Am Ende musste es echtes Gold sein, denn nur echtes Gold glänzt auch golden. Erst hatten sie alles Mögliche ausprobiert, hatten Goldfarben getestet und speziell beschichtete Metallplatten angeschraubt, doch je nach Lichteinfall sah das grün oder orange oder einfach nur braun aus. Schließlich bestellten Rem Koolhaas und seine Mitstreiter vom Office for Metropolitan Architecture (OMA) drei Kilo Blattgold, 24 Karat. So viel war nötig, um die Fassade des von ihnen so getauften Geisterhauses auf dem Gelände der Fondazione Prada in Mailand komplett zu umhüllen, einschließlich der Regenrinnen. Jetzt leuchtet dieses alte, durchschnittlich hässliche Gebäude einer ehemaligen Destillerie weithin über die Nachbarschaft, selbst wenn die Sonne – wie am vergangenen Sonntag – hinter einer dicken Wolkenschicht steckt. "Das Gold", sagt Rem Koolhaas, "macht die Frage überflüssig, wie das Wetter wird. Es kontaminiert die Umgebung. Auch das Gesicht der Besucher leuchtet, es funktioniert."

Kommendes Wochenende wird die Fondazione Prada nach siebenjähriger Bauzeit in einem spektakulären Ensemble aus renovierten und neu gebauten Häusern eröffnet, nicht im schicken Zentrum Mailands, sondern dort, wo die hiesige Chinatown auf stillgelegte Fabriken trifft. Dieser Campus, wie ihn die Architekten nennen, steht für ein Sammlerpaar, das von Künstlern, Kuratoren und Galeristen gleichermaßen hoch geschätzt wird. Seit 1993 betreiben Miuccia Prada und ihr Mann Patrizio Bertelli ihre Kunststiftung; in Venedig zeigten sie bereits Wechselausstellungen, jetzt eröffnet das Hauptquartier.

Die Stiftung sollte ein Ort des Experiments und der Forschung werden, sie sollte Zweifeln und Konflikten einen Raum geben, das war der Wunsch von Prada und Bertelli. Ihr Wunsch wurde erfüllt: Kein im einheitlichen Stil durchgestaltetes Privatmuseum, sondern ein kleines Kunstdorf mit sieben renovierten und drei neuen Gebäuden ist entstanden, extrem unterschiedlich sind die Fassaden. Ein niedriger Kinobau versteckt sich hinter spiegelndem Glas, eine Ausstellungshalle ist unscheinbar grau verputzt, während die nächste mit von der Militärindustrie entwickelten, silbrig-löchrigen Aluminiumplatten beplankt ist. Es gibt mehrere kleine Plätze auf dem Gelände, und die insgesamt 12.000 Quadratmeter großen Ausstellungsflächen sind auf so geschickte Weise miteinander verbunden, dass man immer wieder darüber staunt, plötzlich in einem anderen Bauwerk zu stehen.

Rem Koolhaas ist schon lange der Wunscharchitekt von Miuccia Prada, er berät auch die Marke und inszeniert sogar Modeschauen mit. Er teile mit Prada und Bertelli "eine Unzufriedenheit an der Wiederholung von Formeln", sagt Koolhaas, während er mit seinen Augenlidern gegen das Strahlen des Golds anblinzelt. Schon um die Jahrtausendwende hat er einen Prada-Shop am Broadway in Downtown Manhattan gestaltet, auch der sollte eine Ausstellungsfläche für Kunst und Wissenschaft sein. Doch der Epicenter Store – unter einem Erdbeben macht es der in starke Wörter verliebte Architekt aus Holland nicht – war letztlich nur ein Laden. Schon damals in New York gehörte Chris van Duijn zum OMA-Team, das Projekt der Fondazione hat nun er als Partner von Anfang bis Ende geleitet. Herausgekommen ist wohl die detailverliebteste, edelste Architektur, die OMA je gebaut hat.

Und was wird hier nun für Kunst gezeigt? Woraus besteht die in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitgehend verborgen gehaltene Sammlung?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Gemälde, so sagte Patrizio Bertelli kürzlich etwas verächtlich der Financial Times, seien leichter zu verstehen, weshalb sie vor allem von Neureichen gesammelt würden. Auch wenn sie ihr Modegeschäft vor allem mit ebendieser Klientel machen, verstehen sich Bertelli und Prada ganz offensichtlich nicht als neureich. Umso irritierter ist man jetzt, an einer Wand der Ausstellungsräume dicht an dicht Bilder von Kunstmarktstars wie Gerhard Richter, Jeff Koons und Roy Lichtenstein zu sehen. Also doch wieder das altbekannte Einerlei? Nein, das hier ist nur die Bildungsbiografie der Sammlung, sie zeigt, wie sich das Paar über die Jahrzehnte frei gemacht hat vom Kanon der globalen Sammlerelite. Ganz bewusst werden hier auch weitgehend unbekannte Künstler unter die altbewährte Garde gemischt: Domenico Gnoli (1933 bis 1970) etwa, dessen Gemälde in großen Ausschnitten einen Hosenknopf zeigen oder einen streng gezogenen Haarscheitel. Den Installationen des Pino Pascali (1935 bis 1968), einem Vertreter der Arte Povera, werden ganze Räume gewidmet.