Der Schriftsteller Raymond Chandler (1888-1959) heiratete eine Frau, die wesentlich älter als er, aber das Gegenteil seiner Mutter war. © Ralph Crane/The LIFE Images Collection/Getty Images

Wenn ein Mann sich in eine Frau verliebt, die seine Mutter sein könnte, sollte er nicht erwarten, dass sie ihm ihr wahres Alter verrät. Sie wird es womöglich für sich behalten, vielleicht ist das gut so. Als der Schriftsteller Raymond Chandler seine Cissy heiratete, im Februar 1924, war er 35 und sie 53, aber im Trauschein log sie zehn Jahre herunter. Als er seinen ersten Roman schrieb, The Big Sleep, da war er Ende 40, und sie ging auf die 70 zu. Chandler wurde berühmt, Cissy wurde bettlägerig, doch er blieb ihr treu. In den Jahrzehnten ihrer Ehe waren sie fast nie getrennt. Jeden Nachmittag tranken sie gemeinsam Tee, abends hörten sie im Radio das Klassikkonzert, ein Künstler und sein alterndes Ein und Alles. Es war eine Liebesgeschichte, so groß wie unwahrscheinlich.

Die Suche nach dem Geheimnis dieser Liebe muss natürlich nach Los Angeles führen – in die Stadt, in der Raymond und Cissy lebten und wo auch Chandlers Romanheld zu Hause ist, der supercoole und supermännliche Privatdetektiv Philip Marlowe. Und weil Raymond und Cissy schon ein halbes Jahrhundert tot sind, beginnt die Suche an dem Ort, der große Autoren unsterblich macht, im Archiv. "Bitte sehr", sagt die freundliche Dame im Keller der University of California und stellt eine Pappschachtel auf den Tisch, den Chandler-Nachlass, Box "Nr. 1".

Aus der ersten Plastikhülle fällt gleich dieses Foto: eine voluminöse Schönheit, das Kleid tief ausgeschnitten, die ehemals roten Haare blondiert. Sehr vital und ein wenig halbseiden wirkt sie. Cissy muss ein Ereignis gewesen sein, damals um 1915, als sie Raymond kennenlernte. Ihren "Raymio". So nannte sie ihn.

Er: jung und schüchtern. Gerade aus England eingewandert, im Herzen noch der viktorianische Schuljunge. Sie: ein früheres Aktmodell und It-Girl der Künstlerszene. Er träumte vage von einem Leben als Literat, trug altmodische Tweedjacketts und fürchtete sich vor Frauen wie vor exotischen Raubtieren. Sie langweilte sich in ihrer zweiten Ehe. Die beiden waren wirklich sehr verschieden.

Sie begegneten einander im Haus eines reichen Anwalts, Raymond hatte ihn auf dem Schiff nach Amerika kennengelernt. Komm nach L.A., hatte der Anwalt gesagt, ich besorge dir einen Job. Raymond kam. Als Erstes holte er seine Mutter nach, den Menschen, um den sich zu dieser Zeit sein Dasein drehte. Er war ein Einzelkind, und sein Vater, ein trinkender Versager, hatte die Familie früh verlassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Mutter und Sohn waren froh, als sie in der neuen Heimat Anschluss an einen Freundeskreis fanden, der sich freitagabends im Haus des Anwalts traf. Raymonds Mutter verstand sich gut mit Cissy und deren Ehemann, sie waren ja fast gleich alt; Raymond verbrachte viel Zeit mit Cissys Stiefsohn. Es gab die Älteren, es gab die Jüngeren, und dann gab es plötzlich dieses Paar, das alle Grenzen sprengte. Die laute, glitzernde Cissy und der stille Raymond. Großes Theater. Was muss das für ein Skandal gewesen sein. Im Archiv finden sich leider keine Zeugnisse darüber, aber es dürfte Cissy gewesen sein, die Raymond mit ihrer Zuneigung attackiert hatte.

Quälende Aussprachen im Stuhlkreis, Was-nun-Debatten, Ringen um eine Lösung. Bis Cissy verkündete: Ich liebe nun mal Raymond mehr als meinen Ehemann, was soll ich machen? Damit war klar, sie würde die Scheidung bekommen und ihren Raymio dazu.

Chandler blieb zunächst bei seiner Mutter, die nicht erfreut war über den neuen Lebensmittelpunkt ihres Sohnes. Sie erkrankte an Krebs, Raymond war ihr treu, er pflegte sie bis zum Ende. Sie musste erst sterben, damit er seine Erfüllung finden konnte. Man kann sagen, Raymond Chandler ersetzte die eine Frau seines Lebens durch eine andere. Die Mutter durch die mütterliche Liebhaberin.

Heute fällt es schwer, Cissys Gedanken und Gefühlen nachzuspüren. Man wüsste gern, was sie an diesem jungen Mann fand, an den sie ihr Herz verlor, aber die Chandlers bekamen keine Kinder, die man fragen könnte, und Raymond ließ die gesamte Korrespondenz mit seiner Frau verbrennen. Er wollte die Intimitäten dieser Ehe nicht mit der Nachwelt teilen. Das Einzige, was er von Cissy aufbewahrt hat, ist ihre Rezeptesammlung.

Raus also aus dem Archiv, nach Downtown Los Angeles. Dort steht eine zierliche Frau Mitte sechzig vor einem heruntergekommenen Bürogebäude mit neoklassizistischer Fassade, einem dieser düsteren Klötze, wie man sie in den 1920er Jahren baute. Judith Freeman presst ihr Gesicht an eine trübe Glasscheibe und blickt in die Ruine einer Lobby, bedeckt vom Staub der Zeit. Hier habe Raymond Chandler nach seiner Heirat mit Cissy acht Jahre lang gearbeitet, erzählt Freeman. Chandler war damals Manager in einer Ölfirma. "Nichts, was seiner Ehe besonders guttat", sagt Freeman.

Es braucht jemanden wie diese Judith Freeman, um Cissy vor dem Vergessen zu retten – eine Autorin von Romanen, früher selbst mit einem sehr viel älteren Partner zusammen; eine Frau, die besessen ist von der Suche nach dem, was Cissy ihrem Mann zu geben hatte. Sehr viel, glaubt Freeman. Sie hat jahrelang alle Spuren verfolgt, hat ihre Vorstellungskraft eingesetzt, wo die Lücken anders nicht zu schließen waren, und hat dann ein wunderbares Buch über die Chandlers geschrieben. Es heißt The Long Embrace, und man wünscht sich, es könnte bald auf Deutsch erscheinen.