Mehr Absolventen, weniger Studienabbrecher – der akademischen Lehre gelingt die Trendwende.

Der Soziologe Ulrich Heublein wägt jedes Wort. Eine Revolution wolle er es nicht nennen, was er an den deutschen Hochschulen seit ein paar Jahren beobachtet, "aber einen sehr, sehr wichtigen Wandel in der Mentalität". Der Studienerfolg ihrer Studenten sei den Universitäten und Fachhochschulen nicht mehr egal, sagt Heublein, der am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung arbeitet.

Nicht mehr egal? Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass sich die Hochschulen um den Erfolg ihrer Studenten bemühen. Vor allem an den Universitäten steht jedoch für die Professoren oft ihre Forschung im Mittelpunkt. Sie bringt ihnen die Anerkennung der Kollegen, zusätzliche Forschungsgelder, und sie entscheidet über die weitere Karriere. Wer als Hochschullehrer hingegen gute Vorlesungen hält und lehrreiche Seminare veranstaltet, der erntet bestenfalls die Sympathie der Studenten.

"Viele Professoren haben die Lehre ohne Zweifel als Belästigung empfunden", sagt der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth. Vor allem die Studienanfänger empfanden sie als amorphe Masse und raunten sich zu: "Was wollen die denn alle hier?"

Wenn Ulrich Heublein nun einen Mentalitätswandel feststellt, dann ist das bemerkenswert. Denn er erforscht seit Jahren einen wichtigen Indikator für den Erfolg oder Misserfolg der akademischen Ausbildung, den Studienabbruch. Erst kürzlich schockierte er nicht nur die Fachwelt: Bei den Bauingenieursstudenten ermittelte er eine Abbrecherquote von 51, bei den Mathematikern eine von 47 Prozent.

Doch er hatte auch gute Nachrichten, die wenig Echo fanden: Die Universitäten konnten in den letzten Jahren den Anteil der Studienabbrecher um 16 (Elektrotechnik) und 17 (Maschinenbau) Prozentpunkte senken. Zudem konnte bei den Bachelorstudiengängen die Abbrecherquote in den Fächern Mathematik und Informatik verringert werden.

Für den Wandel an den Universitäten stehen Professoren wie der Informatiker Markus Bläser. "Wir nehmen die Studierenden einfach ernst", sagt der Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik an der Universität Saarbrücken. Die Aufteilung der – andernorts nicht gerade beliebten – Grundvorlesungen unter den Professoren dauere nie länger als fünf Minuten. Die Studenten schätzen den Einsatz der Hochschullehrer und zeigen sich im neuen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) mit den Studienbedingungen an der Uni Saarbrücken im Fach Informatik sehr zufrieden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Vielerorts arbeiten Hochschulen und Verbände daran, dem Nachwuchs den Studienstart zu erleichtern und die Lehre zu verbessern. So können Interessenten an der RWTH Aachen online selbst prüfen, ob sie für ein Mathematik- oder Ingenieurstudium geeignet sind. In Baden-Württemberg proben unter anderem die Uni Stuttgart und die Hochschule Esslingen ein Studium mit mehreren Geschwindigkeiten, um Studenten mit unterschiedlichem Grundwissen entgegenzukommen. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau unterstützt bundesweit mit der Initiative "Maschinenhaus" mehr als 30 Hochschulen mit Workshops, Experten und Hilfsangeboten für eine gute Lehre, um die Abbruchquote in Elektrotechnik und Maschinenbau zu senken.