DIE ZEIT: Sie warnen vor den Gefahren der Jugendarbeitslosigkeit. Warum?

Brigitte Unger: Wenn Jugendliche erst einmal langzeitarbeitslos sind, dann sind sie in den Arbeitsmarkt kaum mehr integrierbar. So entsteht eine verlorene Generation. Damit meine ich konkret, dass ein Jugendlicher, der heute nicht lernt, dass man morgens aufstehen muss, zur Arbeit geht und abends wieder nach Hause kommt, sondern der zwei Jahre lang schlapp herumhängt, langfristig teurer wird als die sofortige Bereitstellung eines Ausbildungsplatzes. Passives Abwarten kostet Europa laut Eurofound jährlich 153 Milliarden Euro an Produktivitätsverlust.

ZEIT: Von wie vielen Jugendlichen sprechen wir?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Unger: Zurzeit gilt für die EU: Jeder fünfte Jugendliche, der arbeiten will, kann es nicht. Wir haben eine Quote von 22 Prozent. Insgesamt sind es 5,1 Millionen Arbeitslose. Besonders erschreckend ist dabei ein neues Phänomen; bislang entwickelten sich Jugendarbeitslosigkeit, die immer höher ist, und Gesamtarbeitslosigkeit parallel. Doch seit der Finanzkrise ist die Jugendarbeitslosigkeit drastisch und stärker angestiegen als die Gesamtarbeitslosigkeit. Unternehmen zögern in der Krise, Mitarbeiter einzustellen, das trifft besonders junge Berufseinsteiger.

ZEIT: Am schlechtesten steht es um die Jugendlichen in Süd- und Osteuropa. Laut der offiziellen EU-Statistik liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei 53,5 Prozent, in Griechenland bei 49,8 Prozent und in Italien bei 43,9 Prozent. Auch Frankreich zählt mit 25,4 Prozent zu den Krisenregionen. Gibt es eine Erklärung dafür?

Unger: Der Süden Europas hat ein grundsätzliches Strukturproblem, das bereits vor der Finanzkrise bestand, obschon die Arbeitslosenzahlen deutlich unter den heutigen lagen. Mangelnde Ausbildungsplätze, mangelnde Infrastruktur, mangelnde Investitionen. Zu diesem großen Paket an Problemen ist die starke Austeritätspolitik, die Sparpolitik, hinzugekommen. Was für Deutschland noch möglich war – gerade in Krisen sparen zu müssen – war für die Südeuropäer ein unmögliches Programm, weil es ans Eingemachte ging, an die Grundnahrungsmittel und die medizinische Versorgung, an die Bezahlung der Lehrer. Die Einsparungen haben die Nachfrage nach Gütern gedrosselt und die Arbeitslosigkeit im Süden in die Höhe getrieben.

ZEIT: Nun stellt allerdings der Europäische Sozialfonds seit 2013 jährlich zehn Milliarden Euro zur Umsetzung der Jugendgarantie bereit, die jedem Jugendlichen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten eine Arbeit, ein Praktikum oder eine Ausbildung zusichert. Weitere sechs Milliarden Euro sind für die Jugendbeschäftigungsinitiative eingeplant, die Regionen mit mehr als 25 Prozent Jugendarbeitslosenquote zugutekommen sollen. Reicht das nicht aus?

Unger: Geld ist vorhanden, aber trotzdem greifen all diese Initiativen nicht, weil Länder erst dann von der EU Geld bekommen, wenn sie Strukturpläne vorlegen. Von den Milliardenbeträgen sind nur kleine Millionenbeträge ausgeschöpft worden. Das ist ein Armutszeugnis für die EU.