um diese Kultur zu pflegen, sponsert die Regierung jenseits des kanji kentei Wettbewerbe und Sprachfolklore. Die Sieger ernten Ruhm. Der Linguistikprofessor Hideho Kindaichi etwa, der im kanji kentei die höchste Stufe erklommen hat und auch sonst alles abräumt, wurde zum Gesicht eines Nintendo-Videospiels – mit dem man Kanjis lernen kann. Entsprechend zum in Deutschland üblichen "Wort des Jahres" wählt Japan ein Schriftzeichen des Jahres. 2014 gewann das Kanji für "Steuer", nachdem die Regierung die Mehrwertsteuer erhöht hatte.

Grundschülerin Miri Akechi merkt sich das Steuer-Kanji mit einer Eselsbrücke. "Steuer" wird auf Japanisch "zei" ausgesprochen, und das Schriftzeichen ergibt sich aus den Symbolen für "Beine", "Mund", "zusammensetzen" und "Baum." Mit einer Freundin hat sich Miri zusammengereimt: "Die Steuer setzt sich als Baum aus der Arbeit aller Beine zusammen, der dann alle Münder füttert."

Yasuhiro Takedas Sprachabteilung legt einen Kernwortschatz fest, den jeder Japaner kennen sollte. Er umfasst aktuell 2.136 Kanjis. Noch bei jedem Update aus dem Bildungsministerium ist die Zahl offiziell unentbehrlicher Symbole gestiegen, zuletzt wurde die Liste im Jahr 2010 aktualisiert. In Schulen diktiert sie den Lehrplan, für Behörden und Medien dient sie als Orientierung bei der Wortwahl. Es ist der Versuch, eine überkomplexe Schriftsprache irgendwie zugänglich zu halten.

Aus einem seiner Regale zieht Takeda die maßgebliche Statistik für die jüngste große Kanji-Reform. "Jedes Jahr erstellen wir Ranglisten, welche Schriftzeichen wie häufig in Medien, offiziellen Texten und im Internet benutzt werden." Selten verwendete Symbole fliegen dann aus dem Kanon, populäre rücken nach. 2010 verschwanden etwa traditionelle Mengenmaße – das metrische System hatte sich durchgesetzt. Modebegriffe wie "Depression", "Gewicht verlieren" und "erfrischend" wurden neue Pflicht-Kanjis.

Wann genau der Kanon das nächste Mal erneuert wird, ist noch nicht entschieden. Die Analysen laufen, und einige klare Aufstiegskandidaten sieht Yasuhiro Takeda schon. Baku etwa – radioaktiver Strahlung ausgesetzt sein. Und kizuna – intensive zwischenmenschliche Beziehung. Beide liest er seit dem Unglück von Fukushima im März 2011 häufig.