Nach jedem unserer Volleyball-Trainings hatte R. noch ein fixes Tinder-Date irgendwo in der Stadt. Meistens dauerte es nicht länger als eine Stunde, und wir trafen uns nach ihrem Date noch auf ein Bier. In der Regel fand das Date keine Fortsetzung, weil es zwar digital getindert – zu Deutsch gezundert – hatte, aber im echten Leben doch nicht gefunzt. Ich müsse trotzdem unbedingt diese App installieren, versicherte mir R. Man würde dort dauernd neue Leute zum Kennenlernen angeboten bekommen. Wozu? Freundschaft, Flirts, Sex, die große Liebe – whatever. Als ob es mir daran mangeln würde, wehrte ich ab. Es gehe nicht um Mangel, nur weil da ein Angebot sei, behauptete R. und erklärte mir ganz nebenbei den All-you-can-eat-Kapitalismus dieser sagenhaften App.

Als ich eines Tages nach dem Training noch ein bisschen in der Sonne saß und mich langweilte, verirrte sich mein Zeigefinger in den App-Store. Erst installierte ich einen digitalen Fahrkartenkaufservice, dann rief ich drei Personen an, die alle nicht ans Telefon gingen, schließlich installierte ich Tinder. Mein damaliges Facebook-Profilfoto, auf das Tinder automatisch zugreift, zeigte mich unter einer Basecap im Kapuzenpulli. Es sah sympathisch, sportlich, aber nicht besonders sexy aus. Da Tinder ein Medium für den ersten Blick ist, Ironie oder Inkognito-Verhalten denkerische Verzögerung bedeuten und Tinder kein Herz für Flaneure hat, erhielt ich keinen einzigen Match.

Match bedeutet in der Sprache von Tinder: Ich sehe eine mir nicht übel erscheinende Person im von der App geführten Katalog verfügbarer Menschen, drücke auf ein Herzchen oder wische auf dem Display kontraintuitiv nach rechts (links heißt "löschen") und erhalte einen Match, wenn diese Person das Gleiche mit mir tut. Erst dann können wir miteinander kommunizieren. Wie ich später bemerkte, kommunizieren die meisten Matches aber nicht. Auf Tinder gibt es zwei Typen von ihnen. Die einen sagen innerhalb von drei Sekunden: "Hi! Du hast tolle weiße Zähne!" Die anderen schweigen beharrlich, reagieren auch nicht auf eigeninitiatives "Welche Zahnpasta benutzt du?". Die einen sind die Jäger, die anderen nur Sammler.

Ich stelle mir vor, dass sie vor dem Schlafengehen kurz ihre Trefferliste durchforsten mit dem befriedigenden Gefühl, Optionen zu haben. Gab es nicht eine Studie über japanische Jugendliche, die auf echte zwischenmenschliche Beziehungen zugunsten von Netzromantik verzichteten? Die Untätigkeit der Sammler lässt die These von der realgeschlechtlichen Inaktivität auch hier plausibel erscheinen. Wären da nicht die Jäger! Aber dazu später, denn zunächst wurde ich ja nicht gejagt.

Ich deinstallierte die App nach einem Tag wieder – angeekelt von dem proletenhaften Angebot und meinen so großzügigen wie erfolglosen Versuchen, durch gelegentliches Liken Matches möglich zu machen. Ich hatte es nicht nötig. Schluss, sagte ich zu R. Als hätte man nicht schon genug zu tun. Als wäre diese App nicht eine ekelhafte Fleischbeschau, fast ausschließlich von scheelen Leuten bevölkert, die aus weiß Gott welchen Gründen ihre Würde mit peinlichen Surferposen aufs Spiel setzen.

Zwei Monate später gab ich der Sache noch eine Chance. Diesmal mit einem Foto, das sofort viele Matches nach sich zog. Darunter auch solche, die sich später auf meine weißen Zähne beriefen. Eine Kollegin von mir war auch gerade neu auf dem Radar der App. Wir benannten die Matches in Matjes um, und das Spannendste an unserem Getindere wurde nun der in Echtzeit geführte Austausch über unsere Ausbeute.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Mein erster Matjes zeigte sich aufgeschlossen, aber sprachlich spröde. Meine Witze verfingen nicht. Nach drei Einträgen sah ich mich schon gelangweilt an einem Neuköllner Tresen sitzen. Ich vertröstete ihn auf die kommende Woche und versuchte als Nächstes, herauszufinden, ob der freundliche Fotograf aus albanisch-assyrisch-palästinensischer Familie, der mich an den jungen Pasolini erinnert hatte, eine Glatze trug. Sein Profilfoto war oberhalb der Augenbrauen abgeschnitten, und er wollte mir partout nichts anderes schicken. Nach langem Hin und Her stellte er mir kurzzeitig eine Ganzkörperaufnahme zur Verfügung. Er trug ein Basecap, und so blieben alle Fragen offen. Die nächsten drei Matjes waren schweigsam. Ein Ü-40-jähriger Grauschimmel, der das Aussehen eines patenten Vorabendserien-Frauenarztes hatte, schlug um 23 Uhr vor, sich noch zu treffen. "Hast du noch Lust?", fragte er. "Lust wozu?", fragte ich kryptodümmlich. "Na, dich verwöhnen zu lassen", raunte er. "Worauf freut sich die Muschi am meisten?", schrieb ich nun verrucht. "Ich weiß nicht?" – "Auf den Muskelkater." Danach löschte ich die Korrespondenz.

In den nächsten Tagen entwickelte ich digitales Suchtverhalten. In der S-Bahn, in der Mittagspause, zwischendrin oder beim Friseur blätterte ich das aktuelle Tinder-Tagesangebot durch. Je öfter man sich dort aufhält, desto schneller gehen einem die Gesichter aus. Bald schon empfand ich die von Tinder generierte Nachricht "Es sind keine neuen Leute in deiner Umgebung" als äußerst frustrierend. Wie kann es sein, dass etwas "aus" ist, was theoretisch auf die Unendlichkeit ausgerichtet ist – endlose Kombinationen menschlicher Paarungen, endloses Glücksversprechen, sie konnte nicht begrenzt sein, diese Spielbank der Liebe. Sollte ich meine Suchkriterien erweitern? Die Altersgrenze auf fünfzig hochschrauben? Senken, das hatte ich bereits bemerkt, brachte nichts. Ich stieg auf Frauen um: eine hübscher als die andere. Bei zweien, einer braunen Schönheit und einer wild gelockten italienischen Musikerin, die in einem Fensterrahmen rauchte, entschloss ich mich zu einem Like. Doch keine Matches.