Hauke Sann sitzt am Biertisch der Filmhauskneipe, vor ihm ein Galão. Er berät mittelständische Unternehmen in Sachen "Marken-Identität". Man könnte sagen: Er ist in der Werbebranche tätig. Sann sagt: "Normalverdiener müssen aus Ottensen wegziehen. Studenten können sich das schon gar nicht leisten."

Dennis Barth trägt ein hellblaues Hemd ohne Krawatte. Vom Besprechungsraum der Immobilienfirma Procom Invest, dessen Geschäftsführer er ist, kann er das Rathaus sehen. Ein Gemälde von Udo Lindenberg hängt an der Wand. "Bunte Republik Deutschland" steht darauf. Ottensen war mal so eine bunte Republik, als in den Siebzigern die alternative Szene den Stadtteil und seine unsanierten Altbauten entdeckte. Heute ist das längst Geschichte. Barth erzählt von seiner Tochter, die bis vor Kurzem in der Friedensallee gewohnt habe. Sie habe einmal auf dem Weg durch Ottensen vom Altonaer Bahnhof bis zu ihrer Wohnung alle Friseure gezählt, an denen sie vorbeikam. Es waren 26.

"Wer braucht denn so viele Friseure?", fragt Barth.

Zwei Männer, beide 1966 geboren, beide mit einem freundlichen dad bod, wie das Bierbäuchlein neuerdings heißt. Beiden liegt Ottensen am Herzen. Jedem auf seine Weise.

Der eine, Dennis Barth, will in Ottensen einen Bürokomplex bauen. 65 Millionen Euro Investitionssumme. Sieben Geschosse, 13.500 Quadratmeter, mit hellem Klinker verblendet. Zeise 2 heißt das Projekt, es entsteht auf dem ehemaligen Parkplatz der Zeisehallen an der Friedensallee, die die Procom Invest seit mehr als 20 Jahren betreibt. Der Werbegigant WPP möchte hier seine Deutschlandzentrale ansiedeln. Die 850 Mitarbeiter kommen überwiegend von der WPP-Tochter Scholz & Friends, die aus der HafenCity nach Ottensen ziehen will.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der andere, Hauke Sann – nennen wir ihn "der Aktivist" –, findet das Vorhaben eine "Sauerei". Es sei überdimensioniert und werde "den Stadtteil umkrempeln", sagt er. Er will es verhindern. Er hat mit seinen Mitstreitern demonstriert, plakatiert, Veranstaltungen organisiert, eine Website gestaltet. Und ein Bürgerbegehren gestartet, das gerade die erste große Hürde genommen hat. Das Quorum ist erreicht, über 9000 Menschen haben unterschrieben. Die Einwohner des Bezirks Altona können jetzt in einem Bürgerentscheid darüber abstimmen, ob auf dem ehemaligen Zeise-Parkplatz Wohnungen oder Büros gebaut werden sollen. "Pro Wohnen" heißt die Initiative.

Sann hängt sich mächtig rein. "Fast tausend neue Leute in einem Stadtteil mit 30.000 Menschen, das ist viel zu viel", sagt er. Würden Wohnungen gebaut, wären es deutlich weniger.

Dennis Barth – nennen wir ihn "den Investor" – findet, die Haltung der Gegner funktioniere nach dem Motto: "Ich durfte noch nach Ottensen – aber die dürfen nicht mehr!" Er findet, dass die 850 Werber perfekt ins Viertel passten.

Der Aktivist und der Investor: Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen. Die Immobilienfirma und die Bürobaugegner haben im vergangenen August zum letzten Mal miteinander gesprochen. Seither herrscht Funkstille. Im Juni muss Sann raus aus seinem Büro, es liegt in den Zeisehallen. Procom hat den Vertrag nicht verlängert. "Damit war zu rechnen", sagt er. Barth sagt: "Das wurde irgendwann zu viel." Das Verhältnis ist zerrüttet.

Ein Besuch auf dem Grundstück. Schon lange klafft hier eine riesige Baugrube. Ein Skandal, findet Sann, es hätte längst einen Baustopp geben müssen. Er blickt in die Tiefe, wo sich zwei Bagger durch die Erde wühlen. Laut Bezirksverwaltungsgesetz ist eine "dem Bürgerbegehren entgegenstehende Entscheidung" und der "Vollzug" derselben nicht zulässig. Dennoch hat die Procom – pikanterweise genau einen Tag nachdem die Gegner ihr Bürgerbegehren eingereicht haben – eine Genehmigung für die Baugrube bekommen. Das Bezirksamt argumentiert, eine Baugrube schaffe noch keine Fakten, die das Bürgerbegehren betreffen. "Es wurde bis dato keine Baugenehmigung für den gewerblichen Hochbau erteilt", sagt der Pressesprecher.

Die Bagger graben, die Laster fahren die Erde aus der Grube weg. Für die Anwohner erwecke das den Eindruck, als sei nichts mehr zu machen, sagt Sann. "Psychologisch gesehen, wird gebaut", sagt er. "Sobald wir das Geld zusammenhaben, werden wir dagegen klagen."

Ein Vorarbeiter kommt und verjagt die ungebetenen Besucher in breitem Bayerisch: "Was machen’s auf der Baustelle?", schimpft der Mann. "Beim nächsten Mal zeig i Sie an!"

Hauke Sann ist weder ein typischer Wutbürger noch ein alteingesessener Linksaktivist. Er ist vor 20 Jahren hierhergezogen – Sozialforscher würden ihn wohl als "Gentrifizierungspionier" klassifizieren. Damals ein junger Kreativer, der das alternative Flair des Viertels schätzte. Heute einer, der dagegen kämpft, dass das Viertel von der Kreativbranche eingenommen wird. Jahrelang habe er sich den Ausverkauf von Ottensen angeschaut: immer mehr Ketten, immer höhere Mieten, immer weniger türkischstämmige Familien und sozial Schwache. "Bei diesem Projekt ist mir dann der Kragen geplatzt. Das war so ein Gefühl von: Jetzt reicht’s!" Wie ihm geht es offensichtlich einigen im Stadtteil. Während der Widerstand in anderen, bürgerlicheren Vierteln der Stadt höchstens ein paar Dutzend Unentwegte mobilisiert, brachte Pro Wohnen im vergangenen Herbst mehr als tausend Menschen auf die Straße.