"Ich glaube, man kann den Charakter von Menschen an ihrer Wohnung erkennen", sagt die Designerin Sandra Siewert an einem Morgen in ihrer lichten Küche im Berliner Stadtteil Wedding. Und ihre loftähnliche Wohnung mit Parkblick gefällt offenbar vielen.

"Drei Seiten mit Anfragen sind es mittlerweile", sagt Siewert und tippt auf ihr Tablet. Unter ihrem Finger fliegen Profile vorbei, aus London, Miami, Amsterdam. Alles Menschen, die die Fotos von den weiß gestrichenen Holzbalken, dem türkis gekachelten Bad, dem Kamin und dem Kelim im Internetportal Behomm gesehen haben und dachten: Da wollen wir Urlaub machen. Gerade erst hat ein Fotograf aus Thailand ein paar Nächte im Gästezimmer verbracht. Sein Koffer steht noch nebenan.

Siewert und ihr Mann, ein Bildhauer, bieten ihr Zuhause zum Tauschen an. Das Besondere: Alle Mitglieder im Portal sind Designer. Das vermittle ihr Sicherheit, so Siewert. "Es gibt bestimmt Wissenschaftler oder Bestatter, die ihre Wohnung mit einem Sinn für Ästhetik eingerichtet haben", sagt sie. Doch die eigenen Kollegen sind ihr näher: "Ich habe das Gefühl, ich kann sie besser einschätzen."

Vertrauen ist eine Währung geworden. Ohne das funktionieren diese neuen Reiseportale nicht. Sie beruhen darauf, dass man einem Fremden sein Gästebett oder gleich das Haus überlässt. Manche Plattformen wie Couchsurfing locken die Gastgeber damit, dass sie selbst auf ihren Reisen kostenlos unterschlüpfen können. Andere wie Airbnb versprechen manchen leicht verdientes Geld, etwa, wenn man selbst unterwegs ist und seine Wohnung nicht braucht. Diese neue Art des Konsumierens – indem man mit Fremden teilt, was man hat – zieht unter dem Stichwort Sharing Economy weite Kreise, von der alternativen Szene bis ins bürgerliche Milieu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Entsprechend bemühen sich die Portalbetreiber darum, das Vertrauen ihrer Kunden zu nähren. Bewertungen sind das geläufige Mittel, verranzte Wohnungen und flegelhafte Gäste auszusieben. Doch neuerdings geht der Trend dahin, von vornherein zu selektieren: Viele Portale richten sich an spezielle Zielgruppen und Bedürfnisse. Es gibt Kurioses wie Camp in My Garden, wo Menschen die Wiese hinterm Haus als Zeltplatz anbieten, und Praktisches wie Spinlister: eine Seite, auf der man sich am Ferienort von Privatleuten deren Fahrräder, Skier oder Surfboards leihen kann. Oft bekommen sie dafür ein paar Euro, aber darum geht es nicht. Bei diesen neuen Portalen überwiegt noch ein halb pragmatischer, halb altruistischer Impuls: Tauschen kann Reisen einfach machen. Obendrein hat man hier das Gefühl, unter seinesgleichen zu sein.

"Von der Auswahl auf normalen Tauschseiten fühlen sich die Leute mittlerweile überwältigt", sagt Zoie Kingsbery Coe. Sie zieht seit 2013 von New York aus das Portal Kid & Coe hoch, Zielgruppe: Familien. Vorher tourte sie als Managerin ihres Manns, eines DJs, durch die Welt, zwei Kinder im Schlepptau – und war genervt davon, ewig nach kindgerechten Apartments suchen zu müssen. Hotels waren ihr zu unpersönlich. "Ich wollte erleben, wie Alltag in Sydney oder Paris aussieht."

Die Checkliste unter den 640 Profilen ihrer Seite macht es für Eltern leicht: Sie erfahren, welcher Hochstuhl parat steht, sehen, dass es ein Kinderzimmer mit Bauklötzen gibt, finden sogar Tipps für Spielplätze und die Nummer eines Babysitters.

Coe kommt wegen ihrer jungen Firma zurzeit kaum dazu, ihr Angebot selbst zu nutzen. Es klingt ein wenig neidisch, wenn sie von Familien erzählt, die ein Sabbatical im Ausland organisieren: "Die machen das einfach." Sie findet, Eltern sollten schon darum reisen, um andere Erziehungsstile zu erleben: "In Spanien dürfen die Kinder ewig wach bleiben, in Dänemark lässt man sie im Kinderwagen vor dem Café", erzählt sie von eigenen Aha-Momenten. "Ich habe meine Gewohnheiten hinterfragt. Das hat mich zu einer besseren Mutter gemacht."

Während man für Coes Portal nur Kinder braucht, sind die Kriterien bei Behomm strikter. "Es sollen Menschen sein, die beruflich mit Formen und Farben zu tun haben", erklärt Eva Calduch via Skype das Auswahlprinzip. "Dann wissen wir einfach: Wir passen mit ihnen und ihrer Art zu leben zusammen." Was das heißt, sieht man dank Handykamera hinter ihr in dem Grafikdesignstudio, das sie und ihr Mann Agustí Juste in Barcelona betreiben: schwarze Fabriklampen, die Büroküche ist offen und schnörkellos. Momentan machen bei Behomm 1.500 Architekten, Modestylisten und andere Kreative mit; darunter bekannte Gesichter. Sie wohnen nicht alle in Luxusappartements, sondern auch in normalen Zweizimmerwohnungen.