Skandinavien steckt seit Jahrzehnten viel Geld in die musikalische Bildung, was inzwischen nicht mehr zu überhören ist. Es kommen immer neue Virtuosen aus dem Norden. Wollte man daran etwas aussetzen, böte sich allenfalls der Umgang großer deutscher Jazzlabels damit an. Skandinavien steht ihnen unisono für Weite und Innerlichkeit, ein Klischee, das so flach und schwer ist wie ein Ikea-Paket.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Wie schön, wenn dann jemand die Dutzendware hinter sich lässt, indem er den Norden in den Orient hinein verlängert, eine Region der Welt, die wir nicht ihres Gemeinsinns wegen bewundern, sondern ob ihrer Entstaatlichung fürchten. Slow Eastbound Train heißt die Suite des Norwegers Daniel Herskedal, was sich übersetzen ließe als "Langsamer Zug in Richtung Osten". Definitiv ist das kein Vogelzug, obschon der 33-Jährige ein schräger Vogel sein muss, denn er spielt seit seiner Jugend Tuba.

Und wie! Mit Herz statt nur mit Witz, zugleich leicht, was das Schwerste sein könnte bei diesem Instrument, das aus der Mode gekommen ist, seit der Jazz von New Orleans nach Chicago zog und die Bässe gezupft statt gepompft werden.

Herskedal spielt mit Eyolf Dale am Piano und dem Perkussionisten Helge Andreas Norbakken. Es ist wichtig, ihre Namen zu nennen, denn er hat sich die beiden Musiker für dieses Album ausgesucht, nicht unbedingt ihre Instrumente; die haben sie mitgebracht. Hinzu tritt ein 15-köpfiges Kammerorchester, die Trondheim Soloists. Bestimmt ist es die erste Platte weltweit in dieser Besetzung.

Das schrullig Entlegene verflüchtigt sich bereits in den ersten Takten. Das Eröffnungsstück, The Mistral Noir, bemüht in seinem Titel zwar auch eine Naturmetapher, bläst allen Widerstand aber gleich weg. Schmatzend, atmend erhebt sich die verführerische Melodie aus der Tuba, wird elektronisch wiederholt, und Herskedal greift zur Basstrompete, seinem zweiten Instrument, das er sich eigentlich nur mal zugelegt hatte, um auf Reisen im Hotelzimmer besser üben zu können. Die Basstrompete säuselt und singt, saugt den Hörer ein, die Reise kann beginnen.

Alsbald kommen die Streicher hinzu, pizzicato. Der Komponist Herskedal hat einen Sinn für Rhythmen, und sein Pianist legt pfeffrige Soli hinein. In den Klavierlinien klingt Jazz an, was sich vom Rest der Suite kaum sagen lässt. Die 18 Musiker verschmelzen U, E und Ö, wobei Ö das Östliche bezeichnet. Herskedal war in Serbien, Syrien, Palästina unterwegs. Er ruft uns die Schönheit dieser schwierigen Weltecken in Erinnerung. Gerade vergangenes Wochenende ist er für eine Woche nach Istanbul geflogen, um sich von einem Meister der Oud, der Kurzhalslaute, für das Spielen seiner Tuba inspirieren zu lassen.

Inspiriert haben ihn auch Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in der Orchesterfassung von Maurice Ravel. Das vorletzte Stück seiner Suite stammt daraus, Bydlo, der Ochsenkarren. Wie ergreifend schleppt er sich dahin. Ostwärts, ho!