Die Mutter aller MILFS: Madonna bei einem Auftritt während der Grammy-Verleihung im Februar 2015. © ROBYN BECK/AFP/Getty Images

Dieser Text ist nichts für empfindliche Gemüter. Legen Sie ihn lieber weg, lieber Leser, wenn Sie schwache Nerven haben: Er enthält 33 Mal das Wort fuck, und – ganz schlimm – es geht um Sex mit Müttern. Dazu kommt noch ein kaum aussprechbares Akronym, das noch niemals in der ZEIT stand: MILF. Ausgeschrieben bedeutet es: Mother I’d Like to Fuck, auf Deutsch "Eine Mutter, mit der ich ins Bett gehen möchte".

MILF stand lange für eine sehr geheime männliche Sexfantasie, doch heute ist das Phänomen omnipräsent. Die Sängerin Judith Holofernes veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Lied mit dem Titel M.I.L.F. ("Mixtape, I would like to ..."). Es gibt einen grünen MILF-Smoothie für Frauen auf Apfel- und Mangobasis. In MILF-Fitnesskursen sollen Mütter nach einer Geburt wieder begehrenswert gemacht werden. Es gibt Paare, die sich schon gegenseitig als MILF und DILF ("Dad, I’d Like to ...") in ihren Mobiltelefonen abspeichern. Sogar im Bayerischen Rundfunk ist das angekommen: Eine Folge der Serie Mann/Frau heißt schlicht MILF. Darin trifft sich der junge Hauptdarsteller mit einer verheirateten Frau heimlich im Hotel – und fühlt sich danach benutzt.

Sex mit reiferen Frauen zu haben kommt zwar jetzt in Mode, ist aber streng genommen keine sehr neue Männerfantasie, es gibt sie schon in den antiken griechischen Sagen: Iokaste, die Mutter des Prinzen Ödipus, war wohl die erste MILF überhaupt. Auch Goethe soll auf deutlich ältere Frauen gestanden haben. Ende der sechziger Jahre nahm dann im Kino Mrs. Robinson als raffinierte Verführerin dem blutjungen Dustin Hoffman die "Reifeprüfung" ab.

Auch als Pornogenre ist die ödipale Lust des jungen Mannes auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte, schon lange bekannt. Mature-, Cougar- oder Mom-Sex lauten die gängigen Subgenres in der Branche: Frauen ab 40 aufwärts vernaschen in den Filmchen gern als Lehrerin den eigenen Schüler oder als Hausfrau den Freund des eigenen Sohnes. Dann kam vor 15 Jahren die amerikanische Teenager-Klamotte American Pie in die Kinos und mit ihr eine Figur, die im Gedächtnis bleiben sollte. Stifler’s Mom, eine aufreizende blonde Enddreißigerin, raubte den Highschool-Jungs den Verstand. Sie machte die MILF gesellschaftsfähig. Seitdem hat sich der Begriff aus den schmutzigen Ecken der Pornografie entfernt und ist im Mainstream angekommen.

Und noch was ist geschehen: Aus einer männlichen Sexfantasie ist ein Kompliment geworden, das manche Frauen heute für sich reklamieren. Britney Spears wurde während ihrer Schwangerschaft mit einem T-Shirt gesichtet, auf dem "MILF in Training" gedruckt stand. Spaßpolitikerinnen von DIE PARTEI protestierten als "MILFs gegen Merkel". Und als sich die Steuerfachgehilfin und Mutter Kati 2014 für ein Umstyling bei der Brigitte Mom bewarb, begründete sie das mit dem Satz: "Ich will nicht mehr nur Mutti sein, sondern auch MILF!" Die Redaktion fand das so "selbstironisch und rotzig", dass sie die Vorher-nachher-Bilderstrecke im Internet mit "Eben noch Muddi, jetzt MILF" betitelte. Proteste blieben aus.

Wie konnte es dazu kommen?

Alles begann, wie die meisten modernen Geschichten, im Internet. Seit einigen Jahren verzeichnen die Anbieter von Pornoseiten ein gestiegenes Interesse an Filmen mit älteren Frauen. Nach Aussagen eines der größten Erotikportale, PornHub, liegt MILF bereits auf Platz drei der am häufigsten gesuchten Begriffe weltweit, in Deutschland auf Platz vier. Nimmt man alle Suchbegriffe in den deutschen Porno-Top-Ten zusammen, die irgendwie mit Mutterschaft zu tun haben, dann wollten im vergangenen Jahr fast 50 Millionen Nutzer Sex mit Müttern sehen – dreimal mehr, als nach jungen Frauen gesucht hatten. Auch bei manchen deutschen Amateurportalen sind MILFs in den Rankings bereits die beliebtesten Darstellerinnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Kein Sexualwissenschaftler hat diese Entwicklung bisher erforscht. Es ist eine Bewegung aus dem Volk. Auf unsere Anfragen bekommen wir entweder gar keine Antworten oder patzige Mails aus den deutschen Hochschulen. Darum machen wir uns selbst auf die Suche nach Antworten. Und fahren nach Münster, zu einer der erfolgreichsten deutschen MILFs. Sie nennt sich "Dirty-Tina", ist 47 Jahre alt, hat zwei Kinder, führt die dritte Ehe und drehte in Heimarbeit fast 350 Pornofilme – als MILF.