Indiens und Chinas Premiers Narendra Modi (l.) und Li Keqiang in Peking © Greg Baker/AFP/Getty Images

Demokratie vs. Diktatur

China ist ein Einparteienstaat. Allerdings heißt das nicht, dass sich die Kommunistische Partei über die Stimmung im Volk keine Gedanken machen müsste. Sie lebt in permanenter Furcht vor Aufständen, vor dem großen Umsturz. Jährlich erschüttern Hunderttausende Proteste das Land. Um ihre Macht zu sichern, hat die Partei ein ausgeklügeltes System sozialer Kontrolle entwickelt. Dazu gehört ein gewaltiger Sicherheitsapparat, der jährlich mehr Geld verschlingt als der Verteidigungsetat. Zugleich will die Partei genauestens wissen, was die Leute antreibt oder ärgert, was sie erwarten. Manche Bedürfnisse versucht sie zu unterdrücken, andere umzuleiten, einige zu erfüllen. Die Regierung weiß: Will sie ihre Macht erhalten, muss sie liefern. Da passiert es dann schon mal, dass einer, der sich in einem Sozialen Netzwerk darüber beschwert, dass es in seinem Wohnviertel noch immer keine Festnetzleitungen gibt, am folgenden Tag einen Anruf erhält: Die Lokalregierung freue sich anzukündigen, dass in der nächsten Woche die Kabel gelegt würden.

Indien dagegen nennt sich stolz die größte Demokratie der Welt. Es wird nicht nur regelmäßig fair gewählt, was bei der Riesenbevölkerung eine ziemliche Leistung ist. Es gibt sogar echte politische Alternativen und wirkliche Machtwechsel; die Regierenden haben Grund, das Urteil des Volkes zu fürchten. Die öffentliche Debatte ist lebhaft und laut. Als Premierminister Modi im vorigen Jahr ins Amt kam, machten sich Kritiker Sorgen um eine drohende Gleichschaltung der Presse. Nichts dergleichen ist passiert. Allerdings: Dies ist eine "Herrschaft der Mehrheit", von der die Mehrheit oft nicht viel hat. Indien ist nur politisch eine Demokratie, sozial ist sie es nicht im Entferntesten. Die Ungleichheit zwischen Reichen und Armen, Männern und Frauen, Gebildeten und Analphabeten ist extrem. Die Demokratie kann für die Elite sogar zur Ausrede werden, damit sie sich um die Probleme der kleinen Leute nicht weiter kümmern muss. Denn Indiens Politiker leben in der Gewissheit, dass sie von ihren Untertanen frei gewählt wurden. Diese Sicherheit haben die Herrscher in China nicht.

Chaos vs. Disziplin

Die chinesische Regierung liebt die Ordnung. In allen Städten hängen Propagandabanner, die die Bürger zu zivilisiertem Benehmen auffordern. Ständig ermahnt die Obrigkeit das Volk, sich im Ausland doch nicht ganz so leger zu geben. Bitte nicht drängeln, nicht die Füße auf Restauranttische legen oder die Hülsen von Sonnenblumenkernen ausspucken. Der staatliche Wille zur Ordnung ist allgegenwärtig: Straßenarbeiter frischen mit Sprühdosen das staubig gewordene Straßengrün auf oder stutzen die Hecken öffentlicher Plätze, als seien sie mit dem Lineal gezogen. Seit Jahrtausenden versuchen die Herrscher in China, ihr Volk zu erziehen. Aber tief darunter bleibt ein Rest von Anarchie. Zwischen all den Regeln suchen sie sich ihre Aus- und Umwege. Kollektivismus mag verlangt werden, aber der Individualismus lässt sich nicht unterkriegen. "Fünf Japaner sind ein Drache, ein Japaner ist ein Wurm", sagen die Chinesen. "Fünf Chinesen sind ein Wurm, ein Chinese ist ein Drache."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

In Indien ist auf den ersten Blick alles chaotisch: der Verkehr, die Kundentraube vor dem Verkaufstresen, sogar die Religion mit ihren Abermillionen Gottheiten. Das Chaos hat als aggressiven, bösartigen kleinen Bruder den Dreck, der leider kein Mythos, sondern indische Realität ist. Er ist zugleich ein ernsthaftes Entwicklungshindernis und neben der schlechten medizinischen Versorgung mitverantwortlich für Krankheiten und Nöte unter den Armen. Was man nicht gleich sieht, ist die Ordnung, die der indischen Konfusion zugrunde liegt. Das Land hat, anders als China, nie eine Revolution durchgemacht. Seine Eroberer, die muslimischen Fremdherrscher des Mittelalters wie die britische Kolonialmacht der Neuzeit, haben die uralten Spielregeln der indischen Gesellschaft in Kraft gelassen. Das Kastensystem, in dem man den Beruf durch Geburt zugewiesen bekommt, wird durch den modernen Arbeitsmarkt geschwächt, aber es ist nicht verschwunden. Indien ist ein großes Durcheinander, doch es ist zugleich frappierend dauerhaft. China ist fragile Ordnung. Indien ist stabiles Chaos.

Gandhi vs. Mao

Das chinesische Volk sei wie ein weißes Blatt Papier, auf das sich die schönsten Zeichen malen lassen – so Mao Zedong, der Gründer der Volksrepublik. Der Schöpfer des kommunistischen Chinas war ein hemmungsloser Utopist. Ein Kämpfer, der nicht davor zurückschreckte, seine engsten Weggefährten ermorden zu lassen. Seine Experimente kosteten Millionen das Leben. Nach Maos Tod beschied die Partei: Er hatte zu 70 Prozent recht, zu 30 Prozent unrecht. Mit dieser mathematischen Formel sollten alle Diskussionen beendet werden. Aber über Mao gibt es keinen Konsens. Die kommunistische Linke glaubt, unter seiner Herrschaft sei die Gesellschaft viel gleicher und reiner gewesen. Die Rechte (die in China für Rechtsstaatlichkeit und freie Marktwirtschaft steht) lehnt ihn ab. Jenseits des Ideologiestreits ist Mao zur Ikone geworden: Künstler ironisieren ihn, Taxifahrer fühlen sich von seinem Amulett vor Unfällen geschützt, hitzige Patrioten demonstrieren mit seinem Bild dafür, dass China es seinen Nachbarländern mal richtig zeigen solle. Gerade weil es nie eine wirkliche Aufarbeitung von Maos historischer Rolle gab, kann sich jetzt jeder bei ihm bedienen.