Er hat in das wunderbar altmodische und verstaubte Fünfziger-Jahre-Café Funk-Eck aus der Steinzeit des Radios an der Hamburger Rothenbaumchaussee geladen. Im November 2013 musste sich der Urpunk der deutschen Fernsehunterhaltung – nie hat ein Mann im deutschen Fernsehen so böse, beinharte, hässliche, verbotene, sexistische, frauenfeindliche Witze gerissen – dem Vergewaltigungsvorwurf einer Schweizer Journalistin stellen. Im Dezember letzten Jahres sprach das Bezirksgericht Zürich Karl Dall von allen Vorwürfen frei, aber das ist fast egal: Der Komiker weiß sehr gut, dass sein Ruf für immer ramponiert ist, so ein Vergewaltigungsvorwurf lässt sich, ganz gleich, was die Gerichte entscheiden, nie ganz abschütteln. Demnächst ist Karl Dall, auch schon 74 Jahre alt, mit einer neuen Blödelshow in Kneipen und Kleintheatern unterwegs.

Er erscheint mit einem Karohemd von Tchibo, mit Fleecejacke und Schuhen, die wie Filzpantoffeln aussehen: Okay, gekonnt geschmackloser, nachlässiger, cooler geht es nicht. Er bestellt zwei Eier im Glas und quält die Bedienung mit der beharrlich vorgetragenen Frage nach Fondor, einer in den siebziger Jahren populären Würzmischung. Schmerzhafte Frage: Kommen die Aufträge wieder?

Dall, ausweichend, grinsend, mit Eierlöffel in der Hand: "Ich esse ja nicht mehr so viele weiche Eier. Weil die Unfallgefahr bei einem alten Mann zu groß ist." Er nennt die Klägerin aus Zürich noch einmal eine vorbestrafte Stalkerin, sie habe es erst bei Udo Jürgens, dann bei ihm versucht. Frage an die Fernsehlegende Karl Dall: Übernimmt er persönlich die Verantwortung dafür, dass das Fernsehen heute so flach ist? Das bejaht er umgehend: "Ich übernehme die volle Verantwortung. Fühle mich aber nicht schuldig." Nachsatz, Ei schlabbernd: "Ich habe die ganzen Schweinereien erfunden. Das kommt wirklich alles von mir." Unvergessen, wie Dall zu Exminister Norbert Blüm sagte: "Wir beiden knallen doch immer noch die jungen Weiber ab." Unvergessen, wie Karl Dall zu Roland Kaiser sagte: "Jetzt sing schon. Dann haben wir’s hinter uns."

Blick in das Gesicht mit dem berühmten hängenden rechten Auge. Da sitzt, kein Zweifel, ein intelligenter, eventuell sogar ein gebildeter Mann. Ist der Proll-Darsteller Karl Dall ein Hochkulturbürger, der zu Hause Streichquartette hört und Hölderlin liest? Nö. Er erzählt, wie nach einem Auftritt bei einer Geburtstagsfeier von Gerhard Schröder Günter Grass zu ihm trat und ihn dafür lobte, dass er auf Deutsch gesungen habe. Bei bodenständigen Politikern vom Typ Schröder und Steinmeier hatte der alte Sozialdemokrat Dall schon immer einen Schlag: "Natürlich. Die wollen ja auch mal privat sein, diese Leute. Bei mir hören sie einen dreckigen Witz, und dann können sie mal wieder richtig abschreien." Kopfschütteln. Fazit eines Komikerlebens: "Witze müssen unterste Schublade sein."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Er macht jetzt einen Gag nach dem anderen. Natürlich, nach den albtraumhaften Monaten, die hinter ihm liegen, will so einer spüren, dass er noch lustig sein kann. Kann er, als gute Geste an alle von seinem Humor traumatisierten Frauen, etwas betont Frauenfreundliches sagen? "Welche Frauen meinen Sie?", fragt Karl Dall. "Hausfrauen?" Ach, ja. Die unkaputtbare Kraft des Unkorrekten. Wir reden über Alkohol, immer ein schönes Frühstücksthema: "Ich kaufe mir keinen Mist mehr. Ich gebe aber auch nicht gerne ab, nicht?" Bei ihm zu Hause lagerten immer drei Sorten Rotwein: "Für Besuch, für ungebetenen Besuch und für mich selbst." Noch ein paar richtig untene Witze, über Alkohol, Frauen, Fernsehen. Der Kavalier Karl Dall bringt den Besucher, betont ernst, betont aufmerksam, zum Taxi.

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