Die FDP-Nationalrätin Christa Markwalder (Archivbild von 2011) © Ruben Sprich/Reuters

Wer’s glaubt, wird selig! Eine gestandene Nationalrätin, seit bald zwölf Jahren sitzt sie unter der Bundeshauskuppel, will nicht gewusst haben, dass eine Spindoktorin, der sie ihr Ohr lieh, sich ihrerseits mit ihrem Auftraggeber abspricht. Sie will der Öffentlichkeit also glaubhaft machen, sie habe nie gedacht, dass die vorgefertigte Interpellation "Weiterentwicklung der Beziehungen zu Kasachstan", die sie im Juni 2013 einreichte, in der zentralasiatischen Diktatur gegengecheckt wird.

Doch FDP-Politikerin Christa Markwalder, um die es hier geht, mimt den Naivling nicht allein. Das "Gschtürm" um ihren Fall zeigt die Schweizer Politik als Laientheater.

Zuallervorderst auf der Bühne: die Journalisten. Sie schrien – zurecht! – laut auf, als die Neue Zürcher Zeitung die Markwalder-Story publik machte. Eine PR-Agentur, Burson Marsteller, die für ein undemokratisches Regime lobbyiert – allein das ist ein guter Grund für eine mediale Breitseite. Und eine Nationalrätin, eine Außenpolitikerin, immerfort um ihr Image bemüht, die sich nun vor den unappetitlichen PR-Karren spannen lässt – da soll, ja muss man draufhalten.

Nun tun viele allerdings so, als sei Lobbying ein Teufelszeug – anrüchig, anstößig, unmoralisch. Mit Verlaub: Wer das behauptet, und sei es nur im Subtext, hat die politische Schweiz nicht verstanden. Oder er bedient den naiven Glauben seines Publikums, das die Eidgenossenschaft als Hort einer unbefleckten Demokratie verklärt.

Wie irrig dieser Glaube ans politisch Reine ist und wie bigott Journalisten sind, die mit ihm spielen, zeigt die Revision des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen, über die wir Mitte Juni abstimmen. Das Gesetz soll das Rundfunkgebühren-Inkasso neu regeln. An vorderster Front kämpft dagegen: eine Partner Relation Managerin der Goldbach Media, besser bekannt als Natalie Rickli.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ihr Arbeitgeber verkauft Werbeminuten für private Radio- und Fernsehstationen – darunter viele ausländische. Sie ist also eine direkte Konkurrentin der öffentlich-rechtlichen SRG. Mit der SVP-Nationalrätin, als Lieferantin von knackigen Zitaten geschätzt und gepflegt auf allen Redaktionen des Landes, hat sich Goldbach Media seine Lobbyistin gleich ins Parlament gepflanzt.

Aber auch Markwalders Gegner spielen munter mit in diesem politischen Schwank. Die Linke poltert, will die Kasachstan-Lobbyistin von Burson Marsteller hochkant aus dem Bundeshaus schmeißen – und krebst dann zurück. Vermutlich, weil sie realisierte, dass derlei Dinge auch unter ihresgleichen gang und gäbe sind. Umweltorganisationen, Gewerkschaften, Entwicklungs-NGOs, sie alle weibeln in der Wandelhalle für ihre Sache. Sie alle massieren ihre Parlamentarier. Oder sitzen gleich selbst im Ratsaal.

Ihr größter Coup der vergangenen Sondersession: In einer Allianz mit den Bauern kippten die Ökos die Cassis-de-Dijon-Regelung. Seit fünf Jahren können Produkte, die in einem EU-Land produziert oder zugelassen sind, auch in der Schweiz verkauft werden. Damit soll nun plötzlich Schluss sein. Nicht, weil sich ein Schweizer an einem europäischen Lebensmittel vergiftet hätte. Nein, weil sich die Agrarlobby die unerwünschte Konkurrenz vom Hals schaffen will. Die Zeche aber, konkret: die höheren Preise, bezahlen die Konsumenten.

Was tun? Soll man Lobbyisten registrieren, ihnen die Bundeshaus-Badges entziehen – oder sie zur totalen Transparenz gegenüber "ihren" Politikern verpflichten?

Nützen wird weder das eine noch das andere. (Und wer den Fall Markwalder zum Anlass nimmt, um über das Milizsystem zu fluchen, der soll erst mal in Berlin, Brüssel oder Washington die Lobbyistendichte messen.)

Nein, problematisch ist nicht die Einflussnahme als solche, sondern die Art und Weise, wie sie geschieht – und vor allem: mit welchen Zielen. Problematisch ist nicht, wenn Textilindustrielle interessierten Ständerätinnen ihre Probleme mit dem starken Franken klagen (siehe "Nord-Süd-Achse").

Problematisch wird’s, wenn all die 1.400 Strippenzieher, die durchs Bundeshaus wandeln, nur für die ganz spezifischen Bedürfnisse ihrer Kunden werben – und das größere Ganze ausblenden. Oder wenn Andreas Hugi, einer der mächtigsten Einflüsterer des Landes, twittert: "Politik ist immer die Summe von #Partikularinteressen. Es gibt nicht das Gute, Schöne, Wahre."

Wer also die Auswüchse des Lobbyismus zügeln will, der muss zuallererst allen Beteiligten wieder mal ins Gewissen rufen: Politik dient nicht allein dem Ego-Polieren! Sie ist nicht die Kunst der Excel-Tabelle!

Sondern sie ist immer auch ein Dienst an der Allgemeinheit.