Die "traten auf wie die Nachfolger der SA", sagt der SPD-Politiker Carsten Schneider. "So etwas hatte ich vorher nicht erlebt, und so etwas will ich nicht noch mal erleben." Dann macht er, am Telefon, eine Pause. Er muss durchatmen. Mit "die" meint Schneider jene 40 Neonazis, die am 1. Mai 2015 eine Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Weimar überfielen.

Ein Neonazi-Überfall, in einer deutschen Stadt: Fast ist man geneigt, sich zwar zu empören – die Sache dann aber doch schnell zu vergessen. Hört man nicht jede Woche, irgendwo, von rechtsextremistischen Ausschreitungen?

Aber dieser Fall ist anders, dieser Fall wiegt schwerer, das spürt man schon an Carsten Schneiders Sprache. Und das spürt man daran, dass jetzt sogar Bodo Ramelow (Linke), Thüringens Ministerpräsident, von Angst spricht, die Politiker und Bürger empfänden. Davon, dass Rechtsextreme in neuer Dreistigkeit, in ungekannter Schamlosigkeit die Demokratie und ihre Vertreter angreifen.

Diejenigen, die an diesem 1. Mai – wie Schneider – vor Ort waren, erzählen eine Geschichte von unheimlicher Chuzpe. Dabei beginnt der Tag so friedlich. Zur Kundgebung hat der DGB, wie jedes Jahr, eine Bühne aufgebaut, ein paar Büdchen, es gibt Wurst, die Sonne scheint, 150 Gäste, heißt es, sind gekommen. Neben dem SPD-Oberbürgermeister einige Landespolitiker von Linken und SPD. Ein Gewerkschafter hat gerade seine Rede gehalten, nun tritt Carsten Schneider gleich ans Mikrofon. Der 39-Jährige hat sich als versierter Finanzpolitiker einen Namen gemacht, ist Vizechef der Thüringer SPD und seiner Bundestagsfraktion. So eine Rede? Routine.

Doch dann, plötzlich – so wird Schneider es später erzählen, und so bestätigen es viele Zeugen – sind Parolen zu hören, zunächst aus der Ferne. Eine Demo? Das Geschrei wird lauter. Schließlich, sagt Schneider, marschieren etwa 40 Neonazis auf dem Markt ein. Sie hätten totale Entschlossenheit ausgestrahlt, sagt einer, der dabei war. "Eine militante Marschformation, es war die pure Einschüchterungstaktik", berichtet der Weimarer Linken-Landtagsabgeordnete Steffen Dittes, der ebenfalls anwesend war. Die Eindringlinge: alle junge Typen, kaum einer von ihnen ist älter als 30 Jahre, manche tragen Sonnenbrille, vermummt ist niemand, einige haben Markenklamotten an. Und sie haben Transparente dabei: "Nein zum Heim" steht darauf. Oder: "Die Linke = Mauermörderpartei". Einige grölen: "DGB – Arbeiterverräter!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe Nr. 19 vom 7.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Sie hatten das minutiös geplant", sagt Schneider, "das war ein professionelles braunes Überfallkommando." Er sei auf die Rechtsextremisten zugegangen, gemeinsam mit anderen. "Ich habe denen gesagt, sie sollen abhauen. Aber das interessierte sie nicht. Sie rempelten Leute um, brüllten ihre Parolen." Er, Schneider, habe erkannt, "dass sie sich das Mikrofon holen wollten" – und habe deshalb selbst versucht, es in die Hand zu bekommen. Daraufhin sei er von Neonazis abgedrängt worden. "Dann gab der Anführer so lange seine Parolen von sich, bis wir ihm den Strom abstellten", sagt Schneider. Die Rechtsextremisten hätten sogar zugeschlagen. Der Schatzmeister des Weimarer Linken-Kreisverbandes, Alexander Bierbach, 63, musste mehrere Faustschläge einstecken, seine Prellungen im Krankenhaus behandeln lassen. Mit einer der Holzstangen, an denen die Plakate befestigt waren, hätten die Angreifer ihm außerdem in den Bauch gestoßen, sagt Bierbach. Nach fünf, sechs Minuten sei der Trupp von selbst wieder abgezogen. Fünf Minuten wie eine Ewigkeit. Zurück blieb die Furcht. Und die Wut: Eine Veranstaltung von DGB, SPD und Linkspartei, mit Bundestagsabgeordneten, Oberbürgermeister, Landtagsabgeordneten – und alle waren sie weitestgehend wehrlos angesichts dieser rohen Gewalt. Carsten Schneider sagt: "Ich habe in den 1990er Jahren erlebt, wie die Nazis vorm Plattenbau aufmarschierten und autonome Jugendzentren stürmten. Das war krass. Aber dass sie eine offizielle politische Veranstaltung der etablierten Gesellschaft auf dem Marktplatz stürmen, eine Veranstaltung mit Senioren und Familien, hätte ich mir nie vorstellen können."

Wie, glaubt er, erklärt sich diese Forschheit? Die Neonazis fühlten sich gesellschaftlich unterstützt. "Pegida hat denen Auftrieb gegeben. Die glauben, die dürften sich das erlauben." Diese Leute hätten "vor kaum etwas mehr Angst". Schneider sagt auch: "Wenn junge Nazis sich nicht einmal mehr die Mühe machen, sich zu vermummen – wenn denen scheißegal ist, ob jemand sie auf Fotos erkennt –, dann heißt das, dass die sich sicher fühlen."