DIE ZEIT: Herr Schmid, haben Sie eine Droge, um Ihre Kreativität zu steigern?

Wilhelm Schmid: Einige! Die erste ist Espresso. Er setzt Serotonin frei, das aktiviert die Synapsen zwischen den Neuronen: So entstehen interessante Gedanken. Bei der anderen Droge zögere ich, aber Sie wollen ja die Wahrheit: Sex ist für mich Inspiration ersten Ranges. Außerdem: Sauna.

ZEIT: Sauna?!

Schmid: Ja. Erst sitzt man in der Gluthitze, dann geht man in die Eiseskälte. Das regt den Kreislauf an, Körper und Seele fühlen sich hinterher vollkommen wohl. Da sprießen die Gedanken.

ZEIT: Ihre Bestseller über Liebe, Glück, Gelassenheit kommen also aus der Sauna?

Schmid: Ich denke nicht gezielt nach, sondern "Es" denkt. Das ist viel kreativer.

ZEIT: Worin besteht der Unterschied zwischen Kreativität und Inspiration?

Schmid: Kreativität ist zunächst nur ein Zustand, Offenheit für das Erstaunliche und Überraschende. Inspiration ist ein Geschehen. Etwas fährt in mich.

ZEIT: Und wie ist das nun beim Sex? Ihre Thesen zu Platon oder Michel Foucault entstehen, Pardon: im Bett? Empfehlen Sie uns Lust statt Lektüre?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Schmid: Wenn es guter Sex ist, natürlich. Sex setzt Hormone frei. Von Neurobiologen weiß ich: Das berühmte Serotonin, das vielleicht der Heilige Geist von heute ist, regt das Denken an und lässt uns neue Zusammenhänge sehen. Oxytocin, das Bindungshormon, schlägt durch in Gefühlen wie Geborgenheit. Bei meiner Arbeit erlebe ich das so: Im Manuskript gehen die Thesen noch kunterbunt durcheinander. Aber nach einer erotischen Begegnung ist mir plötzlich klar, was ich sagen will. Ich empfange eine Inspiration.

ZEIT: Goethe sagt: "In einem Augenblick gewährt die Liebe, was Mühe kaum in langer Zeit erreicht."

Schmid: Es gibt natürlich auch die seelische und die geistige Ebene der Liebe. Wir suchen nach Beziehungen, von denen wir im Denken und Fühlen berührt werden. Liebe setzt schöpferische Kräfte frei. Wenn der Körper dominiert, erholt sich der Kopf.

ZEIT: Was ist das für ein "Ich", so ganz ohne Kopf?

Schmid: Ich unterscheide das gern, indem ich sage: Entweder "Ich" denke oder "Es" denkt. Wenn "Ich" denke, denke ich gezielt über etwas nach. Bis zu einem Punkt ist das ergiebig. Aber noch viel ergiebiger ist, wenn ich den Gegenstand meines Nachdenkens in den Hintergrund rücke und "Es" denken lasse. Für uns Philosophen ist das bedeutsam, denn in der Philosophiegeschichte kam es immer auf das "Ich" an. Cogito, ergo sum: Ich denke, also bin ich.

ZEIT: Der Satz von Descartes ist bis heute populär.

Schmid: Meine Erfahrung ist aber eine andere. Wenn der Kopf zu stark beteiligt ist, also das bewusste "Ich", wird das nichts. Schalte ich aber den Kopf aus, kann sich Sinnlichkeit entfalten.

ZEIT: Sie haben gesagt: "Der Gipfel des sinnlichen Sinns ist die Erotik." Nach diesem Sinn zu suchen mache kreativ. Hat Descartes das nicht gewusst?

Schmid: Die Menschen haben das immer gewusst, nicht aber die Philosophen. Sie haben mit Sexualität und Sinnlichkeit schwer gekämpft. Das beginnt schon bei Platon. Im 18. Jahrhundert, in der Aufklärung, gab es zwar philosophische Bestrebungen, die Sinnlichkeit in ihr Recht zu setzen, auch Nietzsche machte den Versuch, aber so richtig durchgedrungen ist das nie.

ZEIT: Pech für die Philosophen?

Schmid: Ich will die kognitive Seite der Philosophie nicht abwerten, ich will sie nur ergänzen um die sinnlichen Seiten. Denn durch sie erfahren wir Sinn. Er entsteht dort, wo Zusammenhang ist. Unsere Sinne verbinden uns mit der Welt. Wir sehen, hören, riechen, schmecken und betasten sie. Wir bewegen uns in ihr und spüren sie in uns. Die Erotik ist das einzige Geschehen, bei dem alle sieben Sinne in voller Aktion sind.

ZEIT: Leben wir heute eigentlich in besonders erotischen, also kreativen Zeiten?

Schmid: Kreativität ist eine heilige Kuh unserer Zeit. Denn sie erschließt Möglichkeiten. Die erlauben uns, eine Wirklichkeit hinter uns zu lassen und eine neue ins Auge zu fassen. Das heißt im Privaten: Wir erträumen neue Beziehungen und lassen lästig gewordene hinter uns. In der Wirtschaft: Wir wollen neue Produkte erfinden und müssen daher Ideen kreieren. Kreativität ist heute das am meisten gesuchte Gut. Die Sehnsucht danach begann aber schon in der Zeit der Romantik, vor zweihundert Jahren.

ZEIT: Allerdings wollten die Romantiker nicht Ideen generieren, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Schmid: Für mich ist nicht entscheidend, ob ein Kreativer höhere Absichten verfolgt oder nur ein neues Produkt bewerben will. Ich betrachte die Kreativität als Erschließen von Sinn. Wenn wir uns verlieben, stellt keiner mehr die Frage nach dem Sinn. Dafür gibt es nur einen Grund: In diesem Moment haben wir den Sinn des Lebens erfasst. Gegenprobe: Was geschieht, wenn ich verlassen werde? Dann frage ich nach dem Sinn. Ich bin mir dann sogar sehr sicher, dass das Leben gar keinen Sinn hat. Verliebte hingegen fühlen sich erfüllt – nicht nur von Sinn, sondern auch von Energie. Liebe schenkt Sinn. Und diese Erfahrung schafft einen Zustand voller Kreativität.