Ein Obdachloser in New York © Spencer Platt/Getty Images

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Es war ein unheimliches Gefühl, die Bilder aus Baltimore im Fernsehen anzuschauen. Als ich vor neun Monaten nach Amerika zog, um aus diesem Land zu berichten, unterbrach ich meine Wohnungssuche für einen Besuch in Ferguson. Gerade war der unbewaffnete junge Schwarze Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen worden, Ausschreitungen waren die Folge. Jetzt saß ich in meiner Wohnung und sah wieder solche Bilder. Dieses Mal war der junge Schwarze Freddie Gray in Baltimore während eines Polizeitransports gestorben. Und wieder: Ausschreitungen.

Seit neun Monaten bin ich in Amerika, und alle paar Wochen erschüttert ein ähnlicher Fall das Land.

Als ich damals nach Ferguson fuhr, wollte ich eine Stadt kennenlernen, und ich fand zwei. Das weiße Ferguson mit einem Biomarkt, einer netten Weinbar und einer Mikrobrauerei. Und das schwarze Ferguson. Dort beherrschen 99-Cent-Shops, Nagelstudios und Alkoholläden das Bild. Ein Bild von Amerika, das viele nicht sehen wollen.

Ich wohne in Park Slope, einer Art Prenzlauer Berg von New York, und wenn man mit dem F Train von Manhattan in diesen Teil Brooklyns fährt, kann man sich Amerika immer noch als Meltingpot vorstellen, wo alles zufrieden nebeneinanderlebt. In der U-Bahn sitzt man neben Indern, orthodoxen Juden und Schwarzen, nirgendwo sieht man Graffiti an den Waggonwänden, nirgendwo ist eine Fensterscheibe zerkratzt, alle scheinen zu wissen, wie man sich benimmt.

Aus Park Slope kommt auch Bill de Blasio, der neue linke Bürgermeister New Yorks, mit seiner ehemals lesbischen schwarzen Ehefrau und ihren gemeinsamen zwei Kindern ein Inbild glücklicher Koexistenz. Hier lebt auch der Schriftsteller Paul Auster, der viel über das Nachbarschafts-Idyll Brooklyn geschrieben hat. Das Herz schlägt hier links.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 7.5.2015.

Aber das idyllische Bild zeigt bei näherem Hinsehen Risse. In Park Slope steigen vor allem die Weißen aus. Auf den dortigen Spielplätzen kümmern sich die schwarzen Kindermädchen um die weißen Kinder. Bei Starbucks, in den Supermärkten oder im Drogeriemarkt Rite Aid: Überall bedienen Schwarze. Oft sind es junge Frauen, die sich in schnörkeliger Schrift die Namen ihrer Kinder auf die Arme haben tätowieren lassen. Rite Aid zahlt seinen Kassiererinnen pro Stunde 8,80 Dollar, Starbucks 9,50. Man muss von Park Slope mit der U-Bahn schon sehr weit ins Innere Brooklyns fahren, um sich von diesem Gehalt eine Wohnung leisten zu können.

Schwarze Angestellte, weiße Konsumenten, von dieser Regel existiert hier nur eine Ausnahme: Das ist die Park Slope Food Coop, eine Art Bio-Kibbuz, den die Anwohner seit Jahrzehnten selbst organisieren und in dem jedes Mitglied eine gewisse Anzahl an Stunden arbeiten muss. Hier bedient sich Park Slope selbst, hier sieht man nur wenige Schwarze.

Angesichts der Bilder aus Baltimore habe ich überlegt, wen ich in meinen neun Monaten Amerika beruflich kennengelernt habe. Ich habe Interviews mit Atomwaffengegnern in Kentucky geführt, mit Politikern in Washington, Truman-Capote-Experten in New York, Polizisten in Connecticut, Schauspielern in Utah, Historikern in Illinois, Computerexperten in Wisconsin sowie mit Journalisten, Anwälten und Feministinnen. Die Ferguson-Recherche einmal ausgenommen, ist mir nur ein einziger schwarzer Gesprächspartner untergekommen. Ein New Yorker Pflichtverteidiger, der aus der Karibik stammt.

Auch wenn die Schwarzen nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen, merkwürdig ist das schon. Wo sind sie?

Meist nicht hinter den Schreibtischen, sondern hinter den Theken.

Sicher, in jeder Gesellschaft existieren Reich und Arm. Die Amerikaner hat das stets weniger gestört als uns Deutsche, denn es gibt ja das Versprechen, dass es jeder nach oben schaffen könne. Wurde nicht am selben Tag, an dem in Baltimore die Autos brannten, Loretta Lynch vereidigt, die erste schwarze Frau, die es zur Justizministerin brachte? Unter dem ersten schwarzen Präsidenten?

Barack Obama und Freddie Gray sind die zwei Extreme. Zwei Ergebnisse ein und derselben Entwicklung. Über diese wird viel geschrieben, und Politiker wie New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio sind angetreten, sie zu beenden. Hillary Clinton und fast jeder Präsidentschaftskandidat sprechen jetzt darüber: über den Zerfall Amerikas in ein Oben und ein Unten, die allmähliche Auflösung der Mitte, das Scheitern des Aufstiegsversprechens.

Das ist eine Entwicklung, die alle Amerikaner spüren, die Weißen wie die Schwarzen; die Schwarzen trifft sie jedoch erheblich härter. Sie sind die Ersten, denen das Abrutschen droht. Studie um Studie belegt das, kürzlich erst wieder eine der Federal Reserve Bank in Chicago: Nur wessen Eltern gesellschaftlich zu den oberen Schichten gehören, kann selber aufsteigen oder sich oben halten. So wie Barack Obama, dessen Eltern Akademiker waren, Loretta Lynch, deren Vater Pastor und deren Mutter Bibliothekarin ist, oder Stephanie Rawlings-Blake, die schwarze Bürgermeisterin von Baltimore, deren Mutter Ärztin ist und die im Übrigen aus einer prominenten Politikerfamilie stammt.

Den großen, den Amerikanischen Traum, dass es jeder schaffen kann, den träumen immer weniger Schwarze.

Die Weißen geben den Takt vor

David Brooks, Kolumnist der New York Times, schrieb nach den Plünderungen in Baltimore, das Problem der schwarzen Unterschicht sei nicht, dass sie nicht genügend gefördert würde. Es sei viel Geld in die armen Viertel von Baltimore gesteckt worden. Das Problem sei vielmehr, dass der schwarzen Unterschicht die Ambition abhandengekommen sei.

Als ich das las, musste ich an unsere erste Babysitterin denken. Auch sie war schwarz, eine junge Frau aus Berlin, geboren in Eritrea. Sie war nach New York gekommen, um als Kindermädchen zu arbeiten, und lebt mit ihrem karibischen Freund tief im schwarzen Brooklyn. Über eines konnte sie sich stundenlang aufregen: dass es keinen einzigen guten Supermarkt in ihrer Nähe gab. Kein frisches Gemüse, kein Obst, nichts außer Fast Food.

Und alles war unglaublich teuer. Denn es wird in kleinen Mengen und in kleinen Läden oder Drogerien wie Rite Aid oder CVS verkauft. Wer dort seine Milch, Pizza oder sein Klopapier kauft, zahlt mehr als in jedem normalen Supermarkt. Arm sein ist teuer.

Um ihre Familie gesund und kostengünstig zu ernähren, fuhr unsere Babysitterin lange Strecken mit der U-Bahn. Man konnte ihr wahrlich nicht nachsagen, keine Ambitionen zu haben. Aber nach ihnen zu leben, das kostete sie einfach mehr.

Die Armen kaufen nicht nur teurer ein. In der Straße, in der Freddie Gray festgenommen wurde, befindet sich eine Filiale von ACE Cash Express: Hier lösen viele aus der Gegend ihre Lohnschecks gegen Gebühr ein, denn Banken, die dies kostenlos erledigen, fordern dafür ein Konto mit Mindesteinlage. Das können sich hier die wenigsten leisten. Und so zahlen die Armen für Dienstleistungen, die für die Mittelschicht selbstverständlich umsonst sind. ACE Cash Express wurde von der Verbraucherzentrale erst kürzlich für unlautere Praktiken gerügt. Dass die Demonstranten während der Ausschreitungen am vergangenen Montag just in diese Filiale einbrachen, kann auch als Protest gegen ein System verstanden werden, das es den Armen nicht gerade leicht macht, ambitioniert zu sein.

Unsere ehemalige Babysitterin hat jetzt ihr erstes Baby bekommen. Momentan sorgt sie sich um gesundes Essen, bald wird es eine gute Schule sein. Kürzlich wurden in New York die Kindergartenzuteilungen verschickt; der Kindergarten ist in den USA bereits Vorschule, Teil der Grundschule. Für diejenigen, die ihre Kinder auf eine öffentliche Schule schicken, fängt spätestens hier der Kampf an. Und viele denken: Ist man erst einmal nach Park Slope gezogen, dann hat man den Kampf schon gewonnen, denn dann ist man in einem guten, weißen Schuldistrikt.

Doch die guten Schulen sind zu voll, viele Eltern bekommen keinen Platz, ihre Kinder werden auf schlechtere Schulen tiefer im Inneren Brooklyns verteilt. Damit die weißen Eltern nun nicht auf Privatschulen ausweichen, gibt es in New York – und in ganz Amerika – ein Programm, das sich Gifted and Talented nennt. Ein Begabtenprogramm, das einen aufwendigen Eingangstest voraussetzt. Wenn das Kind ihn besteht, kommt es in eine speziell geförderte Klasse in der nicht so guten öffentlichen Schule. Offiziell sind diese Klassen dazu da, allen begabten Kindern die Chance zu geben, ungestört von dem Chaos einer Problemschule zu lernen. Und natürlich kann jeder an dem Test teilnehmen. Es gibt Bücher, mit denen Eltern ihre Kinder darauf vorbereiten. Es gibt auch spezielle Kurse.

Doch das kostet alles Geld und Zeit. Vor allem die weiße Mittelschicht, die sich die steigenden Immobilienpreise in den guten Schulbezirken nicht mehr leisten kann, investiert das, was sie hat, in diese Paukerei. Mit dem Resultat, dass die Begabtenklassen überdurchschnittlich weiß sind.

Das ist nicht nur ein New Yorker Problem. Marilyn J. Mosby, jene schwarze Staatsanwältin aus Baltimore, die so überraschend zügig die am Tod Freddie Grays beteiligten sechs Polizisten angeklagt hat, hatte als Kind einen Schulweg von einer Stunde. Es war eben die nächste gute Schule. Dort war die Polizistentochter das einzige schwarze Kind.

In der vergangenen Woche feierten die Medien eine schwarze Mutter aus Baltimore. Während sie einem Fernsehsender ein Interview gab, entdeckte sie, dass sich ihr Sohn unter den Randalierern befunden hatte. Vor laufender Kamera schnappte sie sich den Jungen und schlug mit ausgestreckter Hand wild auf ihn ein. Die Medien machten diese Mutter daraufhin zur Heldin.

Man konnte den Eindruck gewinnen, es sei der neue Konsens, dass dies der einzig angemessene Umgang mit schwarzen Kindern sei.

Wie sehr die Lebenswelten auseinandergedriftet sind, zeigte kürzlich eine weitere Kolumne von David Brooks. In den Wochen vor Baltimore räsonierte er darüber, dass man die Liebe, die man seinen Kindern zeigt, nicht von schulischen Leistungen abhängig machen solle. Kinder sollten wissen, dass sie um ihrer selbst und nicht um der Leistung willen geliebt würden. Barack Obama formulierte diesen Gedanken am vergangenen Montag in einer Schule in der New Yorker Bronx so: Was ihn von den schwarzen Kindern der Unterklasse unterschieden habe, sei, dass er in einem Umfeld aufgewachsen sei, das einfach ein bisschen nachsichtiger war.

Das Ergebnis dieser unterschiedlichen Behandlung lässt sich überall besichtigen. Hinter der Theke des Salatladens zum Beispiel, in dem ich manchmal zu Mittag esse.

Wie immer standen dort auch an jenem Tag, als Obama in der Bronx sprach, zehn schwarze Servicekräfte in schwarzen Just-Salad-T-Shirts. Allerdings stand dieses Mal zwischen ihnen auch eine weiße Frau im Ringelshirt. Ich war überrascht, bis ich hörte, was sie den Jungs beim Salatschneiden zurief: "Schneiden, schneiden, schneiden, unser Ziel sind 45 Sekunden pro Kunde!" Sie klatschte eine Art Takt mit den Händen, als kommandierte sie eine Galeere.