An der Stelle des Berges aus Erde und Geröll, wo David Hume steht, sollte eigentlich ein 240 Meter tiefes Loch klaffen: Griechenlands größte Goldmine. Hume soll sie erschließen für sein Unternehmen Hellas Gold. Und noch vor Kurzem konnten er und seine Leute dafür auf den Segen der griechischen Regierung vertrauen.

Doch nun muss der 50-jährige Brite mitansehen, wie die Halde in der Grube immer größer wird. Vor dem Minenchef rumpeln Sattelschlepper eine Rampe hoch und kippen ihm tonnenweise Abraum vor die Füße. Der Schutt stammt von einem anderen Teil des 700 Meter breiten Tagebaus. Denn Griechenlands neue Machthaber erlauben Hume nicht, den Abraum andernorts zu deponieren.

Hume schüttelt den Kopf. "Dieses ganze Material hier müssen wir eines Tages wieder abtragen, bevor die Mine in Betrieb geht", sagt er. Doch ob die Gold- und Kupfermine Skouries, Griechenlands vielleicht größtes und definitiv umstrittenstes Wirtschaftsprojekt, je in Betrieb gehen wird, weiß niemand mehr.

Die Anlage stand einmal für Hoffnung auf Arbeitsplätze und Wohlstand. Nun steht sie vor allem für politisches Versagen, Klientelismus und Gewalt. Was hier auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki passiert, spiegelt auf kleinem Raum die Zerrissenheit des ganzen Landes. Und die Gefahr ist groß, dass am Ende wenige profitieren – und der übrigen Gesellschaft ein Haufen Schutt bleibt, den sie dann abtragen muss. Zumal die neue Regierung in innere Widersprüche verhakt ist.

Eine Milliarde Dollar versprach die Muttergesellschaft von Hellas Gold, das kanadische Unternehmen Eldorado, hier auf Chalkidiki zu investieren, um Edelmetalle zu gewinnen. 600 Arbeiter sind seit Monaten auf der Großbaustelle im Einsatz, bis zu 2.000 sollen es werden. Tausende Bäume haben die Bulldozer bereits gefällt, 400 Millionen Dollar hat Eldorado nach eigenen Angaben schon ausgegeben – im Vertrauen auf die Zusagen früherer Regierungen und mehrerer Urteile des obersten Verfassungsgerichts. Doch seit in Athen das radikale Linksbündnis Syriza herrscht, steht das alles infrage.

Der neue Umweltminister Panagiotis Lafazanis und sein Stellvertreter Yannis Tsironis von den im Wahlbündnis vertretenen Grünen haben Hellas Gold eine Reihe von Lizenzen entzogen. Die Regierung will das ganze Vorhaben nochmals überprüfen. Am liebsten würde sie es wohl beerdigen.

In der Opposition und im Wahlkampf hatten sich Syriza-Politiker auf der Seite der Gegner profiliert. Heute aber regieren sie, sind verantwortlich für alle Griechen. Und die Fragen, die sie beantworten müssen, spalten die Nation. Sollen Unternehmen Griechenlands beachtliche Bodenschätze ausbeuten, auf Kosten der Umwelt? Oder soll der Staat die Natur schützen, auf Kosten der Arbeitsplätze? Naturschützer kämpfen gegen Bergarbeiter, Globalisierungsgegner gegen Gewerkschaftler, linke Politiker gegen noch linkere Politiker. Und wie immer die neuen Machthaber entscheiden: Ihrem Land droht immenser Schaden.

Dabei war die Mine einst das Vorzeigeprojekt der Vorgänger des heutigen Premierministers Alexis Tsipras. Giorgos Papandreou und Antonis Samaras wollten der Welt an ihrem Beispiel beweisen, dass Griechenland attraktiv für internationale Investoren ist, dass der von Krisen, Schulden, Arbeitslosigkeit geschüttelte Staat eine wirtschaftliche Zukunft hat. In der Gegenwart aber offenbart der Streit ums Gold fast nur Missstände: politisches Versagen, Klientelismus, Gewalt. Der Wirtschaftsstandort Griechenland erscheint unberechenbarer denn je.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Chalkidiki könnte ein Traum für Rohstoffkonzerne sein. Eldorado geht davon aus, dass unter der Region bis zu 250 Tonnen Gold ruhen, Marktwert knapp neun Milliarden Euro. Griechenland wäre damit der größte Goldförderer Europas. Die Edelmetallvorkommen könnten dem Land in seiner schwierigen wirtschaftlichen Situation helfen. Und sie sind für Griechenland nicht ohne Symbolik, wenn es um Aufstieg und Ansehen geht. Makedoniens Edelmetalle finanzierten einst die Feldzüge seines berühmtesten Königs: Alexanders des Großen.

Aristoteles heißt die Gemeinde rund um Skouries und die anderen Minen des Cassandra-Komplexes, die teils schon seit Jahrzehnten ausgebeutet werden. Der industrielle Bergbau hat den Menschen hier Arbeit gebracht, aber auch Probleme. Denn auf die Natur nahmen frühere Betreiber wenig Rücksicht. Immer mal wieder färbten Abwässer Teile des Meeres rot oder gelb. Die Konzerne setzten hochgiftiges Zyanid und Schwermetalle ein. Noch immer türmt sich in der Nähe eine gigantische Deponie aus verseuchten Rückständen von damals. All diese Sünden haben viele Hoteliers, Landwirte, Fischer und andere Bürger von Aristoteles zu Umweltaktivisten gemacht. Nichts bringt so auf die Barrikaden wie die geplante Mine von Skouries.