DIE ZEIT: Herr Messner, was macht das Absteigen so quälend?

Reinhold Messner: Wenn man nach unten schaut, sieht alles gleich aus. Man blickt in den Abgrund, man kann das Gelände nicht übersehen. Der Abstieg ist brutal.

ZEIT: Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Messner: Das muss Monate, wenn nicht Jahre vorher passieren. In den meisten Fällen habe ich es im ersten Anlauf auch nicht auf den Gipfel geschafft, ich habe mein Ziel nicht erreicht. Weil ich Angst hatte, weil das Wetter schlecht war, bin ich gescheitert. Aber dann fange ich wieder von Neuem an. Das ist ja das Schöne: Man kann immer wieder aufsteigen!

ZEIT: Wenn Sie unten sind, wollen Sie dann unbedingt gleich wieder hoch?

Messner: Wenn ich mir die Hörner abgestoßen habe, dann nicht. Ich habe Touren abgebrochen, die ich danach nie wieder versucht habe. Zum Beispiel die Südwand des Lhotse, des Nachbarbergs des Mount Everest. 1975 habe ich das zum ersten Mal versucht. Wir hatten sehr viel Geld, es war eine sehr professionelle Tour, aber wir haben es nicht geschafft.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Das hört sich an wie beim HSV. Der hat auch einen der höchsten Etats der Bundesliga und schafft es nicht, an die Spitze zu kommen.

Messner: Ich habe es auch noch einmal versucht, 15 Jahre später, mit den besten jungen Bergsteigern aus vielen Ländern. Das ist eine senkrechte Wand, wir haben frei geklettert, ohne Leiter. Ich habe gemerkt: Die Gefahr wächst ins Unermessliche. Wir mussten runter.

ZEIT: Haben Sie oft aufgegeben?

Messner: Eigentlich habe ich immer einen neuen Anlauf genommen, wenn ich gescheitert bin. Und dann noch einen.

ZEIT: Wo zum Beispiel?

Messner: Ich bin durch Grönland gewandert, im Winter. Beim ersten Mal war ich zu ungeduldig, bin immer zu schnell losgegangen, in Schneestürme gekommen, die ich hätte vermeiden können. Beim zweiten Mal habe ich mich gezwungen, ruhig zu bleiben.

ZEIT: Das hätten Sie mal dem Management des HSV sagen sollen. Als die Schneestürme in dieser Saison kamen, eine Niederlage nach der anderen, haben die panisch einen Trainer nach dem anderen geholt.

Messner: Wir haben das hart erlernt, unsere Energie zu sparen. Eine Woche blieben wir in unseren Zelten, entkamen den Erfrierungen. So habe ich es geschafft, Grönland sogar der Länge nach zu durchqueren.

ZEIT: Was gefällt Ihnen am Scheitern?

Messner: Es kann eine eigene Würde, ja eine eigene Poesie haben. Mein Liebling unter den Abenteurern heißt Ernest Shackleton, ein britischer Polarforscher, der um 1900 lebte. Der machte vier Arktisexpeditionen und scheiterte bei jeder. Und gerade, weil er nie Erfolg hatte bei seinen frechen und kühnen Missionen, habe ich so viel Respekt vor diesem Mann.

ZEIT:Muss man scheitern, um irgendwann Erfolg zu haben?

Messner: Na klar! Wir Menschen lernen mehr, wenn wir scheitern, als wenn wir etwas gewinnen. Auch das Aufsteigen ist nur möglich, wenn man vorher unten war. Ein Abstieg gehört zu jedem Leben dazu.

ZEIT: Der Hamburger Sport-Verein ist noch nie aus der Bundesliga abgestiegen.

Messner: So leid es mir tut, dann wird es eigentlich langsam mal Zeit. Ich will den Spielern nicht zu nahe treten, aber glauben Sie mir: Wenn man einmal unten ist, lässt sich viel leichter ein neuer Anlauf wagen.

ZEIT: Das sagen Sie so leicht.

Messner: Das weiß ich doch aus meiner Erfahrung!

ZEIT: Was verbinden Sie eigentlich mit dem HSV?

Messner: Die Zeiten, in denen Günter Netzer der Manager des Vereins war. Das war in den Achtzigern, der HSV gewann sogar den Europapokal der Landesmeister, das ist lange her. Netzer ist auch schon ein älterer Mann, und anscheinend hat er es nicht geschafft, den jungen Spielern sein Feuer mitzugeben.

ZEIT: Das klingt deprimierend. Haben Sie nicht noch etwas Aufmunterndes zum Schluss?

Messner: Es macht die Situation der Mannschaft doch wahnsinnig spannend, wenn sie gegen den Abstieg kämpft. Wenn sie mit sich ringt, wenn die Fans um sie bangen, wenn sie es am Ende noch schafft. Viel schlimmer wäre Langeweile.