Reizvoll wäre es schon gewesen, der Nino als Repräsentant Österreichs. Man muss sich die Szene nur mal bildlich vorstellen – flackernde Lichtkegel, Europa daheim vor den Fernsehschirmen, die Stimmung ist riesig und kippt pflichtgemäß ins Hysterische, als das TV-gerecht herausgeputzte Moderatorenpärchen den Beitrag des Gastgeberlandes ankündigt: Ladies and Gentlemen, a big welcome for Austria! Und dann kommt der Nino auf die Bühne geschlichen, eine derangierte, leicht lebensmüde wirkende Gestalt mit dunkler Sonnenbrille, die zu krachenden Akkorden einen Song über den Kater danach vorträgt.

Einschlägiges Material hätte genug zur Verfügung gestanden, Grant etwa, eine Hymne auf die Qualitäten schlechter Laune, oder Wiener Melange, das wahlweise von einem Kaffee, einer Droge oder einer Weltsicht handelt und in den Zeilen gipfelt: "Meine Traurigkeit wacht auf, manchmal wirkt’s wie ein Geschenk, wenn man schwer verletzlich nach ihr schaut, nach dieser Wiener Melange". Als Gegengift zum Wohlfühlzwang hätte das was gehabt. Dass es dann doch nichts wurde mit der Teilnahme am Eurovision Song Contest – an den Verantwortlichen vom ORF hat’s nicht gelegen: Angefragt war er, der Nino, aber er musste leider absagen. Zu viel Stress, zu viele Regeln, vor allem aber hat das Rauchverbot ihn abgeschreckt. Bühnen, auf denen nicht geraucht werden darf, sind nicht seine Welt.

Wien im Jahr eins nach dem Sieg von Conchita Wurst. Wer sich auf die Suche nach dem Wienerischen am jüngeren Austropop begibt, merkt schnell: Es gibt sie noch, die verloren geglaubten Tugenden des Antiheldentums. Leute, die könnten, wenn sie wollten, es aber doch vorziehen, nicht zu wollen. In Wien, so scheint es, haben Charaktereigenschaften überlebt, die anderswo dem Fortschritt zum Opfer gefallen sind: ein Hang zum Hedonismus, gepaart mit einer gesunden Portion Fitnessverachtung. Nicht dass Nino Mandl, der sich als Songwriter "Der Nino aus Wien" nennt, ein Niemand wäre, im Gegenteil. Er ist in Wien, um Wien herum und neuerdings sogar in Deutschland bekannt wie ein bunter Hund. Doch während die Stadt den Toleranzgedanken unter dem Motto "Building Bridges" zu neuen Höhen führt, hält der ewige Geheimtipp sich lieber im Abseits.


Um ihn in seinem natürlichen Habitat zu erleben, muss man in den Albernen Hafen hinausfahren, wo bloß der Friedhof der Namenlosen Touristen anlockt und ein sagenhaft pittoreskes Lokal namens Hafenkneipe zum Verweilen lädt. Da sitzt er nun, ein blasser Bub Ende 20, der aussieht, als habe er von zu vielen verbotenen Substanzen genascht, und tut das, was er am besten kann: bei langen Zügen aus seiner John Player Special darüber nachsinnen, warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum sie sich trotzdem weiterbewegt. Mandl ist ein Slow-Motion-Denker, chamäleonhaft langsam kommen die Gedanken aus seinem Mund gekrochen. Er generiert seine Sätze erst, während er sie ausspricht, doch das macht nichts. Immer wenn er nicht weiterweiß, greift ihm Ernst Molden, stilvoll verarmter Sohn der Verlegerlegende Fritz Molden, helfend unter die Arme.

Mandl und Molden meißeln das Subversive am Wienerischen neu heraus

Es ist ein unwahrscheinliches Paar, das hier, befeuert von gespritztem Wein und diversen Dosen Wieselburger Pilsener, frei vor sich hin dialogisiert. "Schon möglich, dass eine melancholische Grundstimmung herrscht in der Stadt", sagt Mandl. "Das heißt aber nicht, dass ich mich schlechter fühl, melancholisch sein ist gut, fröhlich ist anstrengend", sagt Molden. "In Hawaii isses anders", sagt Mandl. "Die haben aber keinen Schnitzler", sagt Molden. "Fad sind wir nicht", sagt Mandl. "Das ist eine Qualität von Wien, dass es zulässt, dass die Typen Typen bleiben", sagt Molden. So geht es hin und her und her und hin, Mandl, das verwirrte Genie, Molden, der Stegreifphilosoph – wie Popstars wirken die beiden wirklich nicht, eher wie zwei Charakterdarsteller, die es zufällig ins Unterhaltungsgewerbe verschlagen hat. Gerade das allerdings hat derzeit wieder Konjunktur.

Unser Österreich heißt ihr erstes Gemeinschaftswerk, eine Hommage an die Klassiker des Austropop von André Heller über Georg Danzer bis hin zu Wolfgang Ambros: Unter Einsatz bluesiger Gitarren haben sie das Liedgut aus den Siebzigern behutsam entschlackt. Natürlich darf man den Titel nicht wörtlich nehmen, Songs wie Danzers Vorstadtcasanova oder Falcos Nachtflug standen nie für Österreich, sondern allenfalls für Wien. Bloß parodistisch ist es aber auch nicht gemeint. Mandl und Molden verstehen sich als Bergungsunternehmer, sie meißeln das Subversive am Wienerischen neu heraus. Während die Stadt sich vom östlichen Rand Europas zur Mitte hinarbeitet, erinnern sie an Qualitäten, für die sie auch als Person einstehen: das Entschleunigte, Vergrantelte, den berühmten Schmäh. Dass selbst der mainstreamorientierte Staatsfunk sie rauf und runter dudelt, nehmen sie billigend in Kauf. So sehr wie in diesen Liedern war Wien lange nicht mehr bei sich selbst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Das Altwiener Fluidum kehrt aber auch in verjüngteren Formen wieder. Bands wie Bilderbuch oder Wanda beziehen sich nur mehr vage auf Austropop-Vorbilder, hier ein Zitat, dort eine Anleihe, ansonsten musiziert man schneidig auf internationalem Niveau. Die Beatles, Prince und Nirvana sind die Bezugsgrößen, wenn das deutsche Publikum mitgeht, hat man absolut nichts dagegen, und doch schlägt das Wiener Lokalkolorit unweigerlich durch. Wanda-Songs heißen Stehengelassene Weinflaschen oder Ich will Schnaps, in feuchtfröhlichen Farben huldigen sie einem Lebenswandel im Dienste der Ausschweifung. Das kommt bei Alt und Jung gleichermaßen an. Es ist, als habe die Stadt sich just in dem Moment, in dem die letzte Innenbezirksgasse aufgehübscht wurde, noch einmal auf ihre wahre Natur besonnen. Was das für Wien im Besonderen und Österreich im Allgemeinen zu bedeuten hat, darüber freilich wird auch vor Ort noch gerätselt.