Wohl noch keiner Biennale ist es so schön gelungen, die Lebenslügen der Gegenwart, ihre unerträgliche Heuchelei, anschaulich ins Bild zu setzen wie dieser. Sogar die Chopi Chopi, eine der berühmtesten Superjachten der Welt, hatte vorige Woche in Sichtweite der Kunstpavillons festgemacht, 80 Meter lang und 80 Millionen Euro teuer, erworben von dem libanesischen Multimilliardär Nadschib Mikati, einem guten Freund von Baschar al-Assad, dem syrischen Präsidenten. Wie auf all den anderen Superjachten, die in Venedig vorbeischauten, sah man auch hier, wie die Passagiere des Morgens die Gangway herabkamen, um lockeren Schritts, in Gucci oder Prada gewandet, zur Biennale zu gelangen, vorbei an all den Flüchtlingen, die entlang des Weges mit Sonnenbrillen und gefälschten Gucci- oder Prada-Handtaschen ein kleines Geschäft zu machen hoffen. Selbstverständlich ließ man sich in Ruhe. Schließlich gehört es zu jedem Chopi-Chopi-Dasein dazu, die reale Not wohlwollend übersehen zu können oder sie sogar zu genießen.

So jedenfalls war es, als die Biennale in Venedig, diese immer noch größte aller Kunstschauen, eröffnet wurde und die angereiste Hautevolee sich kaum mehr einkriegte vor Begeisterung. This is so amazing, schallte es durch die überlaufenen Ausstellungshallen. Marvellous! Incredible! Das versammelte Elend, das den Besuchern hier entgegentritt, eine Kunst voller Gewalt, Krieg und Tod, schien einigen Eindruck zu machen. Und dass diese Biennale ihre eigene Vergeblichkeit, ja ihr Ableben inszeniert, sorgte für zusätzlichen Kitzel.

Erst im vorigen Jahr hatte der Architekt Rem Koolhaas an derselben Stelle seine Diagnose der Gegenwart präsentiert und war zu dem Schluss gelangt, die Architektur sei am Ende, erdrosselt von Sicherheitszwängen und technischem Normierungswahn. Nun kommt der Kurator Okwui Enwezor, der hauptamtlich das Haus der Kunst in München leitet und vor 13 Jahren schon die Documenta ausrichten durfte, zu einem ganz ähnlichen Befund: Im Grunde ist seine Biennale ein Begräbnis erster Klasse. Die Kunst trägt Trauer, und sie beweint mehr noch als Terror und Armut die eigene Hilflosigkeit.

Natürlich würde Enwezor das so nicht formulieren, nichts liegt ihm ferner als Selbstmitleid. Doch ist er sehr wohl ein Meister des Sarkasmus. Seine Biennale verheißt im Titel mit utopischem Überschwang die Zukünfte der Welt. Doch schon die Fassade des Hauptpavillons ist düster gewandet, riesige schwarze Leinwände, arrangiert vom Künstler Oscar Murillo, hängen schlaff daran herab, so als seien alle Bilder längst gemalt, als gebe es nichts mehr zu zeigen. Um der Abschiedsgeste noch mehr Pathos zu verleihen, wird auch gleich der Schriftzug über dem Portal ausgeblendet: Wo sonst Biennale steht, leuchtet nun in Neonlettern "Blues Blood Bruise", gestaltet von Glenn Ligon.

Für den, der es dann immer noch nicht verstanden hat, hält Enwezor gleich im ersten Saal lauter kleine Bilder von Fabio Mauri parat, auf allen ist die Zeit abgelaufen, auf allen steht The End. Dazu schallt aus dem nächsten Raum ein Video von Christian Boltanski herüber, das verzweifelte Würgen, Röcheln, Prusten eines Mannes, der einsam auf seinem Dachboden sitzt und in einem fort das eigene Blut erbricht. Willkommen auf der Biennale, willkommen im Reich der Verzweiflung!

Wie sehr Enwezor zweifelt, an der Menschheit, vor allem aber an der Kunst, das macht er in seinen Katalogtexten überdeutlich. Dort blickt er zurück auf die 120-jährige Geschichte der Biennale und erinnert daran, wie eilfertig diese oft mit den Mächtigen paktierte, vor allem mit den Faschisten. Ist es heute nicht wieder so?, fragt Enwezor. Das Kunstsystem habe sich in "stillschweigendem Einverständnis" mit den Interessen des Kapitals arrangiert und seine Autonomie ebenso eingebüßt wie jede Art von transformierender Kraft. Enwezor spricht von "vollständiger Machtlosigkeit". Und so lässt sich seine Biennale wohl vor allem als eine Gegenreaktion begreifen, als ein Versuch der Austreibung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Nein, er zieht nicht los und versenkt die Chopi Chopis draußen am Kai. Er bleibt galant und brüllt seine Wut nicht den Mächtigen ins Gesicht, gleich, ob sie aus Syrien, dem Libanon oder aus Frankfurt am Main angereist sind. Die Kunst hingegen bekommt seine Verachtung zu spüren. Selten sah man eine derart zugestopfte, lieblose, vor kunstgewerblichen Banalitäten überquellende Ausstellung. Selbst die weiten Hallen der alten Werftanlage, die Arsenale, hat Enwezor restlos zugekramt, mit eilig zusammengeschweißten Großskulpturen und unzähligen Video-Kammern. Kein Werk darf für sich stehen, niemand soll zur Ruhe kommen. Keiner soll glauben, die Biennale sei dafür da, ästhetische Erfahrungen zu sammeln, gar welthaltige Erkenntnisse zu erlangen. Selbst Alexander Kluge muss es hinnehmen, dass auf engstem Raum gleich drei seiner Filmessays gegeneinander antreten, alles ist zu hören und nichts zu verstehen. Aus kritischem Anspruch wird flimmernde Tapete.

Enwezor ist diese Kakophonie nicht einfach unterlaufen. Er ist seit Jahrzehnten im Geschäft, er weiß, wie Kunst gezeigt werden will, würdevoll und klug. Doch interessiert ihn offenbar etwas anderes: die Eutrophierung der Biennale, eine unerträgliche Vermassung, so als sollte sich das System selbst ad absurdum führen. Großzügig wird Enwezor nur dort, wo nicht das Bild, sondern das Wort, nicht Ästhetik, sondern Theorie ihren Auftritt hat. Im Zentrum seiner Biennale hat er ein mächtiges Auditorium einrichten lassen. Gelegentlich gibt es musikalische Einlagen, vor allem aber wird hier gelesen, das Kapital von Karl Marx, alle Bände von der ersten bis zur letzten Seite. Ein Oratorium sei das, sagt Enwezor, und vergleicht die Lesung mit hinduistischen Ritualen.