Besucher eines Pferderennens in Epsom, Südengland © Stefan Wermuth/Reuters

Wählt ihr etwa die Unterwerfung?

Jeder weiß, dass Europa nicht das 21. Jahrhundert prägen wird. Die Zeiten, als dieser Kontinent die Welt regierte, sind lange vorbei. Vorbei sind auch die Zeiten, als Europas Werte den Aufbau der Weltordnung bestimmten. Und dennoch besitzen wir nach wie vor die Mittel, maßgebliche Teilnehmer einer globalen Öffentlichkeit zu sein. Ökonomisch, währungspolitisch, finanziell, militärisch, kulturell und letztendlich politisch können wir immer noch mitreden. Wir können uns für den Multilateralismus einsetzen, für die Herrschaft des Rechts, fairen Wettbewerb, ja sogar für Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Selbst wenn es nichts mehr gibt, was wir anderen diktieren können, gibt es doch kein internationales Gesetz, dem wir ausgesetzt sind, ohne es selbst mitverfasst zu haben.

Dieser bleibende Einfluss Europas hat jedoch nur so lange Bestand, wie wir wissen, wofür wir stehen und zusammenhalten. Bei einem britischen Entscheid, die EU zu verlassen, hättet ihr, liebe Briten, am meisten zu verlieren! Euer Außenministerium hat in den vergangenen drei Jahren sorgfältig recherchiert, wo die Renationalisierung europäischer Entscheidungsmacht dem Land zugutekommen würde – und kein wichtiges Feld gefunden. Stattdessen hat es viele Bereiche ausgemacht, die dem Land einen hohen wirtschaftlichen Preis abverlangen würden.

Nach einem Austritt könnte Großbritannien seine volle nationale Souveränität erklären und öffentlich zur Schau stellen. Aber in Wirklichkeit würde die Insel eine Art wirtschaftlicher Satellit werden. Die Unabhängigkeit wäre nur Fassade, dahinter läge die Unterwerfung, denn über EU-Gesetze würde London nicht mehr mitentscheiden. Wie könnte eine Nation wie die eure, liebe Briten, weltbekannt für ihren Pragmatismus, eine solche Wahl treffen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Aber auch wir auf dem Festland hätten viel zu verlieren. Unter anderem unser Finanzzentrum. Die Distanz zu unserer gemeinsamen Sprache, unseren besten Universitäten und einem großen Teil unserer gemeinsamen Geschichte würde unvermeidlich wachsen. Auch die in London ansässigen globalen Medien, die heute mehr europäisch als britisch denken, rückten in größere Ferne. Natürlich würde uns die Geografie immer noch verbinden und der Eurostar immer noch von London nach Brüssel und Paris fahren. Aber das Denken geschiedener Leute würde uns packen, unser Alltagsverhalten und unsere Präferenzen prägen. Natürlich würden die übrigen EU-Länder es in Zukunft leichter finden, sich auf den Haushalt und die Sozialausgaben zu einigen. Doch bitte keine Illusionen: Der "Brexit" würde den hausgemachten kontinentalen EU-Skeptizismus nicht bremsen.

Jean Pisani-Ferry

Hier lesen Sie den Originaltext von Jean Pisani-Ferry in englischer Sprache.