Diese Geschichte beginnt so, wie die meisten anderen enden: mit einem Abschied. Es ist der Sommer des Jahres 1990, die DDR stirbt. Die historische Wahrheit verschiebt sich, Altes verschwindet, wird verschwiegen oder vertuscht. Für mehr als 16 Millionen Menschen beginnt ein neues, unbekanntes Leben.

In Zwickau steht damals eine Studentin kurz vor dem Abschluss, sie ist Mitte 20 und möchte Lehrerin werden. 25 Jahre später, im Sommer 2015, wird diese ehemalige Studentin auf der Anklagebank des Amtsgerichts Kiel sitzen, denn auch sie soll Altes weggewischt, sich einen neuen Lebenslauf gebastelt haben: mit einem manipulierten Lehrerdiplom, falschen Staatsexamina und einem erfundenen Doktortitel. Ihre akademische Vita: gefälscht. Einige Fälschungen sind offensichtlich, andere völlig absurd. Doch diese Frau narrt ein ganzes System, sie nutzt seine Schwächen aus. Und profitiert von den Wirren der Wiedervereinigung.

1. Akt: Pädagogische Hochschule Ernst Schneller, Zwickau, 1990

Daniela Dehm (Name geändert) ist aus ihrer Heimatstadt an der Ostsee nach Zwickau gezogen. Zu Hause hatte sie sich zur Krankenschwester ausbilden lassen, ihr Abschlusszeugnis aus dem Jahr 1984 bescheinigt: Gesamtprädikat "befriedigend". Einige Zweien, wenige Einsen, das Fach "Grundlagen des Marxismus-Leninismus" bestand sie mit "sehr gut". Nun ist sie an der Pädagogischen Hochschule Zwickau für das Lehramtsstudium eingeschrieben, Fächerkombination Deutsch und Staatsbürgerkunde.

Doch im Jahr ihrer Diplomvergabe, im Sommer 1990, ist die DDR fast abgewickelt. Am 1. Juli wird die D-Mark eingeführt, Staatsbürgerkunde fliegt aus den Lehrplänen. Niemand braucht Staatsbürgerkunde-Lehrer im wiedervereinigten Deutschland, niemand braucht Daniela Dehm, als sie am 13. Juli 1990 ihr DDR-Diplom erhält. In einer frühen, unvollständigen Version ihrer späteren Personalakte, die der ZEIT vorliegt, findet sich dieses Diplomzeugnis. Das Fach Staatsbürgerkunde allerdings hat Daniela Dehm laut dem Zeugnis nie belegt. Stattdessen erhält sie die "Lehrbefähigung zur Erteilung des Fachunterrichts in Deutsche Sprache und Literatur/Gesellschaftskunde". Gesamtprädikat des Hochschulabschlusses: "sehr gut". Außerdem mit "sehr gut" bestanden: Russisch, Englisch, Französisch, das große Latinum und Informatik. Für ihre Diplomarbeit "Zur Entwicklung der Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus im Untersuchungszeitraum von 1945 bis Ende der fünfziger Jahre" bekommt sie das Prädikat "gut".

Daniela Dehm soll, so lautet einer der Vorwürfe, ihr DDR-Zeugnis gefälscht, das Fach Staatsbürgerkunde durch Gesellschaftskunde ersetzt haben. Auch soll sie bei den Noten nachgebessert haben. Und dass es damals in Zwickau überhaupt möglich gewesen sein soll, das große Latinum abzulegen, ist unwahrscheinlich. Als diplomierte Lehrerin mit Bestnoten in ideologisch unbelasteten Fächern verlässt Daniela Dehm Zwickau und zieht gen Norden, in ein Land, das nun bald zur Bundesrepublik gehört.

2. Akt: Runge-Gymnasium, Wolgast, Mecklenburg-Vorpommern, 1991 bis 1995

Im ersten Jahr nach ihrem Studium soll Daniela Dehm an einer polytechnischen Oberschule gearbeitet haben. Es ist eine Zeit des bildungspolitischen Wirrwarrs, das sozialistische Schulsystem wird abgeschafft, Lehrerkollegien werden aufgelöst. Von April 1991 an heißen die alten Erweiterten Oberschulen der DDR Gymnasium. Jeder Lehrer muss sich neu bewerben. Daniela Dehm bewirbt sich als Sozialkundelehrerin am Gymnasium Wolgast.

Karin Koltermann ist die einstige Schulleiterin des Gymnasiums in Wolgast, heute 71 Jahre alt, seit Jahren nicht mehr im Dienst, doch an Daniela Dehm erinnert sie sich sehr genau: Damals sei ohnehin schon "richtig Tohuwabohu" gewesen, erzählt sie, "und dann ruft mich die Frau am Freitag vor Schulbeginn an und sagt, sie könne nicht kommen, denn sie hätte noch 14 Tage Urlaub, und den würde sie in Portugal verbringen". Am Dienstag, einen Tag zu spät, erscheint Daniela Dehm dann doch.

Im August 1991 ist das Gymnasium in Wolgast eine einzige Baustelle. Es gibt keine Tische, keine Stühle, die Treppe ist herausgerissen. Drinnen arbeiten zig verschiedene Handwerksbetriebe: In den Sommerferien soll die DDR-Vergangenheit wegsaniert werden. Das Kollegium ist völlig neu zusammengesetzt; zu Beginn des neuen Schuljahres gibt es lediglich eine Liste mit den Lehrernamen, daneben stehen die Fächerkombinationen. Fünf Jahre lang unterrichtet Dehm Sozialkunde in Wolgast, als eine von wenigen Kollegen, denn viele hatten in der DDR Staatsbürgerkunde gelehrt und dürfen nicht mehr unterrichten. Sie unternimmt Schulfahrten nach Brüssel und Straßburg, nach Maastricht und auf die Hardthöhe nach Bonn. Sie vergibt gute Noten; unter den Schülern spricht sich schnell herum, dass der Unterricht nicht schwierig sei. "Die Schüler waren begeistert, plötzlich haben alle Sozialkunde gewählt", erinnert sich Karin Koltermann.

Am 7. Juni 1995 finden in Wolgast die mündlichen Abiturprüfungen erstmals auch im Fach Sozialkunde statt. Eigentlich sollten die Prüfungsfragen vorher Karin Koltermann vorgelegt werden, der Schulleiterin. Doch Daniela Dehm lässt alle Termine verstreichen, stattdessen legt sie am Prüfungstag einen Brief vor, "aus dem zu ersehen war, dass der Fachlehrer nicht verpflichtet wäre, die Aufgaben dem Vorsitzenden vorzulegen, weil nur der Prüfer selbst die richtigen Aufgaben auswählen könne". So steht es in einem Protokoll an die Schulaufsicht, das der ZEIT vorliegt. Der Zuständige im Kultusministerium in Schwerin, der diese Erklärung angeblich ausgestellt hatte, befand sich zu diesem Zeitpunkt jedoch im Pfingsturlaub. Der Brief ist eine Fälschung. Für die Schüler verlaufen die mündlichen Abi-Prüfungen katastrophal; es hagelt Vieren und Fünfen, denn Daniela Dehm hatte jedem von ihnen zwei konkrete Themenbereiche zugeteilt, geprüft wird indes das gesamte Fachwissen. "Ich hatte ein ganz ungutes Gefühl", erinnert sich Karin Koltermann. "Das war nur mein Bauchgefühl, nichts weiter. Aber es war ein ganz ungutes Gefühl." Sie fährt ins Schulamt nach Anklam und bittet um Einsicht in die Personalakte von Daniela Dehm.