Samia Yusuf Omar lebt, um zu laufen, und läuft, um zu leben: Sie läuft vor der islamistischen Al-Shabaab-Miliz in ihrer Heimat Somalia davon. Sie läuft auch, weil sie nur dann, im stetigen Rhythmus der Schritte, vergessen kann, dass ihr Vater brutal ermordet wurde. Und sie läuft, weil sie auf eine Zukunft als Sportlerin hofft und von einer Profikarriere träumt. Deshalb versucht sie, nach Europa zu gelangen, hier will sie für die Olympischen Spiele trainieren. Doch Samia kommt nie in Italien an. Im April 2012 ertrinkt die junge Frau im Mittelmeer. Über Wasser kann selbst die beste Sprinterin nicht laufen. Und schwimmen, das hatte Samia nie gelernt.

Es ist eine wahre Geschichte, die der Berliner Autor und Zeichner Reinhard Kleist in seiner Graphic Novel Der Traum von Olympia erzählt. Vier Jahre bevor Samia irgendwo im Mittelmeer vor Malta ums Leben kommt, haben viele von uns die junge Athletin im Fernsehen gesehen. 2008 trägt sie die somalische Flagge ins Stadion in Peking. 17 Jahre ist sie alt, als sie bei den Olympischen Spielen antritt – und beim 200-Meter-Lauf weit abgeschlagen als Letzte ins Ziel kommt. Dieses dünne Mädchen im labberigen Shirt, das nicht aufgibt, obwohl es gegen die internationalen Profis von Anfang keine Chance hat, begeistert das Publikum. Davon beflügelt, fährt Samia mit einem Wunsch, einem Traum, einem Ziel zurück nach Mogadischu: Sie will 2012 in London laufen, und dann wird sie nicht wieder die Letzte sein.

Man kann Samias Lauf noch heute bei YouTube sehen, zuschauen, wie sie lange nach allen anderen über die Ziellinie läuft. Sie lächelt nicht, als die Menge ihr zujubelt. Es steht aber auch keine Enttäuschung in ihrem Gesicht. Vielmehr blickt da ein Teenager mit einer großen Ernsthaftigkeit an der Kamera vorbei.

Willensstark, ehrgeizig, mutig: So zeichnet sie auch Kleist in seinem Comic. Er hörte 2012 von Samias Tod und begann zu recherchieren. Er sprach mit einer Schwester und mit einer Freundin der jungen Sportlerin. So rekonstruierte Kleist auch, was Samia Freunden und Familie via Facebook von unterwegs berichtete.

Für seinen Comic setzt Kleist kurze Posts als erklärenden Rahmen ein. Der Wortlaut sei "mehr oder weniger frei erfunden", schreibt er im Vorwort, denn inzwischen ist Samias Reise- und Leidensbericht online nicht mehr einsehbar. Wir lesen also nur, was die junge Frau noch aus Peking, später aus Somalia, dann aus Äthiopien, dem Sudan und Libyen gepostet haben könnte. Die Tonlage dieser kurzen Texte ist leicht schief, und die Kästen unterbrechen den Leserhythmus immer wieder, doch sie helfen, sich zu orientieren. Und ohnehin lebt das Buch von den starken Bildern, die uns in ihrer Unmittelbarkeit fesseln, anrühren und schockieren.

Kleist arbeitet mit breiten schwarzen Tuschestrichen und harten Kontrasten, es gibt keine Farbe, nur Schwarz, Weiß und Grau. Die Zeichnungen sind in ihrer Reduziertheit so eindringlich und mitreißend, dass wir das Gefühl haben, an Samias Seite zu laufen. Wir leiden mit ihr, als die Terrormiliz in Mogadischu sie drangsaliert, weil sie als Frau Sport treiben will. Wir liefern uns mit ihr den Schleppern aus, denen sie ihr Leben anvertraut. Wir kämpfen uns mit ihr unter sengender Sonne voran, kauern neben ihr in einem Laster und spüren ihre Panik, als sie mitten in der Wüste vom Schleuserfahrzeug rutscht und in einem halsbrecherischen Sprint um ihr Leben läuft. Schließlich sitzen wir mit ihr in einem kleinen, überfüllten Schlauchboot, dem nach zwei Tagen das Benzin ausgeht.

Kleists Comic erschien im vergangenen Jahr in gekürzter Fassung in der FAZ, in diesem Frühjahr wurde daraus ein Buch – und es ist aktueller denn je. Bald täglich erreichen uns Meldungen von ertrunkenen Flüchtlingen, und immer fassungs- und hilfloser schauen wir auf diese anonyme Menge an Menschen, die alles aufgeben, weil sie ein wenig zu hoffen wagen.

Die Ertrunkenen können nicht mehr erzählen, Reinhard Kleist aber verleiht einer von ihnen posthum eine Stimme, macht sie zu einem für uns erkennbaren Gesicht. Weil Samias Geschichte eine von so vielen ist, mag man versucht sein, sie exemplarisch zu nennen. Doch genau das ist sie nicht. Hinter jedem Flüchtling steht ein individuelles Leben, nur wissen wir selten davon. Den wenigsten ist es vergönnt, schon vor ihrer Flucht unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Samia kannten wir, weil sie mit ihrem Lauf in Peking für wenige Fernsehminuten in unseren Wohnzimmern zu Gast war. Gerettet hat sie das nicht.

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 7. Mai stellte Radio Bremen das Buch um 15.20 Uhr bei Funkhaus Europa vor. Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs.