Machen uns soziale Netzwerke glücklich? © Phil Noble

Jeden Morgen, wenn Daniel Miller in London ist, setzt er sich in die U-Bahn und fährt in die Schule. Daniel Miller ist 60, hat graue Haare und einen grauen Bart. Er besucht den Unterricht, steht mit den Schülern auf dem Pausenhof, geht mit ihnen nach Hause. Er lebt mit ihnen. Und ihren Smartphones. Twitter, WhatsApp, Snapchat, Instagram, Facebook: Welche App verwenden sie, wenn sie ihrer besten Freundin schreiben? Wie schicken sie ihren Eltern ein Foto? Wie verabreden sie sich mit ihren Kumpeln?

Daniel Miller ist Anthropologe. Er arbeitet als Professor am University College London. Dort hat er das weltweit erste Programm für digitale Anthropologie entwickelt. Er will wissen, wie Soziale Medien Beziehungen strukturieren, wie sie ein Miteinander formen, es begründen – oder zerstören. Wie Menschen digital Intimität leben. Was Soziale Medien mit Menschen machen. Und was Menschen mit Sozialen Medien machen.

Facebook, sagt Daniel Miller, sei für die Jugendlichen tot und begraben. Das war das Erste, was er an der Schule lernte. Früher hätten Eltern Angst um ihre facebooksüchtigen Kindern gehabt. Heute sind es die Eltern, die wollen, dass ihre Kinder auf Facebook sind und dort posten, damit sie mit ihnen in Verbindung bleiben. "Als Mütter anfingen, Freundschaftsanfragen zu schicken, flüchteten die Jugendlichen von Facebook", sagt Miller. Sie weichen aus, auch wenn sie wissen, dass es keine bessere Plattform als Facebook gibt, um Fotoalben hochzuladen, Partys zu organisieren, Beziehungen zu beobachten.

Daniel Miller empfängt in seinem Reihenhaus, einem grauen Giebelbau im jüdischen Viertel, ganz am Ende einer ruhigen Seitenstraße. Im Flur steht eine Postkarte mit weißem f auf blauem Grund, dem Facebook-Emblem, die ihm sein Sohn vor ein paar Jahren zum Geburtstag gebastelt hat. Im Büro gleich neben der Tür arbeiten Handwerker. Daniel Miller bekommt eine neue Internetverbindung. Eine schnellere. Ohne die, sagt er, könne er sein Projekt gar nicht mehr bewältigen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Sein Projekt: Das sind die Schüler aus London, deren Verhalten er mit dem Jugendlicher auf Trinidad vergleicht, einer kleinen Insel in der Karibik, auf der Miller seit Ende der Achtziger forscht. Sein Projekt, das ist aber noch viel mehr. Miller will eine globale Kartografie von Sozialen Medien zeichnen. Deshalb hat er das größte Social-Media-Projekt der Welt gegründet: Acht Anthropologen forschen gleichzeitig in acht Ländern. England, Trinidad, Türkei, Brasilien, Chile, Italien, Indien, China. Fünf Jahre lang beobachten, begleiten, analysieren, interpretieren sie Menschen und ihre Sozialen Medien. Global Social Media Impact Study, eine globale Studie zum Einfluss der Sozialen Medien. Finanziert vom Europäischen Forschungsrat, dem wissenschaftlichen Förderprogramm der Europäischen Kommission. 2012 haben sie begonnen, 2017 werden sie fertig sein.

Daniel Miller hat das Projekt entwickelt. Er leitet es. Sein Haus im Londoner Norden ist die Zentrale. Am frühen Morgen hat er via Skype mit seinem Kollegen auf Trinidad über eine kleine Teilstudie des großen Projekts gesprochen, an der sie gerade sitzen: Wie unterscheiden sich die Posts von Jugendlichen auf Trinidad und in England? Jetzt geht Daniel Miller durch sein Wohnzimmer und sagt: "Was mich in meinem Leben immer am meisten fasziniert hat, sind Beziehungen." Er bleibt vor zwei Sesseln stehen: "Die gehörten meiner Großmutter, viktorianischer Stil, Erbstücke." Er bittet an den Tisch und sagt: "Der Tisch und die roten Samtstühle sind von meiner Schwiegermutter." Er zeigt an die Wand, ein Gemälde von nackten Frauenkörpern auf blauem Grund: "Die hat meine Tochter gemalt." Er nimmt einen Kamm aus Holz von der Wand: "Da haben Einwohner von den Salomonen meinen Namen eingeritzt." Seine Wohnung ist eingerichtet in Beziehungen, so sieht er das.

Daniel Miller wuchs in London auf, linkes Bildungsbürgertum. Er studierte in Cambridge, machte 1983 seinen Doktor in Anthropologie und begann über die Soziologie der Dinge zu forschen. Die Bluejeans: Viele Zuwanderer im Londoner Norden tragen sie, um dazuzugehören, als Zeichen der Normalität. Sie sind vereinendes Symbol des Gewöhnlichen in einer multikulturellen Welt. Der tägliche Einkauf: Konsum manipuliert oder entfremdet nicht, im Gegenteil, während des Einkaufens denken Menschen häufig an ihre Familie oder Freunde, für die sie etwas besorgen, ein Akt der sozialen Wärme. Die Einrichtung der eigenen Wohnung: Wer eine gute Beziehung zu Gegenständen hat, hat sie auch zu Menschen. Dinge stehen nicht zwischen Menschen, sie verbinden sie.

Über eineinhalb Jahre hinweg besuchte Miller Bewohner einer Straße im Londoner Süden. Ein Mann, allein, im Ruhestand, lebte im Nichts: keine Fotos, keine Bücher, keine Blumen, kein Besuch. Er war von seinen Eltern tyrannisiert worden, kam ins Heim, zog dann in diese Straße. Ein Ehepaar gegenüber lebte im Überfluss. Zu Weihnachten dekorierte es den Baum mit 800 Erinnerungsstücken, Lametta überall. Die fünf Kinder und zehn Enkel aßen Pute, Schinken und 81 selbst gemachte Mince-Pies.

In einer Zeit, in der die Leitkultur des Silicon Valley riesige Datensätze zum Rohöl des 21. Jahrhunderts erklärt hat, in der Korrelationen relevanter sind als Kausalitäten, in der Big Data als Zukunftsvorhersager, als Maschinengott gefeiert wird, setzt Miller auf radikale Reduktion. Individuum statt Masse, Qualität statt Quantität: Der Einzelfall ist Daniel Millers Ausgangspunkt.

Miller wählt aus, um menschliches Handeln zu verstehen. Verstehen, sagt er, sei sein wichtigstes Wort, weil es menschliche Empathie in sich trage. Ohne Vor-Urteile, ohne Hypothesen ins Feld gehen. Menschen Vertrauen schenken, damit sie vertrauen. Mitleben, um zu erleben. Es sind die Regeln der qualitativen Sozialforschung, mit denen Daniel Miller Gewöhnlichkeit und Gewohnheiten erforscht und mehr über unsere Welt aussagt als die Analyse Millionen anonymer Datensätze.

Das Leben wird durch Technik vermittelt

2011 hat Miller das klügste Buch geschrieben, das es über Facebook gibt – weil es kein Buch über Facebook ist, sondern ein Buch, das von Beziehungen erzählt, die auf Facebook aufgebaut, zerstört, kultiviert werden. Monatelang begleitete er für Das wilde Netzwerk sieben Menschen aus Trinidad und schrieb ihre Geschichten auf.

Die Ehe eines jungen Mannes zerbricht, weil Facebook seine Flirts mit anderen Frauen sichtbar macht.

Eine junge Frau empfindet ihr Facebook-Profil als wahres Abbild ihres Ichs.

Ein Außenseiter in der Schule integriert sich über das Facebook-Spiel Farmville in seine Klasse.

Eine Schülerin entzieht sich über Facebook der klaustrophoben Dorfgemeinschaft.

Ein ehemaliger Menschenrechtsanwalt, der im Rollstuhl sitzt, diskutiert über Facebook mit neuen Freunden von allen Kontinenten über Weltpolitik.

Eine junge Frau kuratiert ihr Image auf Facebook wie eine Künstlerin und schützt durch eine Unmenge von Posts ihre Privatsphäre.

Auf Facebook zu agieren, schreibt Daniel Miller, sei wie eine permanente Performance, wie ein Beziehungsspiel vor Publikum. Erst gab es das Drama im Theater, dann die Seifenoper und Reality TV, jetzt Facebook: Die mediale Beobachtbarkeit ist im Privatleben angekommen.

Das Leben wird durch Technik vermittelt. Miller kann daran nichts Schlechtes finden. Jedes persönliche und direkte Gespräch sei mediatisiert, es folge impliziten Regeln und Konventionen. Nur seien sie so tief in den Habitus eingelassen, dass niemand sie mehr als Regeln und Konventionen wahrnehme.

Technik entfremdet, macht einsam, verstört, steht zwischen Individuen. Miller hasst diese Sätze. "Menschen sind durch digitale Technologien nicht einen Deut stärker mediatisiert", sagt er. Ein koreanischer Computerspieler sei nicht mehr und nicht weniger authentisch als ein Stammespriester in Ostafrika. "Kultur ist doch immer vermittelt!" Deshalb kann er Autoren wie die amerikanische Soziologin Sherry Turkle nicht verstehen, die eine Vergangenheit ohne Internet und Soziale Medien verklärt. Die Menschen in den Ländern, in denen er arbeite, suchten verzweifelt nach Wegen, aus der Vergangenheit herauszukommen, sagt er. "Technik macht sie glücklich!"

Trinidad ist eine Auswandererinsel. Nach einem Ölboom Anfang der Neunziger stürzte das Land ab. Viele, die keinen Job mehr fanden, zogen in die USA, nach England. Familien leben auf unterschiedlichen Kontinenten. Kostenlos übers Internet telefonieren zu können, war für sie ein Segen. Miller hat darüber ein Buch geschrieben, Webcam, das letztes Jahr auf Englisch erschien.

Wahrheit, Performance, Intimität, Heimat: Die Webcam ist, ähnlich wie Facebook, in die Tiefenstruktur des Alltagslebens der Menschen eingelassen, die Miller begleitet. Einer von ihnen, Colin aus einem kleinen Dorf auf Trinidad, sitzt immer vor zwei Bildschirmen, wenn er skypt. Auf einem sieht er den anderen, auf dem anderen sich selbst. Meist mit freiem Oberkörper. Er findet es völlig in Ordnung, wenn Frauen, mit denen er spricht, ihre Kamera erst anschalten, wenn sie geschminkt sind. Telefonieren, sagt Colin, sei endlich bei sich selbst angekommen, endlich sehe man ein Gegenüber.

Skype ist auf Trinidad so erfolgreich, weil es den performativen Charakter eines Gesprächs perfektioniert. Sich beim Sprechen zu beobachten, den permanenten Blick in den Spiegel, das haben sich Menschen wie Colin schon immer gewünscht. Für sie ist Technik kein Hindernis, Technik ermöglicht erst die bestmögliche Sprechsituation.

Die Evolution der Webcam bleibt aber nicht beim Gespräch stehen. Technik mutiert, indem ihr ursprünglicher Zweck umgedeutet wird. Jahrelang haben Chelsea und Avi, ein Paar aus Trinidad, das Miller begleitete, in einer Fernbeziehung gelebt. Avi war in den USA, an der Universität. Irgendwann haben sie die Webcam nicht mehr ausgestellt, sie wurde zum Fenster in die Lebenswelt des anderen. Sie kochten zur selben Zeit, aßen zur selben Zeit, sie ließen die Kamera laufen, wenn sie sich umzogen, wenn sie einschliefen. Die Kamera blieb immer an. Intensive Gespräche empfinden sie als intim, die intimsten Momente aber sind die, in denen sie den anderen nicht mehr bewusst wahrnehmen, seine Präsenz als völlige Normalität empfinden.

Die Webcam wird zu einem eigenen Ort, der Unzusammenhängendes zusammenschiebt. Zur Heimat für Getrennte.

Miller will diese Dynamik global verstehen. Deshalb suchte er für die seine große Social-Media-Studie einen Mitarbeiter für Chinas Fabrikhallen. 130 Millionen Arbeiter sind in den vergangenen Jahren vom Land in die Städte gezogen, vielleicht die größte Völkermigration in der Geschichte der Welt. Die Forscherin Xin Yuan Wang lebt mit einigen von ihnen in einer der frisch hochgezogenen Betonstädte bei Shanghai. Sie hat ein kleines Zimmer, teilt sich das Plumpsklo, Ratten leben in der Kanalisation. Täglich geht sie in die Fabrik.

Viele der Arbeiter hätten zuvor in einer berühmten Keramikfabrik getöpfert, schreibt Wang in einem Blog, in dem die Anthropologen alle paar Wochen von ihren Erlebnissen erzählen. Jetzt fahren sie Gabelstapler. Die Arbeit hat weniger Prestige, aber in den Gesprächen, die Wang führt, sagen alle, sie seien glücklicher. Sie freuen sich über die kleinen Pausen, die sie zwischen den Fahrten haben. In jeder freien Minute surfen sie mit ihren Smartphones durch das chinesische Soziale Netzwerk QQ, spielen, lesen Posts von Freunden, schreiben Nachrichten.

Als sie die Arbeiter kennenlernte, schreibt die Anthropologin Wang, habe sie vermutet, sie seien vor der Armut geflohen und würden sich vor allem mit ihrer Familie und ihren Freunden zu Hause schreiben. Natürlich gibt es das auch. Die meisten aber sind migriert, weil sie etwas anderes erleben wollten. Sie mussten nicht raus, sie wollten. Sie chatten über Soziale Netzwerke auch mehr mit neuen Freunden, die in derselben Stadt wohnen, weniger mit ihrer Familie.

Daniel Miller schreibt in Webcam, dass die Menschen auf Trinidad Soziale Medien vor allem nutzen, um mit ihren Verwandten und Freunden in Kontakt zu bleiben, die nicht vor Ort leben. In China erlebt Xin Yuan Wang das Gegenteil. Daniel Miller freut das. Es rege ihn auf, sagt er, wenn Wissenschaftler eine Studie über Freundschaft auf Facebook mit 300 amerikanischen Collegeschülern machten und die Ergebnisse auf japanische Hausfrauen übertrügen.

Miller will vergleichen können, ohne kulturelle Eigenheiten einzuebnen. Deshalb muss seine Studie global angelegt sein. Seine Mitarbeiter leben an Orten, die eigentlich niemanden interessieren, weil sie zu normal sind. Sie leben in einem türkischen Dorf, einer Einwandererstadt im Norden Chiles, einem Zentrum für IT-Arbeiter in Indien, einer kleinen Touristenstadt an der brasilianischen Küste.

Erste Ergebnisse gibt es schon. Posten Jugendliche in England und auf Trinidad ähnliche Dinge? Bis auf Fotos von Babys, die Mütter nach der Geburt ins Netz stellen, gibt es kaum Gemeinsamkeiten. Engländer machen sich über sich selbst lustig. Der typisch britische Post: "Was für ein verdammter Idiot ich bin! Ich treff mich gleich mit meinem Chef und habe mir Ketchup übers weiße Hemd gekippt." Auf Trinidad unmöglich. Posts sind häufig religiöse Sinnsprüche. "Soziale Medien sind eben immer eine lokale Erfindung", sagt Miller.

Darin zeigt sich der wahrhaft humanistische Kern seines Projekts: Der Anthropologe Daniel Miller sieht den Menschen nicht als Opfer seiner Technik an, nicht als unmündigen User, als Spielball der Großkonzerne. Denn Technik kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie jedem Individuum an jedem Ort zu jeder Zeit nutzt. Und wenn der Mensch sie so nutzen kann, wie er es will.

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