Wenn 14 Nobelpreisträger vor einer profanen Parlamentsanhörung öffentlich mahnen ("erheblicher Rückschritt") und mehr als 150 Forschungs- und Patientenorganisationen in diese Warnung einstimmen, dann kann das nur heißen: Hier steht etwas Fundamentales auf dem Spiel, und augenscheinlich wähnen sich die Wissenschaftler dabei in der Defensive.

Sie wandten sich gegen die europäische Bürgerinitiative Stop Vivisection. Unterstützt von 1,2 Millionen Unterschriften, hatte sie ihr Anliegen am Montag dieser Woche dem Europäischen Parlament vorgetragen. Die Initiatoren fordern eine Aufhebung der geltenden "Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere" und ein Ende aller Tierversuche.

"Die Aufhebung der Richtlinie würde sowohl für den Tierschutz in der EU als auch im Hinblick auf die führende Rolle Europas in der Förderung der Gesundheit von Mensch und Tier einen erheblichen Rückschritt darstellen", warnten die Nobelpreisträger am Freitag vor der Anhörung in der FAZ, unter ihnen vier Deutsche (der Physiker Erwin Neher, die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard, der Physiologe Bert Sakmann und der Biochemiker Thomas Südhof).

Ihr Eintreten für die Möglichkeit, auch weiterhin an Labortieren zu forschen, folgt einer breiten Welle der Solidarität mit dem Tübinger Neurowissenschaftler Nikos Logothetis, der Ende April angekündigt hatte, künftig keine Experimente an Affen mehr durchzuführen. Sein Rückzug ist das Ergebnis einer monatelangen Kampagne, in der Tierschützer auch vor Schmähungen und Drohungen nicht haltmachten.

Unversöhnlich erscheinen die Fronten pro und contra Tierversuche, ungleich verteilt ist auch die öffentliche Aufmerksamkeit. Und die Argumente?

1. Wie argumentieren die Gegner?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Anders als viele Tierschutzgruppen beruft sich die Bürgerinitiative nicht allein auf ethische Probleme, die die Verwendung von Tieren für wissenschaftliche Zwecke aufwirft. Sie bezweifelt auch, dass die "Nutzung von 'Modellorganismen'" überhaupt "bei der Beurteilung von Aspekten der menschlichen Gesundheit" helfen könne. Es gebe keinerlei Daten, "die die Wirksamkeit und Zuverlässigkeit dieser Modelle untermauern würden", so die Kritik. Vielmehr hätten Studien ergeben, dass Tierversuche keinerlei Aussagekraft hätten.

2. Sind solche Versuche tatsächlich nutzlos?

Einige Studien, die die Initiative anführt, weisen in der Tat darauf hin, dass Ergebnisse aus Tierversuchen sich nicht immer oder nur bedingt auf uns Menschen übertragen lassen. Aus diesem Grund werden keine Arzneien zugelassen, deren Wirkung nicht in klinischen Studien am Menschen erprobt wurde – selbst wenn sie sich bei Mäusen oder Ratten als äußert vielversprechend erwiesen haben. Zwecklos ist das Tiermodell dennoch nicht. Gäbe es vorher keine Tierversuche, würden sich auch gefährliche Nebenwirkungen erst an menschlichen Versuchspersonen zeigen.

3. Gibt es noch immer keine Alternativen?

Doch, die gibt es, und sie werden auch zunehmend eingesetzt: So prüft man die Hautverträglichkeit von Arzneimitteln und Chemikalien zum Beispiel an Zellkulturen. Ob aber Gewebestücke auch als Modell für komplexere Körpervorgänge, etwa das Herz-Kreislauf-System, taugen, ist längst nicht belegt. Um das zu untersuchen, sind weitere Versuche nötig (auch Tierversuche). Und in bestimmten Bereichen wie etwa der Hirnforschung sind Alternativen kaum denkbar: Um die neuronalen Grundlagen des Denkens zu ergründen, ist der Blick in ein echtes Gehirn unerlässlich.

4. Können nicht zumindest Grundlagenforscher auf Tierversuche verzichten?

Den Nutzen von Grundlagenforschung sieht man oft erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten. Von vornherein auf Tierversuche zu verzichten, würde bedeuten, viele Körperfunktionen nicht genauer zu verstehen – und womöglich auch viele Fehlfunktionen nicht. Auf diesem Wissen fußt aber jede neue Therapie. Auch Nikos Logothetis untersuchte die neuronalen Grundlagen des Gedächtnisses nicht aus reiner Neugier. Der Tübinger Forscher hoffte, dass seine Erkenntnisse beim Verständnis psychiatrischer Krankheiten helfen würden.

5. Welche politischen Konsequenzen hat die Anhörung im Brüsseler Parlament?

Die EU-Kommission ist verpflichtet, auf die Forderung der Initiative zu antworten. Weist sie diese zurück, muss sie das begründen. Eine Zustimmung ist hingegen unwahrscheinlich – bislang konnte noch keine Bürgerinitiative eine Gesetzesänderung herbeiführen. Sollte die Kommission aber tatsächlich beschließen, die aktuelle Direktive 2010/63/EU zu entkräften, wäre das kein Fortschritt für den Tierschutz: Europa würde auf die Richtlinie aus dem Jahr 1986 zurückfallen, in der Tierversuche noch nicht so strengen Regeln unterworfen waren. Verböte die Kommission Tierversuche mit einer neuen Richtlinie gar komplett, stünde Europa vor zahllosen neuen Problemen. Renommierte Forscher würden ins Ausland abwandern. Und die Erforschung neuer Arzneimittel und Therapien dürfte erlahmen.