Es gibt so viele hässliche Dinge in der Welt", sagt Maja Hoffmann, Erbin des Pharmakonzerns Roche und eine der größten Kunstmäzeninnen der Schweiz. "Dagegen muss man etwas unternehmen." Ihr neuester Vorstoß ist die Unterstützung von What Could Happen, einem dreitägigen Happening der französischen Künstler François Roche, Camille Lacadée und Pierre Huyghe in den Bergen von St. Moritz, organisiert vom Kunstvermittler Giorgio Pace.

Wir stehen im Kaminzimmer der Villa Meridiana von Urs und Francesca Schwarzenbach, hoch über dem St. Moritzer See, anlässlich eines Essens zu Ehren der Künstler. Die Schwarzenbachs, Patrone des Engadiner Flughafens, des hiesigen Polo-Clubs und begeisterte Kunstsammler, gehören zu den reichsten Menschen der Schweiz. Vor uns hängt ein prächtiger, drei mal zwei Meter großer Basquiat aus den frühen achtziger Jahren, über den sich jedes Museum der Welt freuen würde. Die wütenden, schmierig-bunten Pinselstriche lassen an die Verzweiflung jener Zeit in der Lower East Side denken, an Armut und Graffiti, Heroin und Warhol. Der Bildraum könnte kaum weiter entfernt sein von dem Ort, an dem wir uns befinden, dem Zentrum des weißen europäischen Jetsets.

Am nächsten Morgen geht es los. Auf einem abgelegenen Perron des Bahnhofs von St. Moritz fährt langsam eine hundertjährige, originalgetreu restaurierte Bergbahn ein. Neben Hoffmann und Pace sind der Architekt Sir Norman Foster und seine Frau Elena gekommen und Michele Lamy, die Unternehmerin und Partnerin des Mode- designers Rick Owens, die mithilfe des Züricher Sternekochs Andreas Caminada Lunch-Bags für die Gäste vorbereitet hatte: exzellente Petits Fours und Foie Gras in schwarzen Owens-Ledertaschen.

"Schön" heißt in St. Moritz immer auch "diskret". What Could Happen ist in mancher Hinsicht das Gegenteil üblicher Kunstereignisse, die mit großem Aufwand auf allen PR-Kanälen beworben werden: Außer den Unterstützern dieser exklusiven Veranstaltung weiß fast niemand von ihr. Gerade mal 100 Kunstsammler aus England, USA, Singapur, Brasilien, Deutschland, Italien und der Schweiz sind eingeladen. Die meisten von ihnen kennen sich, weil sie viel Zeit im Engadin verbringen.

Giorgio Pace organisiert seit einigen Jahren Events für den kunstinteressierten St. Moritzer Jetset. Der Italiener, der in New York studiert und für das Guggenheim und die Venedig-Biennale gearbeitet hat, verbrachte die vergangenen drei Jahre mit der Vorbereitung von What Could Happen. Er hat Huyghe, Roche und Lacadée zusammengebracht, drei der interessantesten Gegenwartskünstler aus Frankreich. Er hat 300 je zwei Meter lange Skulpturteile aus Aluminium und Dämmschaum mit Helikoptern auf den Gletschersee Lej Nair transportieren lassen. Und er hat den historischen Zug besorgt.

Nur einer fehlt an diesem Morgen: Pierre Huyghe, der große Star. Stattdessen schickt er eine kleine Glasskulptur, die durch die Hände der Gäste geht. Sie erinnert an ein organisches Sci-Fi-Objekt, an ein durchsichtiges, trauriges Tier von einer anderen Welt. Huyghe hat die Skulptur MacGuffin genannt, nach dem Drehbuchwerkzeug, das in vielen Hitchcock-Filmen Anwendung fand: ein Handlungsmotivator, der den Plot in Bewegung setzt, sich im Laufe des Films aber als völlig nebensächlich herausstellt.

Auch was heute passieren wird, ist völlig offen. Keiner der Anwesenden weiß, was ihn erwartet. Als sich der Zug mit seinen Gästen in Bewegung setzt, geben Roche und Lacadée ein paar Anweisungen. Der Film, der während der Aktion gedreht wird, erfordere, dass die Anwesenden keine Sonnenbrillen und nur dunkle Kleidung tragen. Man solle so tun, als wäre man selbst auf dem Weg in ein Sanatorium. Unterhalten werde sich über nichts anderes als die eigenen Pathologien. Sie meinen das völlig ernst. Kurzzeitig hat man Angst, in eine semimorbide Gruselkitsch-Aktion für Reiche und Schöne geraten zu sein, doch beim Blick aus dem Fenster zerstreuen sich die Bedenken irgendwann.

Der große Coup dieser Reise ist das Engadin selbst. Es ist kaum möglich, seine Augen von dem Panorama abzuwenden, das vor einem liegt. Lange bevor sich die Superreichen diesen Landstrich zu ihrem Winterdomizil auserkoren hatten, bevölkerten ihn Künstler und Schriftsteller. Neben Thomas Mann kamen Friedrich Nietzsche, Marcel Proust und Alberto Giacometti regelmäßig her, später Jean Cocteau und Claude Chabrol. In den vergangenen Jahren waren hier Thomas Demand, Andreas Gursky und Gerhard Richter oft zu Gast. Neuerdings etabliert sich das Engadin immer stärker auch als Kunstmarktstandort. Andrea Caratsch, Krystyna Gmurzynska und Patricia Low führen erfolgreiche Galerien in St. Moritz. Auch Bruno Bischofberger, der seine Galerieräume Ende des Jahres an Vito Schnabel weitergibt, hat hier in den vergangenen Jahren gute Geschäfte gemacht.

What Could Happen fügt sich nahtlos ein in diese Geschichte aus Geld und Exzentrik, eine Dekadenzinszenierung mit intellektuellem Unterbau. Im Zentrum des Films, der während des Happenings entsteht und Ende August in der Luma Foundation in Zürich seine Premiere feiern wird, steht eine ältere Frau (gespielt von der Schweizer Grande Dame Véronique Mermoud), die jedes Jahr die gleiche Reise zum Bernina-Hospiz hoch in den Alpen unternimmt. In dem einstigen Sanatorium hat Thomas Mann Tristan geschrieben, das Happening ist mit dem Datum, an dem die Novelle endet, abgestimmt. Es ist eine Trauerreise, auf der sich die alte Dame mit dem mysteriösen Tod ihres Sohnes auseinandersetzt. Erzählerische Passagen wechseln sich mit fantastischen Strecken ab und immer wieder mit diskursiven Interventionen zur Architektur, die die Engadiner Landschaft zerstört, zum Klimawandel, zum Mythos der sirenenhaften Schneehexe Diavolezza, die der Sage nach verschiedene Alpenjäger in den Tod lockte, und immer wieder zum Dignitas-Verein, der Menschen in der Schweiz bei der Durchführung des Suizids unterstützt.