Auch wenn das Gedächtnis trügt und sämtliche Erinnerungen täuschen, muss es doch, trotz alledem, sogar in den Lügen einen Rest von Wahrheit geben, der den Irrenden und sich im Leben Verirrenden Halt gewährt. Sonst wäre doch jeder in seiner Trauer und Einsamkeit ganz verloren. Keiner kennt sich, keiner versteht den anderen, alle bleiben einander fremd. Darum fühlen sich die Menschen so unglücklich. Doch sie wollen unbedingt aus ihrem Unglück herauskommen. Sie wollen sein, was sie nicht sind und nie werden können, nämlich glücklich. Von diesem unermüdlichen und immer wieder enttäuschten Bemühen handeln die Gedichte, die Romane und die jetzt in deutscher Übersetzung vorliegenden Erzählungen des in den USA längst beachteten und anerkannten Benjamin Alire Sáenz.

Dieser Enkel mexikanischer Einwanderer gehört zu den Gringos, weil er in deren Sprache schreibt. Er will aber deshalb nicht mit ihnen verwechselt werden. Denn in diesem Land, das allen Glück verheißt, erinnert er beharrlich an das tragische Lebensgefühl der Mexikaner, das auch seines geblieben ist. Die Amerikaner schauen sich Tragödien auf der Bühne an, wie er einmal bemerkte, der Mexikaner erlebt sie mitten im Alltag. Die Bestimmung des Menschen ist es, unglücklich zu bleiben. Insofern veranschaulichen in diesen Erzählungen die Leiden, Katastrophen und Illusionen der Mexikaner in den Glück verheißenden USA eindringlich den Heimatverlust des Menschen überhaupt, der nur ein Gast auf Erden ist, ein Ungebetener, ein Illegaler, stets verdächtig und immer im Exil.

Der Kentucky Club, wo alles beginnt und endet in diesen Erzählungen, ist mitten in einer bitteren Wirklichkeit, die keiner zu entwirren vermag, ein verheißungsvolles Jenseits im Diesseits. Dort erleben die problematischen Naturen dieser Erzählungen, die Zerrissenen und Unbehausten, für Augenblicke das Wunder liebevoller Übereinstimmung. Das wird ihnen freilich erst viel später klar. Dort fühlen sie sich endlich einmal wie zu Hause. Das ist, wie alles, eine Täuschung. Doch dieser Irrtum enthält so viele Versprechen auf Glück, haltlose Versprechen, wie sich herausstellt, dass er den davon Ergriffenen unvergesslich bleibt. Bars sind die Kirche für die Leute, die den Glauben verloren haben. Der Kentucky Club liegt in Juárez, getrennt durch den Rio Grande von El Paso in Texas. Juárez gilt allen als der Inbegriff des Lebens und der Lebensfreude, von der diese Stadt einmal erfüllt war, bevor sie durch den Drogenkrieg in Mexiko auch zur Stadt der Angst vor Entführung und Mord wurde, zum Gleichnis für die Welt in Ruinen. Fast alle sind verstrickt in den Drogenhandel, in den Kampf mit den Drogenmafiosi, oder sie sind selbst abhängig von Drogen. Der Tod lauert überall, und jeder Abschied kann ein Abschied für immer sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

In der sternenlosen Nacht, der noche oscura sin estrellas, die jeden umfängt, erscheint zuweilen ein vages Licht, das die davon Beschienenen kaum Liebe zu nennen wagen. Die Männer, die zueinanderfinden, bleiben sich ein Geheimnis, schüchtern, unbeholfen, zaghaft und bescheiden. Wo jeder Narben hat, weil er zu oft verletzt wurde, schwindet der Mut, den Geliebten zu bedrängen, denn das könnte ihn ja verwunden. Sie wahren alle eine schützende Distanz und lesen einander ihr Lieblingsbuch vor oder denken sich Geschichten aus, um sich dem nahen und doch so fernen Freund verständlich zu machen. Zuweilen fühlen sie sich fast glücklich, weil jeder dem anderen das Gefühl gibt, mit ihm zusammen lebendig zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit. Lebendig zu sein meint für sie, vorübergehend ein Zuhause gefunden zu haben, das sie längst verloren glaubten. Sie scheitern und verlieren auch dies Zuhause, weil sie etwas Unmögliches wollen: Sie wollen miteinander wenigstens für Augenblicke frei von Schmerzen sein. Doch Liebe ohne Leid ist wie ein Leben ohne Musik. Die Schmerzen sind die Musik im Leben. Die Liebe ist kein Spiel, sie tut schrecklich weh, sie ist ohne Schmerzen nicht zu haben. Es gibt keine andere Wahl für den, der sich auf die Liebe einlässt. Das versucht Tom in einer der Erzählungen seinem Freund Al zu erklären.

Was er ihm damit sagen wollte, versteht Al allerdings erst, als er glaubt, dass Tom in Juárez ermordet worden ist. Im Nachsinnen über den verlorenen Freund wird ihm bewusst, wie sehr er Tom geliebt hat. Sein schreckliches Glück ist es, nun zu wissen, wie sehr er ihn geliebt hat. Er erinnert sich daran, wie ihm Tom einmal einen Traum erzählte, in dem er, Tom, zum Kentucky Club gegangen sei, wo Al ihn lächelnd erwartet habe. Denn dort hat alles begonnen. Damals entgegnete er dem Freund: "Das war ein Traum." Und jetzt träumt er, Tom komme vorbei und sage beim Hereinkommen: "Siehst du, alles beginnt und endet im Kentucky Club." – "Ich sehe ihn an; nein, nicht alles, nur deine Träume." Aber im verträumten Erinnern und im Spiel mit der Erinnerung entdeckt er den Rest der Wahrheit, die Erinnerung an eine Liebe, die erst in der Erinnerung zum unverlierbaren, schmerzvollen Besitz wird.

Das Leben ist ein dunkler Traum, und die Träume in ihm bleiben Träume, die dennoch der größte Schatz und einzige Gewinn sind. "We are what we remember. Someone told me that. I don’t remember who", wie Benjamin Alire Sáenz anderswo das, was bleibt, formelhaft benennt.