Von fünf Milliarden Dollar an die Ukraine sprach die amerikanische Staatssekretärin für Außenpolitik, Victoria Nuland, in einem Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew am 28. Januar 2014. Das war wenige Wochen bevor Viktor Janukowitsch, der mittlerweile zum Präsidenten der Ukraine aufgestiegen war, aus dem Amt floh. Nuland sprach außerdem darüber, wer aus der Opposition in die Regierung wechseln sollte, ganz so, als könnte sie das beeinflussen. All das kam heraus, weil das Gespräch abgehört wurde und offenbar vom ukrainischen Geheimdienst, loyal zu Janukowitsch, veröffentlicht wurde.

Fünf Milliarden Dollar. Auf den ersten Blick eine gewaltige Summe – aber gewaltig genug, um damit eine Revolution zu kaufen?

Das Geld floss zwischen 1991 und 2014. Die größte Summe kam vom amerikanischen Außenministerium und von staatlichen Organisationen wie der United States Agency for International Development (USAID). John F. Kennedy hatte diese amerikanische Behörde für Entwicklungshilfe ins Leben gerufen. Einer ihrer Vorläufer war der Marshallplan, mit dessen Unterstützung das zerstörte Nachkriegseuropa wieder aufgebaut wurde.

Die Mittel der Behörde stammen aus dem Bundeshaushalt, im Jahr 2016 wird USAID weltweit 22,3 Milliarden Dollar ausgeben dürfen. Die Agentur muss sich dabei jedoch an die außenpolitischen Richtlinien des Präsidenten halten, sie ist also ein politisches Instrument. Und natürlich agiert sie nie zwecklos. Aber wie wird das Geld eingesetzt?

Der Kiewer Sitz der USAID liegt am Rande der Stadt, auf demselben Grundstück wie die amerikanische Botschaft. Gigantische Gebäude, die von einem meterhohen Zaun geschützt werden. Keine andere Frage hat Ann Marie Yastishock, die stellvertretende Leiterin von USAID in der Region, so oft gehört wie die nach dem Geld. "Wir finanzieren keine Revolutionen, wir unterstützen die Zivilgesellschaft und NGOs", antwortet sie. "Wir haben weder die Orangene Revolution im Jahr 2004 finanziert noch die Maidan-Proteste 2014. Das da draußen auf dem Maidan waren die Bürger, die sich gegen ihre korrupte Regierung erhoben hatten."

Im Jahr 1992 wurde USAID auf Einladung der damaligen Regierung in der Ukraine aktiv, so wie auch in Russland, in Georgien und in vielen anderen postsowjetischen Ländern. "Wir dachten damals, dass wir höchstens 20 Jahre hier sein würden und dann würde hier alles blühen", erinnert sich Yastishock. Amerika hat in dieser Zeit mit viel Geld Projekte gefördert, mit denen die Demokratie entwickelt werden sollte: Antikorruptionsgruppen, Wahlbeobachtungen, Expertise für Abgeordnete. Weitaus mehr Geld hat es allerdings für Gesundheitsprojekte, Umweltprojekte und wirtschaftliche Entwicklung ausgegeben. Aber die Zuwendungen werden seit Jahren weniger. Waren es 2011 noch 195,6 Millionen Dollar, schrumpfte die Summe 2014 auf 86,1 Millionen. Erst für 2015 wurde sie wieder etwas aufgestockt.

Kann man mit diesen Summen Menschen dazu bringen, in wochenlangen Kämpfen ihr Leben auf dem Maidan zu riskieren?

Der russische Präsident Wladimir Putin scheint das zu glauben. Putin sieht in dem Geld aus dem Ausland eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Deshalb fallen in Russland NGOs, die Geld aus dem Ausland erhalten, mittlerweile unter ein "Agentengesetz". Amerikanische NGOs dürfen dort nicht mehr tätig sein. Die Stiftung des amerikanischen Investors George Soros musste ihre HIV-Vorsorge und ihre Methadon-Projekte abbrechen, seitdem steigt die Zahl der HIV-Infizierten wieder.

Umgekehrt investiert Putin seit der Orangenen Revolution 2004 in eine Reihe von NGOs, mit denen der russische Einfluss im Ausland ausgebaut werden soll. Seit 2012 fließen jährlich allein 130 Millionen Dollar in Organisationen, die in postsowjetischen Ländern und auf dem Balkan tätig sind, vor allem aber in der Ukraine. Und die Tendenz ist steigend. Das geht aus einer Studie hervor, die demnächst von Chatham House veröffentlicht wird, einem in London beheimateten, seriösen Thinktank, der maßgeblich von internationalen Konzernen finanziert wird. Seine Studie beschreibt ein gewaltiges Netzwerk im Dienst der russischen Sache, das versuche, durch Feindbilder, Bedrohungsszenarien und Manipulationen auf die Bevölkerungen einzuwirken und sie gegen den Westen einzunehmen. Der wichtigste Unterschied zu dem amerikanischen Soft-Power-Konzept sei, dass Russland nicht durch Attraktivität des eigenen Modells überzeugen wolle, sondern durch wirtschaftlichen Druck und politische Einschüchterung.

Doch selbst wer keinen Unterschied zwischen russischer und amerikanischer Einflussnahme macht, muss anerkennen: Keine Seite hat mehr die Oberhand, und keine ist ernstlich in der Lage, die Richtung der ukrainischen Geschichte zu steuern. Über ihre Zukunft haben die Ukrainer, schon damals, als George Bush zu ihnen sprach, immer wieder selbst entschieden.

Und so sollte es auch bleiben. Denn die Ukraine als geostratregisches Spielfeld äußerer Mächte, das wäre ein hochgefährliches Szenario. Etwa wenn US-Republikaner wie John McCain an die Macht kämen, die sich die Provokation der Russen nicht gefallen lassen würden.