Die Revolution traf Hamburgs Müllmänner unvorbereitet. In der Mittagspause. Es war ein gewöhnlicher Montag im April, Currywurst-Tag in der Kantine. An den langen Tischen im Speisesaal in Hammerbrook unterhielten sich die Männer gerade über die letzte Niederlage des HSV, als die Revolution durch die Tür marschierte.

Die Revolution war 1,77 Meter groß, rundlich, mit einem fröhlichen Gesicht. "Ich bin Michaela, die neue Kollegin", sagte sie. Und die Männer in den orangefarbenen Overalls, viele mit stattlichen Schnauzbärten, schauten, als blickten sie in eine Zukunft, die sie niemals verstehen würden. Eine Frau. Bei der Müllabfuhr?

Es gibt in Deutschland nur noch wenige Berufe, in denen ausschließlich Männer arbeiten. Frauen schuften in Schlachtereien, sie arbeiten als Handwerker, fahren zur See und kämpfen in Afghanistan. Man könnte sagen: Im Jahr 2015 gibt es keine Männerberufe mehr. Doch wer das sagt, arbeitet nicht bei der Müllabfuhr. In ganz Deutschland verdienen gerade einmal fünf Frauen ihr Geld als Müllentsorger. In Hamburg gab es das noch nie. Michaela Fuhrmann, Praktikantin in Kolonne 22, ist die erste Müllfrau der Stadt. Die Frauenquote bei Hamburgs Müllabholern: eine von 900.

Doch die Geschichte von Michaela Fuhrmann, der Praktikantin, die plötzlich zur Hoffnung der Hamburger Müllabfuhr wurde, ist mehr als nur eine Zahl. Sie erzählt von einer Frau, die versuchte, Ordnung in ihr Leben zu bringen, und dabei in die Öffentlichkeit geriet. Denn zwischen Biotonnen und Altpapier ging es schnell um eine politische Frage: Kann eine Frau Müllmann sein?

Die Männer der Müllabfuhr sagen: Keine normale Frau schafft das.

Der Pressesprecher sagt: Frau Fuhrmann wird beweisen, dass es geht.

Und Michaela sagt: Ich muss es jetzt allen zeigen.

Ein trüber Morgen im Mai. Kurz vor neun Uhr. Der Mülltransporter rumpelt übers Kopfsteinpflaster. Durch die Autoscheiben sieht Michaela Fuhrmann ein Hamburger Vorgartenidyll, Buchsbäume vor geschwungenen Eisentoren. Michaela sitzt auf einem der Beifahrersitze. "Ich verstehe das ganze Gewese um mich ja selbst nicht", sagt sie. "Aber wenn Hollywood mich bald noch will, bin ich weg, Jungs." Die Männer im Auto röhren vor Lachen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Kolonne 22 ist seit sechs Uhr morgens auf der Straße. Drei Männer, fester Händedruck, nur Vornamen. Björn, Barry und Alex. Und eben Michaela: Pulli in Orange, passende Latzhose, die Wangen gerötet von der frischen Luft, im Schoß die obligatorischen dreckigen Gummihandschuhe.

Neben Michaela sitzt Björn, ihr Vorarbeiter. Björn war vier Jahre bei der Bundeswehr und schneidet sich die Haare mit einem Rasierer. Deshalb wird er von den anderen nur "General" genannt. Über seine Kolonne sagt Björn: "Ein Schwarzer, ein Russe, ein Ossi und ’ne Frau. Wenn das nicht Multikulti ist, dann weiß ich auch nicht."

Björn hat Michaela alles gezeigt: wie man die Tonnen in die Hebevorrichtungen klemmt, wie die Kipptechnik funktioniert und wo der Unterschied zwischen einer 120er- und einer 240er-Tonne ist. Michaela hat zugehört, wollte keine Fehler machen. Vier Wochen ist sie jetzt dabei. Vor ein paar Tagen klopfte Björn ihr auf die Schulter: "Du arbeitest besser als viele Männer", sagte er. Es war das schönste Kompliment, das Michaela sich vorstellen konnte.

Björn mag Michaela. So wie die ganze Kolonne. Aber er weiß auch, dass längst nicht alle bei der Müllabfuhr begeistert sind von der neuen Frau im Overall. In der Kantine lästern manche über die "Dicke aus der 22". Frauen bei der Müllabfuhr, sagen sie: Spinnerei. Idiotenkram. Björn sagt: "Die Männer haben Angst."

Angst vor Neuem. Vor allem aber: Angst davor, Privilegien zu verlieren. Müllmänner verdienen bei der Stadtreinigung mehr als andere Angestellte. Ihr Job ist härter, körperlich anstrengender. Nun sorgen sich einige der Männer: Was passiert, wenn sich herausstellt, dass auch eine Frau die Arbeit machen kann? Kann man dann überhaupt noch glaubhaft von harter Arbeit reden?

Auch der Hamburger Senat wird von der Geschlechterfrage gequält: Kann das überhaupt sein, dass harte Arbeit im Jahr 2015 nur von Männern gemacht wird? Nein, sagen die Funktionäre, das darf nicht sein. Im Hamburger Gleichstellungsgesetz, seit 2014 in Kraft, steht schließlich, dass mehr Frauen im öffentlichen Dienst arbeiten sollen. Und weil die Müllabfuhr zum öffentlichen Dienst gehört, ist eine Männerquote von 100 Prozent einfach nur peinlich.

Um das Problem zu lösen, wurde im Januar dieses Jahres eine Frau eingestellt: Eileen Hacker. Ihr Auftrag: mehr Frauen bei der Müllabfuhr. Sie hat Wirtschaftspsychologie in Lüneburg studiert und für die Werbeagentur Jung von Matt gearbeitet.

Eine junge Frau mit diplomatisch austarierter Stimme, die problemlos Begriffe verwendet wie "Chancen der Personalentwicklung" und "ausgewogene Geschlechterbalance".