Man stelle sich vor, ein Fußballtrainer ahnt ziemlich genau, mit welchen Spielern seine Mannschaft Meister werden könnte – lässt die Spieler aber lieber auf der Reservebank. So ungefähr scheinen viele deutsche Mittelständler zu ticken: Die große Mehrheit ihrer Führungskräfte, nämlich 86 Prozent, glaubt fest an die Chancen der Digitalisierung. Aber nur 15 Prozent setzen innovative Technologien wie Social Media, Big Data oder Cloud Computing bereits ein.

Das belegt eine aktuelle Studie der Mittelstandsinitiative der Commerzbank. Sie hat das Institut TNS Infratest beauftragt, 4000 Führungskräfte zu befragen. Das erstaunliche Ergebnis: Zwei von drei Befragten räumen ganz offen ein, dass der Mittelstand sich nicht ausreichend um die Digitalisierung kümmert. Die große Mehrheit begnügt sich damit, die eigene Konkurrenz zu beobachten. Ein Fußballtrainer, der nur zusieht, wie andere die Punkte einheimsen, müsste wohl seinen Hut nehmen.

In der Wirtschaft gefährdet die zögerliche Haltung unzählige Jobs, weil die Digitalisierung die Karten gänzlich neu mischt. Immerhin sechs von zehn Befragten glauben zwar, dass die Digitalisierung für mehr Arbeitsplätze in Deutschland sorgen wird. Von ganz allein wird das aber nicht passieren.

Daher ist kaum nachvollziehbar, warum so viele Mittelständler in Wartestellung ausharren. Zumal sie den Druck spüren, etwas zu ändern: 68 Prozent der Befragten berichten von starkem Verdrängungswettbewerb in ihrer Branche, unter den Mittelständlern mit mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz sind es sogar 77 Prozent. Die Unternehmen müssen sich also etwas einfallen lassen. Genau das ist das Problem, davon ist Markus Beumer überzeugt. "Innovationen sind eher Kopfsache als eine Ressourcenfrage", sagt das Vorstandsmitglied der Commerzbank, "man muss den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren, umzudenken und riskieren, damit anzuecken."

Dabei können die Unternehmen von jenen Mittelständlern lernen, die erst vor einigen Jahren entstanden sind und von Anfang an auf digitale Geschäftsmodelle gesetzt haben. Was sie verbindet, hat der Hamburger Unternehmer Thomas Promny erfragt. Ende Mai erscheint sein Buch über den Online-Mittelstand in Deutschland. Promny hat darin Interviews mit 20 Unternehmern geführt, die mit einer hohen Affinität zu neuen Technologien, einer guten Portion Glück, viel Fleiß und Hartnäckigkeit Firmen mit Hunderten Mitarbeitern geschaffen haben. Viele von ihnen setzten beim Aufbau ihrer Unternehmen auf "billige Trial-and-Error-Spiele", hat Promny beobachtet – sie probieren also mit kleinen Budgets viele neue Ideen aus und riskieren bewusst, mit den meisten davon zu scheitern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Zwar sind viele dieser Onlineunternehmer in den 1970er Jahren geboren und mit dem Internet aufgewachsen. Wer aber jetzt vermutet, dass das Alter vieler Führungskräfte am fehlenden Mut in den etablierten Unternehmen schuld sein könnte, liegt falsch. Und das ist die gute Nachricht: Laut der Commerzbank-Studie sind unter den über 56-Jährigen sogar 17 Prozent "digitale Innovatoren", die von zwölf abgefragten Technologien mindestens sieben einsetzen – fünf Prozentpunkte mehr als bei den unter 30-Jährigen. Je älter die Führungskräfte, umso eher wagen sie sich offenbar an die Technologien heran. "Ältere tun sich leichter damit, die richtigen Köpfe ins Unternehmen zu holen, um neue digitale Geschäftsmodelle auszuprobieren", sagt Commerzbank-Vorstand Beumer. Der Unternehmer Promny empfiehlt Mittelständlern sogar einen "Digital Advisory Board" – eine Art Beirat mit digitalerfahrenen Köpfen. Was die Unternehmen dennoch hemmen dürfte: Zwei von drei Mittelständlern klagen über Fachkräftemangel.

Trotz der Probleme bleiben die Mittelständler übrigens optimistisch. Fast die Hälfte der Befragten glaubt daran, in den nächsten fünf Jahren substanziell zu wachsen. Nur jeder achte fürchtet rückläufige Umsätze. In diesem Punkt sind die Führungskräfte tatsächlich wie Fußballtrainer. Egal, welche Gegner warten: Die Hoffnung auf Erfolg geben sie nicht auf.