Die Wasserdampf-Fahne des Kohlekraftwerks Staudinger bei Großkrotzenburg (Hessen) © dpa

Drei Patrouillen braucht Mathias von Gemmingen am Berliner Rathaus. Um 23.47 Uhr meldet Patrouille Nummer eins per Handy: "Sie sind jetzt bei uns." Gemeint sind die beiden Polizisten in Uniform, die das Rathaus bewachen und die nicht wissen, dass sie auf ihrem Rundgang beobachtet werden.

Von Gemmingen, 39, hat mit dem Rest seines Teams an der Rückseite des Rathauses Stellung bezogen. Bis die Polizisten bei ihm sind, das weiß er nun, bleiben ihm ungefähr zehn Minuten. Ein roter, 60 Kilogramm schwerer Generator der Marke Honda springt an. Verbunden ist er mit einem Koloss von Projektor, der im Kofferraum eines Golf versteckt ist.

Mathias von Gemmingen sagt: "Go!"

Ein Mann aus der Gruppe setzt den Projektor in Gang. Kurz darauf erscheint ein riesiger, weißer Schriftzug auf der Fassade des Rathauses: "Divest!" Er bedeutet so viel wie: "Zieht euer Geld ab!"

Der Fotograf der Gruppe schießt, klick, klick, klick, ein paar Bilder. Dann der nächste Schriftzug: "Raus aus Kohle, Öl und Gas". Klick, klick, klick. Es muss schnell gehen. Die Polizisten kommen näher. Zum Betrachten der Projektionen bleibt kaum Zeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Am nächsten Tag aber gehen die Fotos um die Welt. Die Aktivisten verbreiten sie über Facebook und andere Soziale Medien. Sie haben überall Helfer. Denn hinter der kleinen Gruppe in Berlin steht eine globale, rasant wachsende Bewegung.

In Großbritannien, Frankreich, Luxemburg, den USA, in Kanada, auf den Philippinen, in Neuseeland – überall finden Aktionen wie jene in Berlin statt. Die Botschaft an Unternehmen, Universitäten, Städte, Pensionsfonds, Versicherungen und Kirchen ist stets gleich: Raus aus Kohle, Öl und Gas!

Konkret bedeutet das: Die Adressaten sollen ihr Geld nicht mehr in die 200 börsennotierten Konzerne mit den größten fossilen Energiereserven stecken. Gazprom steht auf der Liste, genau wie Exxon, BP, Statoil, PetroChina, Coal India, RWE und BASF. Wer bereits Aktien oder Anleihen von diesen Unternehmen besitzt, soll sie verkaufen.

Die Aktivisten wollen Unternehmen, die mit Öl, Gas und Kohle Geschäfte machen, auf diese Weise finanziell austrocknen. Wenn sie keine Investoren mehr finden, so das Kalkül, dann bleiben fossile Energieträger unter der Erde und werden nicht mehr verbrannt. Geschäfte auf Kosten der Erderwärmung sollen sich nicht mehr lohnen.

Seit 2012 wächst die Zahl der Investoren, die mitmachen. Die einen freiwillig, aus Überzeugung. Die anderen, weil sie dem Druck von Aktivisten wie jenen aus Berlin irgendwann nachgeben.

In den USA haben sich die Städte San Francisco und Seattle zum Divestment bekannt, so wie das australische Brisbane, das englische Oxford und das schwedische Örebro. Mehr als siebzig kirchliche Organisationen sind dabei, skandinavische Pensionsfonds, Colleges und Universitäten, allen voran die renommierte Stanford University. Selbst der Rockefeller Brothers Fund, dessen Gründer ihr Vermögen einst mit einem Öl-Imperium machten, hat sich dem Divestment verpflichtet. Beinahe täglich kommen weitere Institutionen dazu. Große Vermögensverwalter wie Amundi haben nun sogar Geldanlagen im Programm, die gezielt die Kriterien der Divestment-Bewegung aufgreifen.

Ist das wirklich möglich? Seit fast zwei Jahrzehnten ringen Staats- und Regierungschefs auf Gipfeltreffen mit mäßigem Erfolg darum, den weltweiten CO₂-Ausstoß zu reduzieren, um die künftige Erwärmung der Erde auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Und nun soll das ein paar Aktivisten ohne viel Geld und professionelle Strukturen gelingen?

Eineinhalb Stunden vor der Aktion am Berliner Rathaus sitzt von Gemmingen auf einer Mauer am Alexanderplatz, hier will sich die Gruppe treffen. Er trägt graue Kappe, Kapuzenpullover, braune Brille – ein jugendlicher Typ mit Bartstoppeln. Beruflich macht von Gemmingen Marketing für ein Berliner Start-up, das sich auf Lebensmittelbestellungen im Internet spezialisiert hat. Er sieht sich als "Quereinsteiger" in die Aktivistenszene. Während der vergangenen 15 Jahre, sagt er, habe er viel gearbeitet, Saxofon in einer Band gespielt, geheiratet, mit dem Rucksack Mexiko, Brasilien und Südafrika bereist. Politisch engagiert aber habe er sich nie, höchstens mal bei einer Onlinepetition mitgemacht.

Dann aber litten von Gemmingens Freunde in São Paulo plötzlich unter Wasserknappheit. Er erfuhr, dass Strände, an denen er in Südafrika am Lagerfeuer gesessen hatte, bald schon nicht mehr existieren würden. Der Klimawandel ist für ihn seither keine abstrakte Bedrohung mehr. Er ist dabei, die Welt, die er kennt, zu verändern. Von Gemmingen will etwas dagegen unternehmen. Er will mehr tun, als eine wohlfeile Petition digital zu unterschreiben.

Im Internet stößt von Gemmingen auf die Divestment-Bewegung. Er rafft sich auf und organisiert die ersten Treffen in Berlin mit. "Da geht wirklich was", sagt er, "und ich muss nicht einmal jahrelang mit einem Klemmbrett in der Fußgängerzone Unterschriften sammeln." Das Tempo der Bewegung sei viel höher als bei klassischen Bürgerinitiativen, die sich ein großes politisches Thema vornehmen. Ständig würden irgendwo auf der Welt kleine Siege errungen. Von Gemmingen hat dafür auch eine Erklärung: "Geld ist eben sehr beweglich und lässt sich im Zweifel ganz schnell abziehen."