Von den vielen Enthüllungen der Ära Snowden ist keine so deprimierend wie die vom vergangenen Wochenende. Sie kommt, so bestätigen es Abgeordnete, direkt aus dem zur Geheimhaltung verpflichteten Untersuchungsausschuss des Bundestages. Seitenweise war da nachzulesen, wie die Bundesregierung im Wahlkampf 2013 bei der Obama-Administration in immer verzweifelteren E-Mails um ein No-Spy-Abkommen bettelte – und dabei immer härter abgewiesen wurde. Weil der damalige Kanzleramtschef den Erfolg der Verhandlungen aber schon verkündet hatte, ist für weite Teile der Öffentlichkeit der Befund klar: Man hat uns belogen. Nur ist das nicht der Punkt.

In Wahrheit ist etwas viel Traurigeres passiert. Die Bundesregierung hat einfach nicht glauben können, dass ihr wichtigster Verbündeter sie in einer derart heiklen Situation – gerade war das Ausspähen von Merkels Handy bekannt geworden – so hängen lässt. Macht von uns aus weiter, was ihr wollt, steht da zwischen den Zeilen, aber gebt uns öffentlich irgendein Zeichen, gern mit dem kleinen Finger, mit dem wir im Wahlkampf arbeiten können. Wir sind doch Freunde! Es kam aber – nichts, gar nichts. Der völlige Verzicht auf diplomatische Gepflogenheiten, diese unverblümte politische Rücksichtslosigkeit hat selbst den gewieftesten außenpolitischen Profi des Kanzleramts kalt erwischt. Die Bundesregierung hat nicht das Volk belogen, sondern zuallererst sich selbst.

Warum reden, wenn man sich auch belauschen kann?

Das ist kein Wunder. Generationen von Deutschen erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es Amerikaner waren, die internationale Organisationen bauten. Die Vereinten Nationen, der Marshall Fund, Camp David – das waren die Zauberworte einer Außenpolitik, die Eigeninteressen mit Idealismus verband. Die CIA förderte in Westdeutschland während des Kalten Krieges liberale Intellektuelle, atonale Musik und abstrakte Kunst, um den Propagandisten des Kommunismus entgegenzutreten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Von dieser Art selbstbewusster Fantasie und Großzügigkeit ist in der gegenwärtigen amerikanischen Außenpolitik nicht mehr viel zu spüren. Isoliert, verletzt, verfolgt – das ist das politische Lebensgefühl seit 9/11, und das nicht ohne Grund. Amerika hat weiß Gott Feinde, viele Feindschaften sind hausgemacht. Europa hat den amerikanischen Verbündeten oft bitter enttäuscht: Die Hamburger Terrorzelle blieb unentdeckt. Europäische Firmen machten Geschäfte mit dem Iran. Europäische Politiker luden die Schuld am Terror oft allein bei George Bush ab.

Das panische Aufhäufen von immer neuen Datengebirgen, die einen nicht klüger, sondern immer paranoider machen, passt zur Stimmung. Warum reden, wenn man auch belauschen kann? Immer mehr Abhörtechnik, immer neue Feinde, immer weniger Diplomatie. Die Vereinten Nationen gelten in Washington heute nur noch als ein überbezahlter Trupp von Bürokraten und Umfallern. Präsidentschaftskandidaten der Republikaner sind stolz darauf, nicht sagen zu können, wo Warschau liegt. Früher schickte man Spitzendiplomaten vom Schlage eines Richard Holbrooke nach Deutschland, seit geraumer Zeit werden vor allem Parteispender mit dem Botschafterposten bedacht.

Selbstverständlich schweißt uns die Bedrohungslage nach dem 11. September 2001 weiterhin zusammen. Beim russischen Einmarsch auf der Krim haben beide Seiten noch einmal gemerkt, dass man sich braucht.

Die sogenannte BND-Affäre bringt nun all die Widersprüche brutal ans Tageslicht. Wer dieser Tage mit Mitarbeitern der Dienste spricht, dem schlägt eine ohnmächtige Wut entgegen, gerade auf die Transatlantiker der Union, von Merkel bis Kauder, die sie lautstark im Stich gelassen haben. Das ängstliche Beschweigen passt nicht zu der größeren Verantwortung, die man angeblich in der Welt tragen möchte. Die Opposition wiederum muss klar sagen, ob sie funktionierende Geheimdienste will oder sie für überflüssig hält. Wer sie von den USA unabhängig machen will, muss sie besser ausstatten. Und wer eine echte parlamentarische Kontrolle will, darf nicht ständig geheime Unterlagen an die Presse durchstechen.

Und den Amerikanern kann man nur wünschen, dass sie sich recht bald wieder daran erinnern, was sie so stark gemacht hat: Großmut, Neugier, Weltbürgertum, Brüderlichkeit. Mehr Luftbrücke, weniger Drohnenflüge.

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