Wer kühne Crash-Prophezeiungen und Verschwörungstheorien mag, für den ist Martin Armstrong der richtige Mann. Armstrong, ein amerikanischer Börsenanalyst, hat für den Oktober 2015 den Zusammenbruch des europäischen Marktes für Staatsanleihen und die Implosion des Euro angekündigt. Er stützt seine Vorhersage auf besondere Rechenmodelle, die Zahl Phi und auf seine Analyse vergangener Ereignisse. Armstrong behauptet von sich, er habe den Wall-Street-Crash von 1987, den berüchtigten "Schwarzen Montag", auf den Tag genau vorhergesagt. Auch den Einbruch des japanischen Nikkei 1989 und den Kollaps des Rubel 1998 will er mithilfe seines Systems frühzeitig prognostiziert haben. Und den Beginn der jüngsten Finanzkrise habe er mit seiner Methode, dem Economic Confidence Model, ebenfalls im Voraus kalkuliert.

Alle 8,6 Jahre, so erklärt es Armstrong, durchlaufen die Finanzmärkte einen Zyklus. Und sehr bald, am 17. Oktober, komme der nächste Crash, verkündete er kürzlich der Wirtschaftswoche. Derzeit ist Armstrong in der deutschen Presse ein gefragter Mann. Auch die Welt plauderte mit der "Finanzlegende", die einen "legendären Ruf als Hellseher der Finanzbranche" habe. Diese Medienpräsenz in Deutschland ist kein Zufall: Am 7. Mai kommt The Forecaster in deutsche Kinos, ein Dokumentarfilm über Armstrongs Leben, gedreht vom deutschen Filmemacher Marcus Vetter.

Fragt man allerdings Wall-Street-Veteranen nach Martin Armstrong, schütteln die den Kopf. Alan Valdes arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten als Händler an der New Yorker Börse. Die von Armstrong angeblich vorhergesagten Einbrüche hat er alle auf dem Parkett miterlebt. Den Namen Armstrong aber, den habe er "nie gehört". Die Finanzanalystin Louise Yamada könnte man als Zunftkollegin von Armstrong bezeichnen. Wie er hat sie eine eigene Firma, bis 2005 leitete sie bei der Citigroup die Abteilung Technical Research. Technische Analysten interpretieren Kursgrafiken und ziehen aus der Vergangenheit Schlüsse über künftige Marktbewegungen. Investoren wählten Yamada von 2001 bis 2004 jedes Jahr zur besten technischen Marktanalystin. Es tue ihr sehr leid, sagt Yamada, aber einen Martin Armstrong kenne sie nicht. Das ist auch Howard Simons’ erste Reaktion. Simons arbeitete als Analyst, Ölhändler, Risikomanager, Ökonom und Finanzprofessor, er handelte mit Optionen und Terminkontrakten, Währungen und Rohstoffen. Nach einigem Nachdenken glaubt Simons sich doch an den Namen zu erinnern, allerdings nicht im Zusammenhang mit spektakulären Prognosen, sondern mit einem Betrugsfall.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Tatsächlich saß Armstrong mehr als elf Jahre lang im Gefängnis. Gegen ihn ermittelte das FBI. Die Strafverfolger warfen ihm vor, japanische Kunden um rund 700 Millionen Dollar betrogen zu haben. Armstrong weist die Vorwürfe bis heute zurück. Vielmehr trage die Bank die Verantwortung, bei der er das Anlegergeld geparkt hatte. Die Bank bekannte sich später schuldig, wobei keiner der zuständigen Banker ins Gefängnis musste. Weil Armstrong sich in einem ebenfalls gegen ihn angestrengten Zivilverfahren weigerte, 15 Millionen Dollar und Wertgegenstände wie Goldbarren, Münzen sowie eine antike Büste von Julius Cäsar zu übergeben, ließ ihn der Richter in Beugehaft nehmen. Armstrong behauptete, die geforderten Werte seien zum großen Teil nicht mehr in seinem Besitz. Er blieb mehr als sieben Jahre lang in Beugehaft – ohne Prozess. Dann bekannte er sich in einem Punkt seines noch ausstehenden Strafverfahrens schuldig, worauf er zu weiteren fünf Jahren verurteilt wurde. So lange wie Armstrong war noch niemand in den USA wegen Nichtachtung des Gerichts im Gefängnis.

Armstrong sieht hinter dem Vorgehen der Strafverfolger eine Verschwörung, um ihn mundtot zu machen. Mit seinen Erkenntnissen sei er dem "Club", wie er die großen Banken und ihre Helfershelfer in Washington nennt, zu gefährlich geworden. So hat er es in seinen Gerichtsakten zu Protokoll gegeben. Auch der libanesisch-brasilianische Banker Edmond Safra, der 1999 in Monte Carlo umgebracht wurde, und die russische Mafia seien Teil der Verschwörung, hat Armstrong behauptet.

Vor seinem tiefen Sturz sei er von Präsidenten und Zentralbankern konsultiert worden, mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher habe er regelmäßigen Umgang gepflegt. Jedenfalls schreibt es Armstrong so auf seiner Website. Der Mann zählt auf alle Fälle an der Wall Street zu einer Randgruppe – denjenigen Analysten, die wiederkehrende Zyklen im Markt sehen. So wie die Anhänger der Elliott-Wellen-Theorie, die Bewegungen des Marktes mit psychologischen Mustern der Investoren erklären. Auf dieses Prinzip kam Ralph Nelson Elliott in den 1930er Jahren. Doch seine heutigen Anhänger wollen sich nicht über Armstrong und dessen Ideen äußern. Leider wisse man nicht genug über dieses Thema, bedauert die Pressesprecherin von Elliott Wave International.

Nur hinter vorgehaltener Hand wird berichtet, dass nicht alle Wall-Street-Vertreter ablehnend gegenüber Zyklentheorien wie der von Armstrong sind. Vor allem Hedgefonds würden sich ihrer bedienen. Börsenveteran Alan Valdes kann das sogar verstehen. Es gebe den Wunsch, eine rationale Erklärung für das Auf und Ab an den Märkten zu finden, glaubt er: "Aber die gibt es nicht."