Es gibt Vorstellungen über mein Land, die ich als Ire meinen deutschen Freunden ungern nehmen möchte. Zum Beispiel, dass wir Iren alle trinkfeste Witzbolde sind oder dass jeder in Irland jeden kennt. Und natürlich, dass unsere Kühe glücklicher sind als andere und wir deshalb die besten Milchprodukte der Welt herstellen. Es gibt aber auch Vorstellungen, die ich nicht mehr hören kann. Irland sei ein katholisches Land, ist so eine.

Ja, Irland war über Jahrhunderte das "Land der Heiligen und Gelehrten". Lange bevor unsere Kühe Europa mit Butter beglückten, waren es unsere irischen Mönche, die ein viel kostbareres Gut auf dem Kontinent verbreiteten – das Christentum. Die Kirche in Irland war Hoffnung und Trost in den dunklen Jahrhunderten von Besatzung, Hungersnot und Krieg. Dieses heilige Irland wurde später sogar von Hollywood und Heinrich Böll verewigt.

Am kommenden Freitag dürfen die Iren nun darüber abstimmen, ob die Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wird. Viele Länder haben das Eherecht längst liberalisiert. Wir aber sind das erste Land der Welt, das sein Volk entscheiden lässt und die Entscheidung in der Verfassung verankert. Doch bei dieser Volksabstimmung geht es um mehr als die Homo-Ehe – es geht um die Trennung von Kirche und Staat.

Die Kirche hat lange unser Liebesleben reglementiert: Homosexualität wurde erst 1993 entkriminalisiert. Im gleichen Jahr konnten Kondome – bis 1978 ganz verboten, danach nur mit Rezept des Hausarztes erhältlich – erstmals im freien Handel erworben werden. Und es ist noch keine zehn Jahre her, dass ein Referendum, wenn auch mit knappem Ausgang, eine Scheidung möglich machte. Die katholische Kirche in Irland hat also viele Niederlagen einstecken müssen. Was nun passiert, ist so etwas wie ihr letztes Gefecht.

Laut Meinungsumfragen wollen fast zwei Drittel der Iren die Zivilehe neu definieren und finden, die Kirche solle sich raushalten. Die Bischöfe haben sich eh als Moralinstanz selbst abgeschafft, nachdem bekannt wurde, dass pädophile Priester systematisch geschützt wurden. Ministerpräsident Enda Kenny hat die katholische Kirche im Sommer 2011 als "dysfunktionale" und "narzisstische" Institution verurteilt, die bis in die Gegenwart Kindesvergewaltigungen "gemanagt" habe, anstatt die Vorfälle aufzuklären. Nach Jahrhunderten der kirchlichen Dominanz waren diese Worte ein Befreiungsschlag.

Es war auch Kenny, der im Herbst die "Marriage Equality"-Kampagne startete, indem er eine Schwulenkneipe besuchte – noch vor wenigen Jahren wäre das für einen irischen Regierungschef undenkbar gewesen. Kurz danach outete sich unser Gesundheitsminister als homosexuell, auch das ein Novum. Unterstützt wird die "Ja"-Kampagne mittlerweile von allen politischen Parteien, von Gewerkschaften, Arbeitgebern und sogar unserer Polizei.

Die große Hoffnung der Befürworter ist: In einem Land, in dem jeder glaubt, jeden zu kennen, kennt jeder auch jemanden, der homosexuell ist. Lesben und Schwule sind daher keine abstrakte Bedrohung für Moral und Sitte, sondern Familienmitglieder oder Freunde, die so leben wollen wie alle anderen auch. Letztlich also glaubt die "Ja"-Seite an ein tolerantes, liberales Irland.

Dennoch ist man nervös auf der Insel. Denn das gegnerische Lager – bestehend aus konservativen Gruppen und der katholischen Kirche – hat es geschafft, die katholische Sittenlehre als "gesunden Menschenverstand" zu labeln: Konservative und Gläubige stilisieren die Volksabstimmung zu einem Bürgerbegehren für die traditionelle Familie. Die Ehe für alle, so argumentieren sie, entwerte eine bewährte Institution. Die Ehe für alle schaffe das Recht des Kindes auf eine Mutter und einen Vater ab. Die Ehe für alle unterliege dem Irrglauben der Political Correctness, das Geschlecht spiele für die Ehe keine Rolle.

Selbst die Bischöfe haben sich eingeschaltet. Sollte Irland mit Ja stimmen, drohen sie damit, die bisher gängige Praxis zu beenden, dass ein Priester nach der kirchlichen Trauung zugleich auch die Unterlagen für die Zivilehe beglaubigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Indem sie den Wert der traditionellen Familie hervorheben, versuchen die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe an das Traditionsbewusstsein der Iren zu appellieren. Nach dem Motto: if you don’t know, vote no – wenn du dir nicht sicher bist, dann stimme besser mit Nein. Hier verläuft die eigentliche Bruchstelle der Gesellschaft, die durch die Homo-Ehe-Kampagne offengelegt worden ist: auf der einen Seite Irlands liberales Selbstbild, auf der anderen seine zutiefst konservative Seele.

In den Jahren von 1995 bis 2007, als das Wirtschaftswachstum Irland zum keltischen Tiger machte, hat sich die Gesellschaft in Rekordzeit vom alten Mief befreit. Die Accessoires des Wohlstands – Latte macchiato und Louis Vuitton – galten zugleich als Beschleuniger der Modernität und Liberalität. Doch Gott gegen Mammon auszutauschen ist noch kein Garant für mehr Toleranz. Und noch weiß keiner, wie stark die Liberalität, entstanden in guten Zeiten, in Irland verankert ist, jetzt, wo die Zeiten weniger euphorisch sind. Die Political Correctness jedenfalls hat noch vor jeder Wahlkabine haltgemacht.

Nun haben die Iren eine Chance, die faktische Trennung von Staat und Kirche auch mental zu vollziehen. Sollte Irland mit Nein abstimmen, werde ich das Klischee über das katholische Irland wohl weiterhin ertragen müssen. Dann allerdings nicht ganz zu Unrecht.