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Wer dieser Tage Ukraine sagt, denkt automatisch an Russland. Und daran, was nun geschieht: Krieg oder Frieden? Spätestens wenn Putin auf Mariupol vorrücken sollte, um sich eine Verbindung zur annektierten Krim zu bauen, spätestens dann wird man auch wieder an den Westen denken: Denn der müsste ja reagieren. Und es würde sich auf einmal herausstellen, dass es den einen Westen gar nicht gibt.

Stattdessen würde ein Problem zutage treten, das bisher hinter dem Konflikt mit Russland verborgen war. Das Problem zwischen Europa und Amerika. In Washington werden dann viele Waffen liefern wollen, in Brüssel nur wenige, in Berlin keiner. Und dann wird wieder die Frage auftauchen: Was wollen die Amerikaner eigentlich mit der Ukraine?

Noch vor wenigen Monaten baten die Ukrainer die USA um Panzer und Raketenabwehrsysteme, bekommen haben sie 300 amerikanische Militärberater, Geländewagen und Nachtsichtgeräte. Das war die Hilfe für ein Land im Krieg, und wer die Kluft zwischen ukrainischem Wunschdenken und amerikanischer Wunscherfüllung ausmisst, stellt fest: Mehr als Geste und Symbolik gab es bisher nicht.

Was bedeutet das?

Um das Verhältnis der Amerikaner zur Ukraine zu verstehen, muss man zu den Anfängen zurückgehen. Im Jahr 1991 reiste der US-Präsident George Bush Senior nach Kiew. Der Kalte Krieg war beendet, noch existierte die Sowjetunion, aber sie bröckelte. Der Westen hatte den Kalten Krieg gewonnen. Was jetzt? Bush hatte jedenfalls kein Interesse am vollständigen Untergang der Sowjetunion. Er fürchtete, dass es keine ordnende Macht mehr in der Region geben würde. Bush trat also vor die Abgeordneten des ukrainischen Parlaments und warnte vor ihrem Unabhängigkeitsdrang, vor einem "selbstmörderischen Nationalismus".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Die Ukrainer kümmerte das wenig. Im Dezember 1991 stimmten sie in einem landesweiten Referendum – auch auf der Krim – für ihre Unabhängigkeit. Das wiederum konnte Washington schlecht ignorieren, und die Zusammenarbeit mit Kiew wurde enger. Die Atomwaffen der Ukrainer wurden – in Kooperation mit Russland – entsorgt, ukrainische Soldaten in den USA fortgebildet. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatte die Ukraine mit keinem anderen Land so viele militärische Kooperationen wie mit den USA. Nicht einmal mit Russland. Man arbeitete mit der Nato zusammen, dachte gar an eine Mitgliedschaft, sogar als der Russland verbundene Viktor Janukowitsch an der Macht war. Die Russen störte das kaum.

Allzu lang hielt die Zweisamkeit jedoch nicht an. Denn die ökonomischen und politischen Reformen in der Ukraine kamen nicht in Gang, die Macht blieb korrupt, und nach und nach verloren die Amerikaner das Interesse an dem Land. Es erwachte erst wieder nach der Orangenen Revolution 2004, als Viktor Janukowitsch gestürzt wurde. Janukowitsch konnten Wahlfälschungen nachgewiesen werden, und im Dezember 2004 gewann sein Gegenspieler Viktor Juschtschenko. Der war ein prowestlicher Politiker, der Nähe zu Amerika garantierte, vielleicht auch dank seiner Ehefrau, die dort aufgewachsen war und sogar im amerikanischen Außenministerium gearbeitet hatte.

Aus jener Zeit rührt die These, die USA hätten in der Ukraine die Strippen gezogen. Der Journalist Ian Traynor erhob damals in der englischen Zeitung Guardian den Vorwurf, die Wahlkampagne von Juschtschenko sei eine amerikanische Machenschaft gewesen. Als Beweis führte Traynor Wahlbeobachter und Protestgruppen an, die mit amerikanischem Geld ausgebildet wurden, sowie von Amerika finanzierte Hochrechnungen, die den Vorwurf der Wahlfälschung gegen Janukowitsch untermauern sollten.

Traynors These wird nicht von vielen, doch aber von dem renommierten Professor John Mearsheimer geteilt, der an der Universität von Chicago Politikwissenschaft lehrt. Ihm zufolge setzt Washington die Politik der Einmischung in der Ukraine noch immer fort, auch zehn Jahre nach der Orangenen Revolution. Für ihn steht daher fest: Die Proteste auf dem Maidan, die schließlich am 22. Februar 2014 in dem Sturz von Ministerpräsident Viktor Janukowitsch mündeten, waren von den Amerikanern über Jahre mit viel Geld vorbereitet worden. Ein Staatsstreich. "Amerika wollte einen Machtwechsel, denn es wollte Einfluss auf die Ukraine gewinnen."

An dieser Stelle der Geschichte wird stets eine große Summe erwähnt, außerdem ein Telefonat.

Fünf Milliarden Dollar für eine Revolution?

Von fünf Milliarden Dollar an die Ukraine sprach die amerikanische Staatssekretärin für Außenpolitik, Victoria Nuland, in einem Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew am 28. Januar 2014. Das war wenige Wochen bevor Viktor Janukowitsch, der mittlerweile zum Präsidenten der Ukraine aufgestiegen war, aus dem Amt floh. Nuland sprach außerdem darüber, wer aus der Opposition in die Regierung wechseln sollte, ganz so, als könnte sie das beeinflussen. All das kam heraus, weil das Gespräch abgehört wurde und offenbar vom ukrainischen Geheimdienst, loyal zu Janukowitsch, veröffentlicht wurde.

Fünf Milliarden Dollar. Auf den ersten Blick eine gewaltige Summe – aber gewaltig genug, um damit eine Revolution zu kaufen?

Das Geld floss zwischen 1991 und 2014. Die größte Summe kam vom amerikanischen Außenministerium und von staatlichen Organisationen wie der United States Agency for International Development (USAID). John F. Kennedy hatte diese amerikanische Behörde für Entwicklungshilfe ins Leben gerufen. Einer ihrer Vorläufer war der Marshallplan, mit dessen Unterstützung das zerstörte Nachkriegseuropa wieder aufgebaut wurde.

Die Mittel der Behörde stammen aus dem Bundeshaushalt, im Jahr 2016 wird USAID weltweit 22,3 Milliarden Dollar ausgeben dürfen. Die Agentur muss sich dabei jedoch an die außenpolitischen Richtlinien des Präsidenten halten, sie ist also ein politisches Instrument. Und natürlich agiert sie nie zwecklos. Aber wie wird das Geld eingesetzt?

Der Kiewer Sitz der USAID liegt am Rande der Stadt, auf demselben Grundstück wie die amerikanische Botschaft. Gigantische Gebäude, die von einem meterhohen Zaun geschützt werden. Keine andere Frage hat Ann Marie Yastishock, die stellvertretende Leiterin von USAID in der Region, so oft gehört wie die nach dem Geld. "Wir finanzieren keine Revolutionen, wir unterstützen die Zivilgesellschaft und NGOs", antwortet sie. "Wir haben weder die Orangene Revolution im Jahr 2004 finanziert noch die Maidan-Proteste 2014. Das da draußen auf dem Maidan waren die Bürger, die sich gegen ihre korrupte Regierung erhoben hatten."

Im Jahr 1992 wurde USAID auf Einladung der damaligen Regierung in der Ukraine aktiv, so wie auch in Russland, in Georgien und in vielen anderen postsowjetischen Ländern. "Wir dachten damals, dass wir höchstens 20 Jahre hier sein würden und dann würde hier alles blühen", erinnert sich Yastishock. Amerika hat in dieser Zeit mit viel Geld Projekte gefördert, mit denen die Demokratie entwickelt werden sollte: Antikorruptionsgruppen, Wahlbeobachtungen, Expertise für Abgeordnete. Weitaus mehr Geld hat es allerdings für Gesundheitsprojekte, Umweltprojekte und wirtschaftliche Entwicklung ausgegeben. Aber die Zuwendungen werden seit Jahren weniger. Waren es 2011 noch 195,6 Millionen Dollar, schrumpfte die Summe 2014 auf 86,1 Millionen. Erst für 2015 wurde sie wieder etwas aufgestockt.

Kann man mit diesen Summen Menschen dazu bringen, in wochenlangen Kämpfen ihr Leben auf dem Maidan zu riskieren?

Der russische Präsident Wladimir Putin scheint das zu glauben. Putin sieht in dem Geld aus dem Ausland eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Deshalb fallen in Russland NGOs, die Geld aus dem Ausland erhalten, mittlerweile unter ein "Agentengesetz". Amerikanische NGOs dürfen dort nicht mehr tätig sein. Die Stiftung des amerikanischen Investors George Soros musste ihre HIV-Vorsorge und ihre Methadon-Projekte abbrechen, seitdem steigt die Zahl der HIV-Infizierten wieder.

Umgekehrt investiert Putin seit der Orangenen Revolution 2004 in eine Reihe von NGOs, mit denen der russische Einfluss im Ausland ausgebaut werden soll. Seit 2012 fließen jährlich allein 130 Millionen Dollar in Organisationen, die in postsowjetischen Ländern und auf dem Balkan tätig sind, vor allem aber in der Ukraine. Und die Tendenz ist steigend. Das geht aus einer Studie hervor, die demnächst von Chatham House veröffentlicht wird, einem in London beheimateten, seriösen Thinktank, der maßgeblich von internationalen Konzernen finanziert wird. Seine Studie beschreibt ein gewaltiges Netzwerk im Dienst der russischen Sache, das versuche, durch Feindbilder, Bedrohungsszenarien und Manipulationen auf die Bevölkerungen einzuwirken und sie gegen den Westen einzunehmen. Der wichtigste Unterschied zu dem amerikanischen Soft-Power-Konzept sei, dass Russland nicht durch Attraktivität des eigenen Modells überzeugen wolle, sondern durch wirtschaftlichen Druck und politische Einschüchterung.

Doch selbst wer keinen Unterschied zwischen russischer und amerikanischer Einflussnahme macht, muss anerkennen: Keine Seite hat mehr die Oberhand, und keine ist ernstlich in der Lage, die Richtung der ukrainischen Geschichte zu steuern. Über ihre Zukunft haben die Ukrainer, schon damals, als George Bush zu ihnen sprach, immer wieder selbst entschieden.

Und so sollte es auch bleiben. Denn die Ukraine als geostratregisches Spielfeld äußerer Mächte, das wäre ein hochgefährliches Szenario. Etwa wenn US-Republikaner wie John McCain an die Macht kämen, die sich die Provokation der Russen nicht gefallen lassen würden.

"Die Russen bloß nicht provozieren"

Barack Obama denkt anders. Er weicht Konflikten mit Putin aus und möchte das Problem lieber Europa überlassen, sprich: Angela Merkel. "Kurz nach der Annexion der Krim durch Putin herrschte im Weißen Haus die Devise, die Russen bloß nicht zu provozieren", sagt Karen Donfried, die ehemalige Europa-Beraterin von Obama. Ein hoher Regierungsberater im Weißen Haus stellt die Zusammenhänge her: "Wir können mit dem Ukraine-Problem nicht isoliert umgehen, denn es geht dabei auch noch um andere Interessen. Wir wollen uns unsere Kommunikationswege mit den Russen zu Themen wie Syrien, IS, Assad oder Afghanistan offenhalten." Mit anderen Worten: Obama ist der Ansicht, dass er die Russen brauche.

In Kiew erzählt die Mitgründerin des unabhängigen Senders Hromadske TV, dessen internationale Sektion durch Spenden der Bürger, aber auch durch Mittel von Stiftungen der EU, der niederländischen und amerikanischen Botschaft finanziert wird, dass es schwer geworden sei, Geld von den Amerikanern zu bekommen. Und das, obwohl es unabhängige Medien in der Ukraine nur mit Unterstützung von außen geben kann. Den ukrainischen TV-Sendern, die in der Hand der Oligarchen seien, sei schließlich nicht zu trauen. Die Amerikaner aber seien verunsichert. Sie wollten um jeden Preis den Eindruck einer Einmischung verhindern.

Man erinnert sich in Washington noch gut an die Zeit nach dem Georgien-Krieg 2008, als die Beziehungen zwischen Bush-Amerika und Russland auf einem Tiefpunkt angelangt waren. Amerika hatte zuvor massiv Geld und Waffen nach Georgien gepumpt, um sich im Südkaukasus einen strategischen Brückenkopf aufzubauen, aber als Russland in Georgien einmarschierte, war es nicht bereit einzugreifen. Die Russlandpolitik Washingtons lag in Scherben. Im Jahr darauf wurde Obama Präsident und suchte einen Neuanfang mit Russland. Wirtschaft, Abrüstung, es gab viele gemeinsame Interessen. Karen Donfried sagt: "Wir waren der festen Überzeugung, Russland habe sich entschieden, mit dem Westen zu kooperieren, statt einen offenen militärischen Konflikt zu riskieren. Von den Ereignissen auf dem Maidan waren wir genauso überrascht wie von Putins Reaktion darauf. Wir wussten natürlich, dass Russland auf die Nato-Erweiterung sensibel reagiert hatte. Aber dass es auch auf ein EU-Assoziierungsabkommen so reagieren würden, hätten wir nicht gedacht."

Weil Obama eine Eskalation des Konfliktes vermeiden will, hat er sich auch bisher stets gegen Waffenlieferungen ausgesprochen. Denn wer Waffen liefert, begibt sich in die Aufrüstungslogik. Putin würde nicht tatenlos zusehen, sondern seinerseits weitere Waffen in die Ostukraine schicken. Auch aus diesem Grund hat Obama bislang nicht auf diejenigen in Washington gehört, die ein forscheres Vorgehen gegen Russland fordern. Die Ukraine sei keine Priorität der amerikanischen Politik, sagt der Regierungsberater, man kümmere sich momentan lediglich darum, die Sicherheitslage dort zu verbessern.

Das Interesse der Amerikaner an der Ukraine war im vergangenen Vierteljahrhundert also äußerst schwankend. Mal galt es dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, dann wieder dem strategischen Gegner Russland. Sollte die Situation in den kommenden Monaten erneut eskalieren, wird sich Amerikas Politik möglicherweise noch einmal ändern. Barack Obama wird dann erneut über die Waffenfrage nachdenken müssen. Denn seine politischen Gegner und einige seiner politischen Freunde werden ihn zu einer Antwort auf die Frage zwingen: Darf Amerika sich das von Putin gefallen lassen?

Und dann wird es wieder da sein, das Problem zwischen Amerika und Europa.

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