Russlands Krieg gegen den Westen hat begonnen. Niemand möchte es wahrhaben, weder in Russland noch im Westen, doch es ist bereits ein anderes Land. Wo kam das plötzlich her – dieser primitive Militarismus, diese Rückständigkeit, dieser Obskurantismus? Die Frage stellen wir uns jeden Tag. Wahrscheinlich fragt sich das auch Europa.

Ich betrachte die Gesichter auf der Straße. Mit diesen Menschen ging ich in den Neunzigern auf Kundgebungen, wir waren Hunderttausende. Wir riefen: "Freiheit! Freiheit!" Was ist mit ihnen geschehen? Jetzt rufen sie: "Putin! Putin!" Meine Freunde sind verwirrt, alle lesen Bücher über die Entstehung des Faschismus in Deutschland und in Italien. Über den Beginn der Revolution von 1917. Wir treiben ins Ungewisse. Wohin? Die russische Intelligenzija ist zu einer kleinen Insel in der Finsternis geworden und findet keine Antwort auf die Frage: Warum hat das Volk seine Freiheit so leicht wieder hergegeben?

Ende Februar wurde an der Kremlmauer, ganz in der Nähe des Roten Platzes, wo jeder Schritt ständig mit Videokameras überwacht und von der Polizei kontrolliert wird, der wichtigste russische Oppositionelle, Boris Nemzow, ermordet. Zusammen mit seiner Freundin kam er aus einem Restaurant. Er wurde durch Pistolenschüsse in den Rücken getötet. Mit sechs Kugeln, eine davon traf sein Herz. Einen so spektakulären politischen Mord hat es in Russland seit hundert Jahren nicht mehr gegeben.

Zwei Tage darauf sollte in Moskau ein Frühjahrsmarsch der Opposition stattfinden. Nemzow hatte eine Rede angekündigt: "Putin und der Krieg". Über das Thema hatte er nicht laut gesprochen, weil er fürchtete, abgehört zu werden, den Inhalt seiner Rede hatte er mit Gleichgesinnten nur auf Zettel geschrieben, die sie anschließend vernichteten. Das Erste, was das FSB bei der Hausdurchsuchung nach der Ermordung des Oppositionellen beschlagnahmte, waren sämtliche Materialien zu dieser Rede.

Zu diesem Mord kursieren Dutzende Hypothesen. Es gibt viele Vermutungen, aber niemand hegt Zweifel an einer geheimdienstlichen Aktion. Wie bei der Ermordung von Alexander Litwinenko und von Anna Politkowskaja. Egal, welche Lösung die Ermittler am Ende präsentieren werden, niemand wird ihnen glauben.

Russland ist in den letzten anderthalb Jahren ein anderes Land geworden, das sich auf eine Diktatur und einen Bürgerkrieg zubewegt. Putin-Bilder und -Büsten werden in Massen produziert und von vielen gekauft. Nicht selten sieht man auf den Moskauer Straßen Autos mit einem Aufkleber: "Scheiß-Obama". Vor Kurzem richtete sich der Hass gegen die Oligarchen, dann gegen Migranten, gegen Schwule, nun wird Amerika gehasst. Bei Marschübungen auf Appellplätzen singen Soldaten "Wir ziehen gen Kiew".

Ich bin ein Mensch der neunziger Jahre. Ich gehöre zur Gorbatschow-Generation. 25 Jahre lang lebten wir mit der Hoffnung, Russland würde ein besseres Land werden, doch das ist nicht geschehen. Russland lebt in einem Revanchismus-Wahn. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergab: Wenn Putin jetzt erneut bei Präsidentschaftswahlen kandidierte, bekäme er 80 Prozent. Russland ist Putin, ohne Putin kein Russland. Das glauben viele. Alle besinnen sich darauf, dass wir Menschen des Krieges sind, weil wir nie etwas anderes kannten. Immer haben wir entweder in einem Krieg gekämpft oder uns auf einen Krieg vorbereitet. Bei uns herrscht ein Kult des Krieges.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

In einem Bericht des Kriegsministers Kuropatkin an den Zaren Nikolai II. hieß es: "Eure Kaiserliche Hoheit! Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts führte Russland 128 Jahre lang Krieg, nur 72 Jahre herrschte Frieden. Von den 128 Kriegen waren lediglich 5 Verteidigungskriege, die übrigen waren Eroberungsfeldzüge." Nicht besser war das 20. Jahrhundert: Der russische Mensch ist an das friedliche Leben nicht gewöhnt. Er lebte immer im Krieg, für den Staat, nie für sich selbst. Er hat ein besonderes Verhältnis zum Tod.

Auf Veranlassung des Kremls entstand das militante Video "Ich bin ein russischer Besatzer". Innerhalb weniger Monate sahen es im Internet drei Millionen Menschen. Es gab Hunderte begeisterte Kommentare: "Wir haben Sibirien erobert, und nun besitzen wir Öl und Gas." – "Wir haben die Ukraine, das Baltikum und Kasachstan erobert und waren das größte Land der Welt."

Ein Land des Krieges, eine Psychologie des Krieges

Indessen wird in Tomsk und in anderen Städten samstags und an Feiertagen an Rentner kostenlos Weißbrot ausgegeben. Es werden bereits Lebensmittelkarten gedruckt. An den Schwächsten wird gespart, um Geld für den Krieg auszugeben. Und meinen Sie, jemand ginge auf die Straße, um zu protestieren? Nein. Ich höre um mich herum ständig: "Dafür gehört die Krim uns. Das müssen wir ertragen."

Wenn aus dem Donbass Särge kommen, die Toten heimlich in namenlosen Gräbern beerdigt werden: "Das müssen wir ertragen. Wir müssen schweigen. Im Donbass kämpfen keine Russen. Wenn es für die heilige Sache nötig ist, werden wir alle lügen, das ganze Land." Und es wird gelogen. Die Lüge ist zum Ritual geworden. Kaum jemand sagt die Wahrheit. Nur Einzelne. Wie der Panzersoldat mit den schweren Verbrennungen, dessen Foto ich im Internet gesehen habe: "Dort kämpfen Leute, die Hypotheken oder Kredite aufgenommen haben. Für Geld. Auch Leute mit Vorstrafen. Na, und die Propaganda hat natürlich auch ihre Wirkung. Ich habe geglaubt, dass wir gegen Faschisten kämpfen würden. Wir haben uns die Schulterstücke abgerissen und die Nummernschilder an den Autos übermalt. Putin ist schlau: ›Es gibt keine russischen Truppen in der Ukraine‹, und zu uns sagt er: ›Los! Los! Schneller!‹ "

Ein Land des Krieges, eine Psychologie des Krieges. In der Gesellschaft herrscht unglaubliches Misstrauen. Alle jagen Spione. Wurden früher nur Wissenschaftler als Spione verdächtigt, so kann es heute jeder sein: Matrosen, Hausfrauen ... Vor Kurzem wurde Swetlana Dawidowa aus Wjasma verhaftet, eine Mutter von sieben Kindern. Sie sollte wegen Staatsverrats vor Gericht gestellt werden, darauf stehen zwischen 10 und 15 Jahren Strafkolonie. Ihr Verbrechen: Sie hat in der ukrainischen Botschaft angerufen und berichtet, dass Truppenteile aus Wjasma in den Donbass fahren, sie hatte Offiziere darüber sprechen gehört. Woher wusste man von Dawidowas Anruf in der Botschaft? Die Nachbarn hatten sie denunziert. Schließlich herrscht Krieg.

Sämtliche zivilgesellschaftlichen Organisationen, sogar Freiwillige, gelten als ausländische Agenten, wenn sie von Fonds im Westen unterstützt werden. Wozu braucht das Land eine Liste ausländischer Agenten? Um die einen Bürger gegen die anderen aufzuhetzen.Was ist das anderes als Bürgerkrieg?

In der Staatsduma denken die Abgeordneten ernsthaft darüber nach, den Besitz von Dollar und das Erlernen von Fremdsprachen zu verbieten, weil so viele junge Menschen ins Ausland gehen ... Bald wird es gefährlich sein, mit Ausländern zu reden. Ein kürzlich beschlossenes Gesetz verbietet die Ausgabe von Führerscheinen an Schwule und Transsexuelle.

Menschen werden wegen eines Selfies entlassen, wegen eines Tweets unter Hausarrest gestellt, wegen eines Likes werden Wohnungen durchsucht.

Das Land feierte gerade den 70. Jahrestag des Sieges. Und in russischen Städten werden offen Freiwillige für den Krieg in der Ukraine geworben. Das ist unser Lebensmilieu – der Krieg. Die einzige Welt, in der wir zu Hause sind. Das können wir, das kennen wir. Müssen wir uns noch wundern, dass ein Oppositioneller auf dem Roten Platz erschossen wird? Dass Gorbatschow vor Gericht gestellt werden soll? Und dennoch: Zur größten Militärparade in Russlands Geschichte mit mehr als 16.000 Soldaten am 9. Mai reisten zahlreiche Staats- und Regierungschefs nach Moskau, unter ihnen Alexis Tsipras und Xi Jinping.

Aus dem Russischen von GANNA-MARIA BRAUNGARDT