Mehr als 100 neue Toiletten wurden 2014 in dem indischen Dorf Katra Sahadatgunj eingeweiht. © PRAKASH SINGH/AFP/Getty Images

Jack Sim ist 4.000 Kilometer von Singapur nach Indien gereist, und plötzlich klebt der Grund seiner Reise an seiner Schuhsohle. Sim steht vor dem Bahnhof der Stadt Rishikesh, Rikschas rollen an ihm vorbei, Autos hupen, und Sim macht ein Gesicht, als könne er sich nicht recht entscheiden, ob er sich ärgern oder lachen soll. Lustig ist es schon, dass ausgerechnet er in diesen braunen Haufen getreten ist. Denn deswegen ist er ja hierhergekommen: wegen der Scheiße.

Man mag dieses Wort für ordinär halten, für primitiv, eklig. Aber es ist ein Wort, das Jack Sim dauernd benutzt. Shit. Nicht weil er keine Manieren hätte, auch nicht, weil er provozieren wollte. Er findet einfach nur, dass die Menschheit endlich anfangen sollte, über Scheiße zu sprechen, vor allem die Inder.

Sim sucht sich einen Streifen Gras und wischt seine Sohle ab. Dann steigt er in den Wagen, der an der Straße auf ihn wartet. Er rollt an Tempeln vorbei, an mageren Kühen und an Touristen, die am Ufer des Ganges bunte Gewänder und Yogabücher kaufen. Sim hält ein riesiges Smartphone in der Hand. Auf einmal ruft er: "Stopp! Können wir umdrehen?"

Er schaut durch die Heckscheibe nach hinten. Der Fahrer wendet. Sim springt aus dem Wagen, bevor er richtig hält, und läuft zu einem Laden am Straßenrand. Dort stehen vier weiße Toilettenschüsseln. Sim macht Fotos. Er prüft auf dem Display seines Smartphones, ob sie gut geworden sind, dann macht er noch mehr Fotos. Er fotografiert die Klos wie andere Leute den Taj Mahal. Der Verkäufer schaut ihn ratlos an.

Jack Sim ist ein 58-jähriger kleiner, drahtiger Mann mit Brille, der viel redet. Vor allem aber ist er: Mr. Toilet, der Klomann der Welt. Vor 14 Jahren hat er in seiner Heimat Singapur die World Toilet Organization gegründet. Wenn Sim sich irgendwo vorstellt, kichern die Leute. Welttoilettenorganisation, hahaha. Er hat sich daran gewöhnt, sollen sie halt lachen. "Es gibt doch niemanden, der nicht aufs Klo geht", sagt er. "Warum können wir darüber nicht normal reden?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Weil es uns peinlich ist. Weil wir uns dafür schämen, wie wir loswerden, was wir zu uns nehmen. Weil wir nicht gelernt haben, wie man darüber spricht.

In Deutschland haben wir Toiletten, überall, wo wir sie brauchen. Wir schließen die Tür hinter uns, verrichten unsere Notdurft und spülen unseren Kot und all die Bakterien und Viren in ihm mit einem Knopfdruck in die Kanalisation. Darüber, welchen Wert eine Toilette mit Wasserspülung hat, denken wir nicht nach.

Noch im Mittelalter entleerten die Menschen ihre Nachttöpfe durchs Fenster auf die Straße. Zwar hatte es Latrinen schon im alten Rom gegeben, und im Irak fanden Archäologen sogar Überreste von 4.000 Jahre alten Toiletten. Aber erst der Brite Alexander Cumming erfand im Jahr 1775 jene Toilette, die wir heute benutzen: eine Toilette mit Wasserspülung und Siphon, einem S-förmig gekrümmten Rohr, das als Geruchsverschluss dient.